Duell der Ungleichen Der Bürgermeister und sein Wadenbeißer

Hamburgs Erster Bürgermeister Ortwin Runde steht unter Beschuss. Sein gefährlichster Gegner ist ein politischer Nobody. Der beurlaubte Amtsrichter Ronald Schill spuckt große Töne und geriert sich rücksichtslos als Law-and-Order-Mann.

Von Marion Kraske


Ortwin Runde: Politik der leisen Töne
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Ortwin Runde: Politik der leisen Töne

Hamburg - Popstars haben es leichter. Hamburgs Bürgermeister wird dagegen selbst im Wahlkampf nicht immer erkannt. "Ist er das?", raunt ein Hamburger vor einem Kinderheim, bei dem sich der SPD-Politiker angesagt hat, unsicher. Und tatsächlich: Der Mann, der in diesem Moment aus einer dunklen Dienstlimousine steigt, ist der mächtigste Mann an der Elbe. Ortwin Runde. Unprätentiös blickt er in die Kameras, posiert im leicht zerknitterten Streifen-Hemd mit der stark ergrauten Volksschauspielerin Heidi Kabel am Arm für die Fotografen. Irgendwie sieht er dann so normal aus wie die Meute, die ihn umlagert.

"Wollen wir uns verkleiden?", scherzt Runde, als er für den offiziellen Teil des Termins sein Jackett überstreift. Und schon wird aus dem Mann, der optisch auch den Hausmeister mimen könnte, wieder der Senatspräsident, der Bürgermeister. Für einen Politiker ist Ortwin Runde ehrlich uneitel. "So ein kleiner Garten ist doch was richtig Schönes", lobt der SPD-Spitzenkandidat wenig später im Gespräch mit der Leiterin des Kinderheimes. Und weiter geht's in Sachen Eigenwerbung. Ein Schnack mit Gemüsehändlern auf dem Fuhlsbütteler Wochenmarkt: "So ein Markt ist ja was Schönes."

Ortwin Runde ist ein Mann der leisen Töne. Die Haare mal mehr, mal weniger akkurat nach rechts gescheitelt, will er "keine Botschaften vermitteln". Zuhören lautet seine Devise. "Nur so kann die Politik angemessen auf die Anliegen der Bürger reagieren", glaubt der gebürtige Ostpreuße, der - anders als sein Vorgänger Henning Voscherau - weniger hanseatischen Charme versprüht als den eines großen Teddybärs. Einsparungen im sozialen Bereich, die Bepflanzung der Beete, der störende Durchgangsverkehr - höflich lächelnd lauscht der 57-Jährige den Problemen seines Wahlvolkes.

Historischer Verlierer?

Nerven zeigt der studierte Diplom-Soziologe, der in seiner Partei eher zum linken Flügel zählt, nie. Auch nicht, wenn ihm Kritiker - auf die ausufernde offene Drogenszene am Hauptbahnhof anspielend - lautstark Versagen in der Drogenpolitik vorwerfen oder ihm wütend androhen, die verfilzten Genossen nicht mehr zu wählen. Alarmiert ist Runde trotz zur Schau getragener Gelassenheit dennoch. Schließlich könnte er als derjenige Politiker in die Geschichte eingehen, der die seit 1957 anhaltende SPD-Dauerregentschaft in der Hansestadt einbüßt. Runde droht das politische Debakel. Im August lag er einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Infratest dimap zufolge erstmals seit 1999 in Umfragen hinter seinem direkten CDU-Herausforderer, Ole von Beust. Ein Machtverlust von Rot-Grün - dem ersten Bündnis dieser Art in Hamburg - scheint damit immerhin möglich. Selbst Runde bekennt inzwischen: "Es gibt eine diffuse Wechselstimmung."

In seinem Wahlkampf setzt Runde auf Seriosität: Stabilität verspricht er und Prosperität durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Geschätzt wird der Erste Bürgermeister jedoch vor allem wegen seiner Bürgernähe und Glaubwürdigkeit. Sein ewig braun gebrannter Gegenpol von der CDU gilt dagegen als ideenreicher und führungsstärker. Dennoch - der eigentliche Gegner Rundes in dieser Wahlschlacht ist ein anderer: der inzwischen beurlaubte Amtsrichter Ronald Barnabas Schill.

Vom Nobody zum "Elb-Haider"

Ronald Schill: Weg mit den Drogendealern, "Schwanz ab" für Sexualstraftäter
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Ronald Schill: Weg mit den Drogendealern, "Schwanz ab" für Sexualstraftäter

Hamburg, wettert der 42-jährige Rechtsausleger seit Wochen, sei unter den Sozialdemokraten zu einer "Hauptstadt des Verbrechens" verkommen. Runde bellt für seine Verhältnisse inzwischen ungewöhnlich scharf zurück und brandmarkt Schill als "populistischen Simplifikateur" und "eine Gefahr für das internationale Ansehen der Stadt". Eine direkte Konfrontation mit dem Juristen lehnt der Bürgermeister allerdings kategorisch ab - eine Haltung, die ihm auch aus den eigenen Reihen Kritik einbrachte.

"Herzlich willkommen, liebe Störer", begrüßt Schill im perfekt sitzenden, dunklen Dreiteiler eine Gruppe von Juso-Mitgliedern, die seinen Wahlkampfauftritt im Hamburger Problemstadtteil Wilhelmsburg mit ironisch-frenetischem Applaus akustisch attackieren. Ermuntert durch die positiven Meinungsumfragen, die seiner Partei bis zu 15 Prozent zutrauen, gibt sich der sonst auch schon mal aufbrausende Jurist betont gelassen.

Schills Polit-Karriere ist noch relativ jung. Aus Verärgerung über die "Strafunwilligkeit" vieler Hamburger Richter gründete der Jurist vor etwa fünf Jahren seine eigene Partei der Rechtsstaatlichen Offensive. Seine Gerichtsurteile - eine psychisch kranke Frau, die Autos zerkratzte, verknackte er zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung - stießen nicht nur in der Öffentlichkeit auf Kritik. Auch in Justizkreisen gilt "Richter Gnadenlos", wie ihn die Presse taufte, mit dem stets etwas zerzausten Deckhaar und den scharf rasierten Kanten als nicht hoffähig. Erst kürzlich distanzierte sich der Deutsche Anwaltsverband öffentlich von ihm, nachdem Schill die Kastration nicht therapierfähiger Sexualstraftäter gefordert hatte. Eine Verurteilung Schills wegen Rechtsbeugung wurde inzwischen vom Bundesgerichtshof aufgehoben, das Verfahren muss nun neu aufgerollt werden.

In Wilhelmsburg gibt der Jurist, der bei einem CDU-Sieg als Innensenator im Gespräch ist, den Retter in der Not. Während er die "rechtsfreien Räume in Hamburg" kritisiert, "44 Jahre Selbstgefälligkeit und Filz", das "Schlaraffenland für Dealer" und deren "Verhätschelung durch Rot-Grün" brandmarkt, toben die Jusos mit La-Ola-Wellen durch den Saal. Schill lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, mal grinst er herausfordernd, mal scherzt er zynisch: "Diese Leibesübungen sind hervorragend, halten Sie sich fit, dann bekommen Sie irgendwann das Sportabzeichen." Der "Haider von der Elbe" hat Kreide gefressen - oder dazugelernt. Schließlich wird er seit einiger Zeit von einer befreundeten Psychologin trainiert. Demagogie für Einsteiger. Wenige Wochen zuvor hatte Schill bei einer Wahlkampfveranstaltung Demonstranten noch als "asoziales und hirnloses Pack" beschimpft, nachdem sie ihn mit "Nazi, Nazi"-Rufen betitelt hatten.

Der Sumo-Ringer und die Angstgemeinde

Auch im Wilhelmsburger Bürgerhaus skandieren die Jusos vereinzelt "Nazis raus". Nach einer Stunde ist dann Schluss. Der Veranstaltungsleiter, eine Mischung aus Sumo-Ringer und Reeperbahn-Kneipier, schickt die SPD-Jugendlichen aus dem Saal - getreu der Schillschen Devise: "Auf einen groben Klotz gehört auch ein grober Keil."

Nun gehört die Halle wieder ihnen: dem Hoffnungsträger und seiner Fangemeinde, unter ihnen die Zu-kurz-Gekommenen, Unzufriedenen, Ängstlichen, die in der Gesellschaft nichts zu melden haben. Allenfalls beim wöchentlichen Stammtisch in der Pinte oder im Kegelverein. Ergriffen lauschen sie ihrem Idol im feinen Zwirn und seinen Attacken - gegen den messerstechenden Türken, den drogendealenden Schwarzafrikaner und die 68er Generation, die in den Institutionen angekommen sei und laut Schill Schuld daran ist, dass sie, die rechtschaffenen Wilhelmsburger, nun Angst haben müssen.

Doch Schill wäre nicht Schill, wenn er nicht auch etwas anzubieten hätte. Ob gnadenloser Jugendarrest, Abschiebung straffälliger Ausländer oder Kastration nicht therapierbarer Sexualstraftäter. Einfache Lösungen für schwer Enttäuschte. Schill schwitzt, attackiert die strafunwilligen Verständnispädagogen, die mit jugendlichen Delinquenten, statt sie einzusperren, nach Australien und nach Nepal fahren. "Waren Sie etwa" - belustigt guckt er in die Reihen der Mittfünfziger, die ihn in ihren Stickblüschen und fallschirmseidenen Blousons erwartungsvoll anschauen - "Waren Sie etwa schon mal in Nepal?" "Nööö", grölt es in den Reihen. Die Fangemeinde ist begeistert und feiert klatschend ihren Helden. Zumindest in Wilhelmsburg hat Schill das Zeug zum Popstar.



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