E-Mail-Affäre BND bespitzelte auch afghanisches Ministerium

Die Überwachungsmaßnahmen des BND in Afghanistan waren nach Informationen des SPIEGEL umfangreicher als bislang bekannt. Nicht nur das persönliche E-Mail-Konto von Handelsminister Farhang wurde ausgespäht - sondern auch das gesamte Computernetzwerk des Industrieministeriums.


Hamburg - Die Pullacher BND-Stelle "Operative Unterstützung und Lauschtechnik" (Opus), Referat 26E, hatte das Netzwerk mit einer speziellen Späh-Software infiziert, die in der Folge einen umfangreichen Schatz an Daten absaugte und nach Pullach übermittelte. Darunter befanden sich diverse Regierungs-Mail-Adressen, vertrauliche Dokumente, aber auch Passwörter.

Zentrale des BND in Pullach: Das Bundeskanzleramt hat eine Sonderprüfung eingeleitet
AP

Zentrale des BND in Pullach: Das Bundeskanzleramt hat eine Sonderprüfung eingeleitet

Auf diese Weise gelangte der Geheimdienst unter anderem an die Zugangsdaten für Farhangs persönliche Yahoo-Mail-Adresse. So konnten sich der BND während der am 6. Juni 2006 begonnenen gezielten Überwachung im Minister-Postfach einloggen. In der Folge konnten BND-Mitarbeiter monatelang auch Mails der SPIEGEL-Redakteurin Susanne Koelbl mitlesen.

Das Bundeskanzleramt will nun mit einer Sonderprüfung der Frage nachgehen, ob der BND im Zuge der Operation auch weitere afghanische Ministerien ausforschte. Die Aufarbeitung wird dadurch erschwert, dass offenbar die meisten Unterlagen über den Einsatz vernichtet worden sind.

Afghanische Regierung empört

Der afghanische Außenminister Rangin Dadfar Spanta sagte vor einem Gespräch mit seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier: "Ich bin entsetzt und abgestoßen von diesen Methoden, die in einem Rechtsstaat nichts zu suchen haben." Er wolle keinen "lauten Skandal", aber: "So etwas darf nie wieder passieren." Dies sei die Haltung der gesamten afghanischen Regierung.

Die aktuelle Affäre ist BND-intern nicht der erste Fall, in dem Online-Ausspähungen für massive Probleme sorgen. Die für Quellenführung zuständige Abteilung 1 hatte 2007 im Kongo Computer mit Trojanern infiziert, zur Absicherung des Bundeswehreinsatzes in dem afrikanischen Krisenland. Ein BND-Mitarbeiter missbrauchte die Schnüffeltechnik, um eine romantische Mail-Korrespondenz seiner Partnerin mit einem Bundeswehrangehörigen auszuforschen.

Anschließend wurden die Richtlinien für den Einsatz von Trojanern im BND verschärft. Nach einer Dienstanweisung des Kanzleramtes dürfen Online-Durchsuchungen vom BND ab sofort nur noch in Ausnahmefällen und nach persönlicher Genehmigung des Präsidenten angewandt werden.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.