Prozess gegen Islamist B. Einmal Dschihad und zurück

Kerim Marc B. wollte für den IS kämpfen - und angeblich auch sterben. Doch der Islamist vom Niederrhein überlebte seine Mission in Syrien. Jetzt steht der mutmaßliche Terrorist in Düsseldorf vor Gericht.

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Bevor er in den Heiligen Krieg zog, schrieb Kerim Marc B. einen Brief an seine Mutter. "Ich bitte dich, nicht um mich zu weinen." Er habe keine Wahl, es wäre eine Schande für ihn, wenn er nicht kämpfte. Und es sei sein "größter Traum", in diesem Kampf für Allah sein Leben zu lassen. Staatsschützer stellten das Testament später bei einer Hausdurchsuchung sicher.

Doch der vermeintlich dringlichste Wunsch des Dschihadisten blieb unerfüllt. Nach anderthalb Jahren in Syrien kehrte er im Januar 2015 der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) den Rücken. Er reiste in die Türkei zurück, wo ihn nicht nur seine Mutter und Schwester erwarteten, sondern auch Polizisten. Von Mittwoch an wird sich der 23-Jährige nun vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten müssen.

Ursprünglich hatte der Generalbundesanwalt auch Anklage wegen Mordes erhoben. B. prahlte gegenüber Verwandten und Bekannten damit, bei Kämpfen in Syrien mehrere Menschen getötet zu haben. Einmal sprach er sogar von 16 Getöteten. Doch das Oberlandesgericht und auch der Bundesgerichtshof ließen den Mordvorwurf der Anklage nicht zu: Es sei nicht genau zu klären, wen, wann und unter welchen Umständen B. getötet haben solle, erklärten die Richter. Für Kerim Marc B. bedeutet die Entscheidung, dass er nicht mehr zu lebenslanger Haft verurteilt werden kann.

Sein Verteidiger, der Düsseldorfer Rechtsanwalt Johannes Pausch, begrüßte den Beschluss: "Die Gerichte sind unserem Antrag gefolgt. Wir sind sehr zufrieden, dass sich diese Auffassung nun durchgesetzt hat", so Pausch zu SPIEGEL ONLINE.

Schwarz und Weiß

Der Weg des Islamisten Kerim Marc B. begann in einem Städtchen im äußersten Westen des Landes, in Kranenburg am Niederrhein, unmittelbar an der niederländischen Grenze gelegen. In der erzkatholischen Gegend wuchs B. auf, seine Mutter stammt aus der Türkei. Als er 17 war, schickten ihn seine Eltern für drei Wochen auf eine Koranschule im Duisburger Stadtteil Meiderich.

Doch der dort gelehrte Glauben überzeugte B. nicht. Der Teenager suchte eindeutigere Antworten auf die existenziellen Fragen, er brauchte Schwarz und Weiß wie so viele, die in extremistische Kreise abgleiten. Aus Kerim Marc B. wurde ein Salafist, schon bald verkehrte er im Umfeld des später verbotenen Islamistentreffs "Millatu Ibrahim" in Solingen.

Wie schnell die Radikalisierung des Kerim Marc B. verlief, belegt auch ein vertraulicher Vermerk der Düsseldorfer Kripo aus dem April 2012. Damals wollten Bereitschaftspolizisten in der Nähe des Islamischen Zentrums eine Gruppe Salafisten kontrollieren. Doch die vermeintlich Frommen reagierten aggressiv: "Guck mich nicht an, du Wichser", schrie einer. Es kam zu einem Handgemenge, die Polizisten setzten Pfefferspray ein, doch zwei junge Männer konnten flüchten. Bei ihnen handelte es sich laut Polizei um Sascha B., damals 25, aus Remscheid und eben um Kerim B., seinerzeit 19. Gegen beide ermittelte zu dieser Zeit bereits der Staatsschutz.

1000 Dollar im Monat

Obwohl die Behörden im März 2013 schließlich den Reisepass des Salafisten B. einzogen und den Geltungsbereich des Personalausweises auf Deutschland beschränkten, gelang ihm die Ausreise nach Syrien: Er fuhr mit dem Zug nach Amsterdam, flog weiter nach Ankara und schlug sich über die Grenze ins Kriegsgebiet durch. Dort schloss er sich nach Erkenntnissen der Ermittler einer Kampfeinheit des IS an, die von einem Bosnier mit dem Kampfnamen "Abu Khalid" angeführt wurde. Auch soll B. an Gefechten beteiligt gewesen sein.

Als ihn ein Granatsplitter am Bein verletzte, flog B. im Januar 2014 zur Behandlung zurück nach Deutschland. Seine Mutter hatte ihm offenbar das Ticket besorgt. Den Sicherheitsbehörden gelang es trotzdem nicht, den Islamisten festzusetzen. Nach seiner Genesung zog Kerim Marc B. zurück in den Kampf, besorgte sich den Ermittlungen zufolge erneut Kalaschnikow und Handgranaten und stellte sich wieder dem IS zur Verfügung. 1000 Dollar soll er dafür monatlich von der Terrormiliz bekommen haben. "Ich gehe kämpfen, dafür bin ich in Syrien", schrieb er seiner Freundin per Telegramm. "Ich werde den Tod suchen."

Weshalb Kerim Marc B. das Schlachtfeld in Syrien schließlich doch lieber lebend verließ, ist den Ermittlern unklar. Vielleicht wollte er nicht ganz so schnell den Märtyrertod sterben, wie er anfänglich behauptet hatte. Von einer vollkommenen Deradikalisierung geht die Bundesanwaltschaft jedoch nicht aus. Noch in der Untersuchungshaft soll B. versucht haben, Mitgefangene für den IS zu begeistern. Diese könnten sich, so soll er laut Angaben von Zeugen gesagt haben, dort bestimmt gut integrieren und der Organisation sehr nützlich sein.


Zusammengefasst: Vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf beginnt am Mittwoch der Prozess gegen den Islamisten und mutmaßlichen IS-Kämpfer Kerim Marc B. Ihm wird Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Der Generalbundesanwalt hatte den 23-Jährigen auch wegen Mordes angeklagt, doch Senat und Bundesgerichtshof ließen den Vorwurf nicht zu. Er sei nicht ausreichend belegt, hieß es.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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