Deutscher Ebola-Beauftragter Lindner "Auch ich habe ein mulmiges Gefühl"

Die Bundesregierung hat im Kampf gegen Ebola lange gezögert. Jetzt soll Walter Lindner die Maßnahmen koordinieren. Im Interview spricht er über die Arbeit der Ärzte und die eigenen Ängste im Umgang mit dem Virus.

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Ebola-Sonderbeauftragter Lindner: Erfahrener Diplomat
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Ebola-Sonderbeauftragter Lindner: Erfahrener Diplomat


Berlin - Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung im Kampf gegen Ebola ist derzeit vor allem auf Reisen. Walter Lindner, bis vor Kurzem Botschafter in Venezuela, will sich in Westafrika ein eigenes Bild von der Lage machen. Diese Woche geht es nach Sierra Leone.

Der 57-Jährige Diplomat, der von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) um die Übernahme der heiklen Aufgabe gebeten wurde, räumt ein, dass Berlin die Ebola-Epidemie unterschätzt hat. "Aber bei aller Kritik, wir handeln!", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. Derzeit würden die ersten freiwilligen Helfer der Bundeswehr und des Deutschen Roten Kreuzes ausgebildet, in einigen Wochen könnten sie vor Ort sein. "Wer weiß, wie schnell man sich infizieren kann, der weiß auch, wie wichtig eine sorgfältige Vorbereitung ist", sagt Lindner. Auch werde mit Hochdruck daran gearbeitet, schwer Infizierte mit eigenen Möglichkeiten nach Deutschland zur Behandlung auszufliegen. Über die Gefahr, sich durch Ebola anzustecken, sagt er: "Natürlich macht man sich wie alle, die dort vor Ort sind, seine Gedanken. Auch ich habe ein mulmiges Gefühl."

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

SPIEGEL ONLINE: Herr Lindner, Sie haben gerade die vom Virus betroffenen Länder Liberia und Guinea in Westafrika besucht, fliegen diese Woche nach Sierra Leone. Mit welchen Gefühlen reisen Sie dorthin?

Walter Lindner: Als Außenminister Frank-Walter Steinmeier mich bat, die Aufgabe zu übernehmen, war mir sofort klar, dass ich mir rasch ein Bild von der Lage vor Ort machen muss. Ich will nicht nur sehen, wie es in den Ländern aussieht. Ich will auch wissen, wie es den Millionen Menschen in Liberia, Guinea und Sierra Leone ergeht, was Ebola für ihr tägliches Leben bedeutet, was für die Gesellschaften. Natürlich macht man sich wie alle, die dort vor Ort sind, seine Gedanken. Auch ich habe ein mulmiges Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: Welchen ersten Eindruck haben Sie erhalten?

Lindner: In Liberia und Guinea stellt sich sofort ein Gefühl der Beklemmung ein, schon am Flughafen. Es gibt dort nur ein Thema - Ebola und die Gefährdung des eigenen Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich das konkret aus?

Lindner: Sie beobachten ständig ihren eigenen Körper auf mögliche Symptome. Ist die Temperatur erhöht? Haben sie Gliederschmerzen? Hinzu kommen die enormen gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen Auswirkungen. Sie dürfen niemanden berühren, niemandem die Hand geben, Sie haben eine permanente, vielleicht auch irrationale Furcht, sich doch angesteckt zu haben. Das betrifft alle Menschen, gleichgültig, aus welcher Schicht sie sind, ob in der Regierung oder anderswo. Hinzu kommt das Gefühl der Klaustrophobie, weil man aus diesen Ländern mit nur noch sehr wenigen Flügen rauskommen kann. Es war auch für mich nicht so einfach, überhaupt dorthin zu gelangen.

ZUR PERSON
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    Walter Lindner, Jahrgang 1956, wurde am 1. Oktober 2014 zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung für Ebola ernannt. Lindners berufliche Stationen sind vielfältig, er war unter anderem unter Außenminister Joschka Fischer (Grüne) dessen Sprecher. Sowohl in Kenia als auch zuletzt in Venezuela war er Botschafter der Bundesrepublik. Zwischenzeitlich leitete er auch das Krisenreaktionszentrum in Berlin. Den Posten des Ebola-Beauftragten nahm er auf Wunsch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) an.
SPIEGEL ONLINE: Hilfsorganisationen werfen der Bundesregierung vor, die Gefahr unterschätzt zu haben.

Lindner: Die internationale Gemeinschaft hat spät reagiert. Aber wir gehören zu jenen, die noch relativ rasch reagiert haben. Ich verstehe die Ungeduld, die manche haben. Die Hilfe läuft an - und wir tun alles, damit es so schnell wie möglich geschieht.

SPIEGEL ONLINE: Eine Organisation wie Ärzte ohne Grenzen lobt zwar die Fortschritte, die die Regierung bei der Ebola-Hilfe gemacht hat, sagt aber auch, es sei vor Ort noch nichts von deutscher Seite geschehen. Was antworten Sie?

Lindner: Ich habe den allergrößten Respekt vor Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen, die seit Anbeginn der Ebola-Krise vor Ort sind und die Lage genau kennen. Aber bei aller Kritik: Wir handeln! Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin hat vor Ort ein modernes Forschungslabor eingerichtet, das Befunde auf Ebola untersucht. Die Bundeswehr hat eine Luftbrücke in die Region aufgebaut, fliegt regelmäßig runter. Auch die Vorausteams vom Technischen Hilfswerk, vom Deutschen Roten Kreuz und der Bundeswehr waren vor Ort, um festzulegen, wo die Behandlungszentren errichtet werden.

SPIEGEL ONLINE: Was geschieht konkret?

Lindner: Diese Woche beginnen die Bundeswehr und das Deutsche Rote Kreuz in Deutschland mit der Ausbildung der Freiwilligen. Wer weiß, wie schnell man sich infizieren kann, der weiß auch, wie wichtig eine sorgfältige Vorbereitung ist. In einigen Wochen werden diese Helfer ausreisen, dann werden in Monrovia und Freetown, den Hauptstädten von Liberia und Sierra Leone, die Bettenstationen für die Betroffenen ihre Arbeit aufnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Bislang wurden drei Ebola-Patienten aus Afrika nach Deutschland mit privaten Anbietern in Spezialkliniken geflogen, einer verstarb. Wird die Bundeswehr auch Ebola-Patienten hierherbringen?

Lindner: Für leichte Infektionsfälle hat die Bundeswehr jetzt Isolierstationen erworben, die in den "Transall"-Maschinen integriert werden können. Für schwere Fälle greifen wir derzeit auf private Anbieter zurück. Wir arbeiten aber mit Hochdruck an einer eigenen Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt will die EU einen Sonderbeauftragten einrichten. Droht nun eine ausufernde Ebola-Bürokratie?

Lindner: Es ist gut, wenn die EU jetzt auch sichtbarer wird. Das betrifft vor allem viele kleinere Staaten, die nicht wie die größeren Länder mit eigenen Ärzteteams vor Ort sein können. Für sie ist eine europäische Plattform wichtig, an der sie sich mit Hilfen beteiligen können.

SPIEGEL ONLINE: In der EU wird unterschiedlich mit Ebola umgegangen. Tschechien verlangt auf den Flughäfen den Nachweis über die letzten Reisestationen. In Deutschland gibt es das nicht. Warum?

Lindner: Deutschland hat aus den betroffenen Ebola-Ländern keine Direktflüge. Aber es gibt in dieser Frage kein statisches Vorgehen. Alle sind sensibilisiert, die Lage wird permanent neu bewertet. Die Gesundheitsminister haben sich kürzlich getroffen, um auch über Fragen der Ein- und Ausreise an Flughäfen zu sprechen. Belgien will jetzt am Flughafen in Brüssel, wo es viele Direktflüge von und nach Afrika gibt, Temperaturmessungen bei Passagieren einführen, Frankreich tut es schon, Großbritannien auch. Die Diskussionen über solche Fragen gehen in der EU weiter, auch bei uns im Krisenstab.

Das Interview führte Severin Weiland

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Newspeak 22.10.2014
1. ...
Hinzu kommt das Gefühl der Klaustrophobie, weil man aus diesen Ländern mit nur noch sehr wenigen Flügen rauskommen kann. Es war auch für mich nicht so einfach, überhaupt dorthin zu gelangen. Dafür wäre eigentlich die Bundeswehr zuständig, statt in allen möglichen Staaten der Welt herumzupfuschen. Wenn sich Ebola erst mal über den zivilen Luftverkehr verbreitet hat, wider jede Beteuerung, man habe die Lage unter Kontrolle, dann werden Politiker wieder irgendwelche Ausreden haben, warum das niemand hat kommen sehen können...das interessiert dann aber auch keinen mehr, weil dann die Menschen zu Tausenden weltweit sterben werden. Man fragt sich, wann die Vernunft aus der Welt verschwunden ist? Unsere Vorfahren wussten noch, was das Wort Quarantäne bedeutet und sie wussten vor allem, weshalb man lieber "unnötig" streng vorgeht, anstatt zu lasch.
ellenbetti 22.10.2014
2. WAS bitte macht die EU ?
jetzt da alle Länder der EU irgendwie koordiniert handeln sollten, macht jeder irgendwas. Gut wir die SPD haben war sicher nicht mein erster Gedanke. Als Ebola aufkam habe ich zuerst an die Flughäfen gedacht aber das sind so 4 - 6 Wochen her. Zum Training fliegen wir totgeweihte ein. Das geht auch. Sind ja nur Menschen. Vielleicht wäre es besser an der Ursache oder in dem Ursprungsland zu arbeiten. Wer hat bloss die Kanzlerin aufgeschreckt. Und die EU in Brüssel arbeitet nicht. Ausser es geht irgendwie um Geld, Frankreich, Rettung, Esm.........
joG 22.10.2014
3. Es erinnert mich an das Verhalten hier als man sich verpflichtet hatte....
....die Polizei in Afghanistan auszubilden. Da hat man auch so lange gezögert und mit der Gefahr argumentiert, bis Andere die Aufgabe übernommen haben. Das ist auch eine der Gründe, weshalb es dort zu wenig ausgebildete Polizisten gibt und die Ordnung nicht greifen kann. In diesem Fall werden halt Leute an der Krankheit sterben, die man hätte rettenkönnen. Trittbrettfahrer der internationalen Sicherheit und anderer öffentlicher Aufgaben. Wie immer.
lorhinger 22.10.2014
4. was passiert eigentlich,
wenn die ISIS absichtlich infizierte Gotteskrieger*hust in die Metropolen der Welt schickt, Fanatiker dafür lassen sich sicher finden und die Einreise wird bei dem.löchrigen System sicher gelingen können. Dann ist das Stoffwechselabführprodukt am dampfen und unsere 35 Betten sicher ausreichend :-( Daher noch einmal, Isolation der Gebiete und Bekämpfung der Krankheit mit ALLEN Mitteln vor Ort
JustThoughtAboutIt 22.10.2014
5. Ein wenig Oberkante Unterlippe?
Mit grosser Besorgnis verfolge ich die Nachrichten über die sich scheinbar äusserst schleppend dahin ziehenden dt. Vorbereitungen zur Unterstützung des 'Kampfes' gegen Ebola in Liberia, Sierra Leone und Guinea. Mit exponentiell ansteigenden Neuinfektionen ist Zeit ein Luxus, den die Welt sich momentan nicht erlauben sollte. Es ist gut, dass wir die dt. Einsatzkräfte adäquat ausbilden wollen für den schweren und ungewohnten Einsatz vor Ort, aber wir müssen auch realisieren, dass jeder Monat mehr Ausbildung/Reisevorbereitubg etc. eine Verdopplung der Neuerkrankungen nach sich zieht, und somit eine ebenso verdoppelte Anzahl an Einsatzkräften zum eigentlichen Abflugstag schon wieder benötigt wird, um effektiv zu reagieren und zur Eindämmung wesentlich beizutragen. Meine Frage somit, ob wir das sofort in die Berechnungen mit einbezogen haben, gleich die doppelte Anzahl an Leuten ausbilden? Leider vermute ich nein, ich hoffe sehr, dass ich falsch liege. Ich wünsche Herrn Lindner und seinem Team sehr sehr viel Glück und die Fähigkeit schnell zu Handeln, vll schneller als es unserer vll etwas deutschen Einstellung entspricht von 'alles muss über100%ig obertiptop durchdacht und vorbereitet sein', im Ausland habe ich gelernt, dass 'good enough' äusserst hilfreich sein kann. Und nein, ich meine damit nicht, dass wir blindlings und unvorbereitet Leute losschicken sollen. Die Weltgesundheitsorganisation ruft zurzeit weltweit medizinische etc. Experten auf sich zum Einsatz zu melden, Tropenärzte in dem europäischen Land, in dem ich lebe, sind längst aufgebrochen in Richtung der betroffenen Länder in Westafrika. Interessierte haben evt. Interesse an Beiträgen, die die Dringlichkeit gut erklären: der international hochangesehene schwedische Prof Hans Rosling lässt in seiner ihm typischen Art die Zahlen in einfach verständlichen Bildern sprechen, so dass sie für Laien einfach verständlich sind, und schildert eindrucksvoll, warum schnellstes Handeln absoluten Vorrang haben muss. (Die Radio- und Videoclips sind auf Englisch, ich kann keine Übersetzung finden.) https://soundcloud.com/bbc-world-service/swedish-statistician-does-the-mathematics-of-ebola http://m.youtube.com/watch?v=GVZNGGxdxJQ
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