Ärzte ohne Grenzen zu deutscher Ebola-Hilfe "Es geht um Stunden und Tage"

Deutschland muss schnell und entschlossen in die Ebola-Hilfe einsteigen - das fordert der deutsche Präsident von Ärzte ohne Grenzen. Im Interview erklärt Tankred Stöbe: Was die Bundesregierung bisher zusagt, reicht im Kampf gegen die Seuche nicht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Stöbe, Bundesverteidigungsministerin von der Leyen hat in den ersten 24 Stunden mehr als 500 Freiwillige mobilisiert, die in die von Ebola betroffenen Gebiete in Westafrika reisen werden. "Ärzte ohne Grenzen" ist seit Monaten in Westafrika unterwegs. Wie viele Freiwillige haben sie vor Ort?

Stöbe: Ärzte ohne Grenzen hat mittlerweile mehr als 2000 Mitarbeiter in den betroffenen Ländern. Diese Zahl können wir auch immer noch leicht steigern. Aber wir schaffen es als Einzelorganisation nicht mehr, den Ausbruch der Epidemie unter Kontrolle zu halten. Wir haben in den betroffenen Gebieten mehr als 600 Krankenbetten für Ebola-Patienten. Wir können jedoch längst nicht alle aufnehmen. Vor unseren Stationen spielen sich jeden Tag grausame Situationen ab: Wir müssen Kranke abweisen, Kinder sterben vor unseren Kliniken. Inzwischen werden Krematorien gebaut, um die große Zahl der verstorbenen Patienten zu verbrennen.

Zur Person
  • Barbara Sigge / Ärzte ohne Grenzen
    Tankred Stöbe, 45, ist Internist und arbeitet auf der Intensivstation eines Berliner Krankenhauses. Für Ärzte ohne Grenzen war er seit 2002 unter anderem in Burma, Thailand, Liberia, Somalia und Indonsien im Einsatz. Seit 2007 ist er Präsident der deutschen Sektion.
SPIEGEL ONLINE: Die Verteidigungsministerin sagt, sie brauche drei bis vier Wochen, bis der Einsatz begonnen werden könne - auch um das Personal zu schulen. Wie bereiten Sie ihre Mitarbeiter vor?

Stöbe: Wir haben in Brüssel ein Ausbildungszentrum, in dem wir schulen. Wichtig sind natürlich die Hygieneregeln. Ein Mitarbeiter, der müde wird, muss sich sofort auswechseln lassen. Auch eventuelle Krankheitssymptome müssen genau beachtet werden, um sie möglichst früh zu erfassen. Wie gehe ich mit den Kranken und deren Angehörigen um? Welche Patienten können aufgenommen werden, welche nicht? Das ist eine komplexe Sache.

SPIEGEL ONLINE: Sie bieten ein Training an?

Stöbe: Ja, wir können unsere zukünftigen Mitarbeiter in Brüssel schulen, sehr vereinzelt auch andere Akteure, die sich in Westafrika engagieren wollen. Die Frage ist jetzt, ob sich in Deutschland Mediziner und Hilfspersonal möglichst zeitnah für einen Einsatz mit anderen Organisationen in diesen Ländern gewinnen lassen. Zeitnah heißt aus Patientensicht: Es geht nicht um Wochen und Monate, sondern um Stunden und Tage.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland wird sich an einer internationalen Luftbrücke beteiligen, ein Feldlazarett mit 300 Betten und freiwillige Helfer schicken. Reicht das aus, oder ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Stöbe: Es ist ein allererster Schritt. Aber er wird natürlich nicht ausreichen. Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Epidemie noch weiter ausdehnt, dass es noch sehr viel mehr Infizierte und Tote gibt. Es gilt jetzt, international alles zu mobilisieren. Da wird auch die deutsche Regierung noch mehr möglich machen müssen als das, was bisher besprochen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wird es eine weitere Unterstützung der Bundesregierung geben?

Stöbe: Wir sind im regen Austausch mit der Bundesregierung. Jetzt freuen wir uns, dass nach Monaten erstmals positive Signale kommen. Das, was bisher schon versäumt wurde, ist dramatisch. Es muss jetzt noch viel stärker und schneller gehandelt werden. Die Geschichtsschreibung wird in Zukunft auf diese Krise zurückschauen, und dann wird gerichtet werden: Hat die weltweite Solidarität komplett versagt, oder gibt es doch noch ein Einholen?

Das Interview führte Moritz Mihm.

Katrin Elger/ DER SPIEGEL



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
berliner54 24.09.2014
1. Ist schon sehr problematisch
Egal, was in dieser Welt passiert an traurigen oder gar schrecklichen Ereignissen: immer wird Deutschland beschimpft, daran Schuld zu sein, zu wenig dagegen zu tun, das ganze nicht vorausgesehen zu haben, Experten zu ignorieren und und und ... Zum Teil stimmen diese Kritiken ja. Aber ist Deutschland wirklich verantwortlich für jeden Sch... auf dieser Welt? Muss Deutschland immer und überall den Vorreiter spielen bis hin zum Weltpolizisten? Bei dieser Ebola-Epidemie hat erst einmal die WHO komplett versagt, denn zuerst hat sie nur verharmlost und abgewiegelt. Erst nachdem auch dem Letzten klar wurde, dass die betroffenen Länder mit diesem Problem nicht klar kamen (da gab es zuerst auch nur Abwiegelung), ist die WHO aufgewacht. Das größte Problem ist aber, dass die sogenannten forschenden großen Pharmafirmen nicht genug Profit-Potential in der Anti-Ebola-Forschung gesehen haben und sich dementsprechend nicht um die Medikamenten-Entwicklung kümmerten. Die paar kleinen Firmen, die wirklich forschen, sind bei dieser Epidemie natürlich völlig überfordert. Darum gibt es auch nur wenig und ungetestetes Anti-Serum. Das völlig unakzeptable Verhalten der Regierungen, Behörden und Bevölkerung der in diesem Zusammenhang betroffenen Länder, vom unbedingt Affen essen wollen bis zur Aggressivität gegen Mediziner und generelles Ignorieren sinnvoller Verhaltensmaßregeln, hat ja erst zu dieser Ebola-Krise geführt. Wer möchte schon als Freiwilliger in eine Gegend, in der ich für mein Engagement von der einheimischen Bevölkerung mit dem Tode bedroht werde? Mein allerherzlichster Dank an Alle, die sich im Angesicht der Risiken dem "Ebola-Monster" entgegenstellen.
monotrom 24.09.2014
2.
@Berliner Naja, deutschstämmiger Arzt motzt über deutsche Regierung. Was würde es bringen, sich über Russland, China, Indien aufzuregen. Wenn man wiki glauben darf, gibt es lediglich 8 Kliniken in Deutschland, die mit Ebola adäquat umgehen können, davon 7 für Akutfällen eingerichtet. Das ist verdammt wenig. In Anbetracht dessen, wie oft es Hygieneskandale hierzulande in Krankenhäuser gab, wo es nicht mal für schlichtes Händewaschen gereicht hat, glaubt doch nicht wirklich jemand, das die BRD das auf einer Kehrseithälfte absitzen könnte. Also, JETZT oder nie.... Ohne Frage hat die WHO gepennt, aber die Schuldfrage läßt sich auch später klären.
Überraschung 24.09.2014
3. Schuld
Egal was auf der Welt passiert , es gibt immer einen der Deutschland ein schlechtes Gewinnen einredet. Machen wir uns endlich frei davon. Nachdem das Virus mit 5 Spezies und verschiedenen Subtypen vorkommt , sehe ich wenig Möglichkeiten in der Anti- Ebola Forschung nennenswerte Erfolge zu erzielen . Was passiert wenn das Virus mutiert . Unvorstellbar !Wie lang haben wir schon Krebsforschung, aber auch hier kein Durchbruch.
hman2 24.09.2014
4.
Zitat von berliner54Egal, was in dieser Welt passiert an traurigen oder gar schrecklichen Ereignissen: immer wird Deutschland beschimpft, daran Schuld zu sein, zu wenig dagegen zu tun, das ganze nicht vorausgesehen zu haben, Experten zu ignorieren und und und ... Zum Teil stimmen diese Kritiken ja. Aber ist Deutschland wirklich verantwortlich für jeden Sch... auf dieser Welt? Muss Deutschland immer und überall den Vorreiter spielen bis hin zum Weltpolizisten? Bei dieser Ebola-Epidemie hat erst einmal die WHO komplett versagt, denn zuerst hat sie nur verharmlost und abgewiegelt. Erst nachdem auch dem Letzten klar wurde, dass die betroffenen Länder mit diesem Problem nicht klar kamen (da gab es zuerst auch nur Abwiegelung), ist die WHO aufgewacht. Das größte Problem ist aber, dass die sogenannten forschenden großen Pharmafirmen nicht genug Profit-Potential in der Anti-Ebola-Forschung gesehen haben und sich dementsprechend nicht um die Medikamenten-Entwicklung kümmerten. Die paar kleinen Firmen, die wirklich forschen, sind bei dieser Epidemie natürlich völlig überfordert. Darum gibt es auch nur wenig und ungetestetes Anti-Serum. Das völlig unakzeptable Verhalten der Regierungen, Behörden und Bevölkerung der in diesem Zusammenhang betroffenen Länder, vom unbedingt Affen essen wollen bis zur Aggressivität gegen Mediziner und generelles Ignorieren sinnvoller Verhaltensmaßregeln, hat ja erst zu dieser Ebola-Krise geführt. Wer möchte schon als Freiwilliger in eine Gegend, in der ich für mein Engagement von der einheimischen Bevölkerung mit dem Tode bedroht werde? Mein allerherzlichster Dank an Alle, die sich im Angesicht der Risiken dem "Ebola-Monster" entgegenstellen.
Das Gegenteil ist richtig. Die WHO warnt seit vielen Monaten, nur hört ihr niemand in der Politik zu. Wie immer... Deutschland konnte so Dinge wie den Euro-Rettungsschirm in nur 24 Stunden durchs Parlament peitschen. Kanzlerin, Ministerin und Präsident werden nicht müde zu betonen, dass Deutschland jetzt endlich (!) mehr Verantwortung in der Welt übernehmen müsse. Aber damit meinen die immer nur unser Militär, nicht unsere Medizin... Dabei war Deutschland, von vielen unbemerkt, sogar im Vietnamkrieg (!) bereits tatkräftig dabei, Verantwortung an vorderster Front (wörtlich) zu übernehmen! Aber ohne Soldaten. Mit einem Lazarettschiff, die Helgoland. Fünf Jahre Einsatz, 150 Ärzte und Pfleger retteten 200.000 Patienten das Leben. Wer ist heue in Vietnam besser angesehen in der Zivilbevölkerung? Die Amis oder die Deutschen?
bartsuisse 24.09.2014
5. @berliner ja wenn man sich aufspielt
wie die Deutschen es gerne so oft tun und Grossmacht spielen will und einen Sitz im UNO Sicherheitsrat fordert, ja dann muss man erstens besser sein als andere und auvh mehr tun als andere. wenn man aber nur das Mauk weit aufreisst und nicht fähig ist termingerecht einen Flug nach Syrien zu organisieren, keine flugfähigen Helikopter hat und bei jeder Krise hinterherhinkt und pro Kopf weit weniger tut als andere Nationen ja dann geht es halt so.....dann ist man schuldig, unfähig und kleinlich....
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