Union und die Landwirte Immer noch Bauernpartei

Deutschlands dürregeplagte Bauern rufen um Hilfe. Vor allem bei der Union finden sie Gehör. Kein Wunder: Landwirte wählen traditionell konservativ.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner
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Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner

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Wenn Deutschlands Bauern angesichts der anhaltenden Hitze und Trockenheit in diesen Tagen nach staatlicher Nothilfe rufen, dann sind Vertreter von CDU und CSU besonders eilig zur Stelle. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) kündigte schnelle Unterstützung an. "Wir sollten nicht kleinlich sein", forderte auch Klöckners Parteikollege Volker Kauder. Und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erklärte, man stehe bereit, den Bauern zu helfen

Dass die dürregeplagten Landwirte vor allem bei Unionspolitikern Gehör finden, kann kaum verwundern. Denn die Bauern gelten noch immer als wichtige, weil treue Wählerklientel für CDU und CSU. Auch wenn ihr Anteil an der Gesamtwählerschaft immer kleiner geworden ist, will die Union diese loyale Gruppe auf keinen Fall verprellen. Zumal die Landwirte mit dem Deutschen Bauernverband (DBV) eine lautstarke Lobby haben.

Bei der letzten Bundestagswahl im September 2017 wählten laut Analyse der Forschungsgruppe Wahlen 61 Prozent aller Landwirte die Union. "Dann kommt lange nichts", sagt Andrea Wolf von der Forschungsgruppe. 14 Prozent der Bauern wählten die FDP, acht Prozent die AfD, fünf Prozent jeweils die Grünen und die SPD, vier Prozent die Linke.

Die Union war damit unter Landwirten fast doppelt so erfolgreich wie in der Gesamtbevölkerung und bei anderen Berufsgruppen: Knapp 33 Prozent aller Wähler wählten bei der Bundestagswahl CDU/CSU; unter Arbeitern, Angestellten, Beamten und Selbstständigen waren es zwischen 29 und 35 Prozent.

Die Dominanz der Union sei ein "typisches Muster", das bei verschiedenen Wahlen zu beobachten ist, sagt Wolf. Bei der Landtagswahl im ländlich geprägten Niedersachsen wählten im Oktober 2017 sogar 74 Prozent aller Bauern die Union. Bei der Bundestagswahl 2013 waren es ebenfalls 74 Prozent, 2009 immerhin 58 Prozent.

Auch eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey von Ende Juli unter mehr als 10.000 Wahlberechtigten zeigt, wie wichtig der ländliche - und damit auch landwirtschaftlich geprägte - Raum für CDU und CSU ist. Bei der Sonntagsfrage schnitt die Union in den Postleitzahl-Regionen mit der geringsten Bevölkerungsdichte mit 34,8 Prozent am besten ab. Im dicht besiedelten Großstadtmilieu kam sie nur auf 22,5 Prozent.

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Die größte Lobbyorganisation deutscher Landwirte ist der Deutsche Bauernverband (DBV). 18 Landes- und etwa 300 Kreisbauernverbände vereint der DBV unter seinem Dach. Die Organisationsdichte zählt zu den höchsten aller Berufsgruppen: Etwa 90 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe sind über die Landesgruppen im Bauernverband organisiert, rund 300.000 sind es insgesamt.

Zwar betont der Bauernverband gerne seine politische Unabhängigkeit. Doch die Nähe zu CDU und CSU ist kein Geheimnis - nicht nur weil Präsident Joachim Rukwied, wie viele seiner Vorgänger, CDU-Mitglied ist.

Die personellen Verflechtungen zwischen Bauernlobby und Politik wurden schon oft kritisch beleuchtet. Gerade im Agrarausschuss des Bundestags sind auch in dieser Wahlperiode einige Abgeordnete neben dem Mandat selbst in der Landwirtschaft tätig und auf Kreis- oder Landesebene auch im Bauernverband vertreten.

Der bayerische Landesverband des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) beklagte im vergangenen Jahr, dass im Freistaat "alle renommierten Funktionäre des Bauernverbandes von der Orts-, Kreis-, bis zur Bundesebene zu 80, 90 Prozent in Personalunion für die CSU unterwegs sind". Aus dieser Verflechtung ergebe "sich natürlich weitgehend ein Gleichklang in der politischen Positionierung".

Die Anliegen der Bauern gehen zwar oft über klassisch konservative Belange hinaus. "Dennoch ist gerade für die CDU/CSU der ländliche Raum wichtig, und Landwirte sind eine wichtige Wählergruppe", sagt Christian Rehmer, Leiter Agrarpolitik beim BUND. "Das ist noch immer so." SPD, Linke und Grüne seien in den Augen der Landwirte als politische Akteure kaum vorhanden.

Finanzhilfen wegen Ernteausfällen finden parteiübergreifend Unterstützung

Doch auch wenn die Bindung zwischen den Landwirten und der Union weiter eng ist - in der aktuellen Diskussion um Finanzhilfen wegen hitzebedingter Ernteausfälle finden die Belange der Bauern breite gesellschaftliche Zustimmung. Laut einer Civey-Umfrage sprachen sich fast zwei Drittel dafür aus, dass die Bundesregierung Finanzhilfen an Landwirte zahlt, die durch die aktuelle Dürre große Ernteausfälle hinnehmen mussten.

Die Zustimmung war parteiübergreifend: 68,1 Prozent der Teilnehmer, die die Absicht äußerten, im Bund für die Union zu stimmen, sprachen sich für die Hilfen aus - der höchste Wert unter den Parteien. Den niedrigsten Wert verzeichneten FDP-Wähler - allerdings waren es auch hier immerhin 58,7 Prozent.

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interessierter10 03.08.2018
1. Was haben die Landwirte auf DIE GRÜNEN geschimpft,
dämonisiert und versucht, verächtlich zu machen. Jetzt ist das eingetreten, wovor diese seit Jahrzehnten gewarnt haben, und nun ist das Gejammer groß. Mein Verständnis dafür ist auch daher ziemlich begrenzt.
Frau_Rasenmäher 03.08.2018
2.
Ich wette, das Ergebnis der Umfrage wäre anders ausgefallen, wenn die Frage gelautet hätte "Soll die Bundesregierung idustriellen landwirtschaftlichen Großbetrieben in der Dürre finanziell helfen?" Bei dem Wort "Bauer" denke ich an eher kleine überschaubare Einheiten. Ich habe kein Problem damit kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben unter die Arme zu greifen. Die können die Preise ihrer Produkte nicht beeinflussen und haben vermutlich nicht die finanziellen Möglichkeiten, Rücklagen zu bilden. Aber warum sollen meine Steuern an Großbetriebe gehen, die x-tausend Kühe oder Schweine halten und der Umwelt schaden?
yvowald@freenet.de 03.08.2018
3. Kleine Landwirte schauen in die Röhre
Wenn die EU und auch Bund und Länder die wirklich Bedürftigen, nämlich die kleinen Landwirte unterstützen würden, die oft wirklich am Rande eines Ruins stehen, wäre alles gut. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Da werden die industriellen Viehzucht-Betriebe unterstützt, die sich weder um echten Tierschutz noch um Umweltschutz kümmern. Darin liegt der eigentliche Skandal, den auch Julia Klöckner möglichst gut zu verstecken versucht.
ein Deutscher im Ausland 03.08.2018
4. Unverständlich
Es ist wie schon mehrfach geschrieben unverständlich das man hier überhaupt wegen einer saisonalen Schwankungen über Subventionen nachdenkt. Nicht ein Unternehmer welcher ebenfalls der Gefahr einer Saisonalen Schwankung unterliegt kann sich dann auf eine Subventionierung berufen. Auch kein Verbraucher kann bei steigenden Brotpreisen eine Subvention beantragen! Also gleiches Recht für alle! Und keine Subventionen.
BellSouth 03.08.2018
5. Ewig Gestrige!
Weder die Bauern noch die "Immer weiter so Partei CDU" haben die Zeichen der Zeit begriffen! Es reicht das Merkelschhe Prinzip für Propaganda und Agitation nun mal nicht, um die seit langem absehbaren Probleme mit dem üblichen Parteigetöse zu verharmlosen! Wir haben einen Klimawandel ohne wenn und aber! Egal ob Kohlekraftwerke oder die Landwirtschaft, alle sind gefordert und müssen sich den Gegebenheiten unterwerfen! Auch die immer wieder so "armen" Bauern! Wer betreibt eigentlich die Biogasanlagen, auf welchen Dächern findet man die größten Solaranlagen-Flächen und auf wessen Feldern stehen die meisten Windräder? Frau Klöckner sollte einmal mehr den Schlaf aus ihren Augen wischen und sich die Frage stellen wer hier eigentlich wirklich am Existenzminimum steht!!!! Bestimmt nicht diese Landwirt die am lautesten schreien und ihre viielen Nebeneinkünfte verschweigen! Die Diskussion ist und bleibt ekelhaft wenn nicht gerade in der Landwirtschaft ein radikales Umdenken und Handeln eintritt!
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