E-Mail-Desaster: Wie Babette den Bundestag lahmlegte

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Politisches Kuriositätenkabinett: Der Bundestag ist von einer Spamwelle lahmgelegt worden - ausgelöst von den eigenen Mitarbeitern. Eigentlich wollte eine Angestellte nur eine banale Rundmail verschicken. Doch leider verklickte sie sich.

Screenshot eines elektronischen Posteingangsfaches im Bundestag am Mittwoch Zur Großansicht

Screenshot eines elektronischen Posteingangsfaches im Bundestag am Mittwoch

Berlin - So ausgelassen ist die Stimmung selten im Bundestag: Ein Anruf im Büro eines Grünen-Abgeordneten bringt an diesem Mittwoch erst einmal sekundenlanges Gelächter. Die Mitarbeiterin am Ende der Leitung kriegt sich kaum mehr ein. "Ja!", japst sie dazwischen, "wenn Sie wüssten, was hier los ist!"

Seit Stunden sickern kuriose Meldungen aus den Büros des Bundestags: Über Twitter und Blogs amüsieren sich Hunderte Menschen über eine E-Mail-Panne, die die Arbeit in der Volksvertreter-Zentrale erheblich behindert. Dazwischen mischt sich milde Verzweiflung - nein, man habe die E-Mail nicht bekommen, heißt es aus einem Büro, denn sie sei wahrscheinlich "untergegangen zwischen all den anderen".

Was ist da bloß passiert?

Der Bundestag wurde am Mittag durch eine Spamwelle, der Horror jedes E-Mail-Nutzers, lahmgelegt. Tausende Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung und der Abgeordnetenbüros waren betroffen. Allerdings wurde die Mailflut von den Abgeordneten und ihren Mitarbeitern selbst verursacht.

Babette schreibt an Britta - und alle kriegen es mit

Am Anfang stand die Nachricht, die neue Ausgabe von "Kürschners Handbuch" - ein Nachschlagewerk für Abgeordnete - sei gerade frisch erschienen. Der Hinweis wurde von der Öffentlichkeitsabteilung am Vormittag an mehrere interne Verteilerlisten gemailt - also an alle Menschen, die in ihrer Mail-Adresse "@bundestag.de" stehen haben. Circa 4000 Empfänger erreichte die E-Mail.

Eine Mitarbeiterin der Karlsruher Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl antwortete als erste auf die Rundmail, und zwar mit den Worten: "Liebe Britta, wenn Ihr Euch eindeckt, bringt Ihr mir eins mit? Danke und herzliche Grüße."

So weit, so harmlos - allerdings klickte die Mitarbeiterin, die mittlerweile auch eine Fanseite auf Facebook hat, wohl versehentlich auf "Allen antworten". Und verschickte ihre freundlichen Sätze damit auch an die mehreren tausend Adressaten. So bekamen alle mit, dass "Babette" von ihrer Kollegin "Britta" auch ein Exemplar mitgebracht haben möchte.

Einige der Empfänger sahen sich prompt angehalten, darauf zu reagieren. Sie beschwerten sich, man möge ihre Namen doch bitte "aus dem Verteiler entfernen". Kurioserweise klickten sie - man ahnt es bereits - ebenfalls auf "Allen antworten". Offenbar, ohne die Folgen zu bedenken. Den Beginn der darauf folgenden Aktion illustrieren diese Stichproben der Mailkonversation:

11.56 Uhr: Bitte aus dem Verteiler streichen, umgehend!!

12.06 Uhr: Warum bekomme ich alle Antworten zugemailt? Mich interessiert wenig, wer alles im Verteiler ist und wer rausgenommen werden soll!

12.15 Uhr: Jetzt reicht es aber! Was soll das? Das interessiert nicht a l l e. Das können Sie untereinander ausmachen und die betreffenden Personen anschreiben. Disziplin bitte!

"Ich möchte meine Mami grüßen"

Wohlgemerkt: Das ist nur ein kleiner Auszug der gesamten Flut im Posteingang. Denn schnell machten sich weitere Mitarbeiter einen Spaß aus der transparenten E-Mail-Debatte - und schickten neue Rundmails durch den Bundestag. Immer wieder: jawohl, an alle 4000 Empfänger. Einige von ihnen bewiesen dabei durchaus Humor im "Kürschnergate", wie die bizarre Aktion auf Twitter genannt wird, wie diese Kostproben zeigen:

"Ich möchte über diesen Weg meine Mami grüßen! HALLO!", schrieb eine Mitarbeiterin.

"Toll. Und wie die Chefs erst lachen werden, wenn ihr anfangt, das alles auszudrucken", warf ein anderer ein. "Herrlich."

Ein anderer freute sich über die ungewohnte Vernetzung der ansonsten so anonymen Mitarbeiter-Masse: "Also, ich find die Sache bisher großartig. Wir sollten das einmal im Monat durchführen, das verbindet!"

Seit Stunden wird nun quer über die Parteigrenzen hinweg munter hin- und hergemailt. Mittlerweile ist von knapp 200 Mails (Stand: Mittwoch 15 Uhr) die Rede, die zwischenzeitlich bei den Dienst-iPads für Abstürze sorgten, wissen Abgeordnete auf Twitter zu berichten.

"Verzögerungen bis zu 30 Minuten"

Die IT-Abteilung griff am Nachmittag ein: "Aus gegebenem Anlass wird hiermit daran erinnert, dass E-Mail-Verteiler ausschließlich für dienstliche Zwecke zu verwenden sind. Aufgrund des derzeitigen Missbrauchs des E-Mail-Systems können Zustellverzögerungen von bis zu 30 Minuten auftreten", heißt es in einer Nachricht an alle. Die natürlich wieder als Rundmail rausging.

Ein Ende scheint so schnell nicht in Sicht. Die meisten wissenschaftlichen Mitarbeiter saßen um die Mittagszeit herum in Ausschüssen, der ein oder andere Spaßvogel könnte noch reagieren. "Die E-Mail-an-alle-Lawine rollt unterdessen weiter", heißt es auf der offiziellen Seite des Bundestags.

Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, sieht es indes locker: "Ein falscher Klick und die Mailaccounts der Abgeordnetenbüros entwickeln sich zum sozialen Netzwerk", twitterte er.

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insgesamt 54 Beiträge
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1. eher peinlich als lustig
dakine 25.01.2012
Das dürfte eigentlich nicht möglich sein. Da hat die IT-Abteilung bei der Listenfunktion geschlafen.
2. ach Gott
adrianhb 25.01.2012
die Newsletterempfänger können sehen, wer den Newsletter noch bekommt? Und die Mailserver verkraften es nicht, wenn jeder Mitarbeiter 200 Mails bekommt? oh mein Gott, was für Zustände
3. Sturm im Wasserglas
Semjem 25.01.2012
Bei VW hat mal eine polnische Mitarbeiterin ein Handy gefunden und dieses per Verteiler jedem VW-Mitarbeiter weltweit mitgeteilt. Die Anzahl der Kaspernasen, die weltweit geantwortet haben, dass dieses nicht ihr Handy ist, war nicht besonders groß. Es ist schon bedenklich, dass den Leuten im Bundestag die nötige Ernsthaftigkeit fehlt, aber das passt schon zu der allgemeinen Qualität unser Politiker.
4. Take it easy
willi2007 25.01.2012
Schön wenn die Abgeordneten und Mitarbeiter des Bundestages auch einmal etwas zum Lachen haben. Ich musste beim Lesen des Artikels jedenfalls schmunzeln. So eine Panne sollte man mit Humor nehmen. Erinnert mich irgendwie an Facebookmitglier die mehr oder weniger unfreiwillig Gott und die Welt zur Party eingeladen hatten.
5. Spass muss sein !
katerramus 25.01.2012
Zitat von sysopPolitisches Kuriositätenkabinett: Der Bundestag ist von einer*ominösenSpamwelle lahmgelegt worden -*ausgelöst von den eigenen Mitarbeitern. Eigentlich wollte eine Angestellte nur eine banale Rundmail verschicken. Doch leider verklickte sie sich. E-Mail-Desaster: Wie Babette den Bundestag lahmlegte - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,811303,00.html)
kommt vermutlich selten genug vor, gönnen wir ihnen den Spass !!
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