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Ebola-Beauftragter Lindner: "Viel zu früh für Entwarnung"

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Die Ebola-Seuche in Afrika ist schon wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Dabei ist das Virus nicht gebannt: Im Interview warnt der Sonderbeauftragte der Bundesregierung, Walter Lindner, vor neuen Rückschlägen.

Berlin - Die Ebola-Seuche war eines der großen Themen des auslaufenden Jahres. Sie wird auch in den kommenden Monaten wichtig bleiben, auch wenn sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit verstärkt wieder auf andere Themen konzentriert hat. "Die Lage bleibt vor Ort schwierig und alles andere als entspannt", warnt der Ebola-Beauftragte der Bundesregierung, Walter Lindner, im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Auch wenn es in jüngster Zeit aus einigen betroffenen Ländern erste Erfolgsmeldungen gab, ist die Seuche noch lange nicht besiegt oder eingedämmt. "In Liberia ist die Zahl der Neuinfektionen bis auf 10-20 pro Tag abgesunken, ähnliche Tendenz in Conakry, der Hauptstadt Guineas. In Sierra Leone hingegen liegt die Zahl der Neuinfektionen immer noch bei rund 500 pro Woche", beschreibt Lindner die Lage vor Ort.

Deutsche Helfer des Roten Kreuzes und der Bundeswehr sind mittlerweile vor Ort, so in Liberias Hauptstadt Monrovia. Unter anderem übernehmen sie die Eingangskontrollen am größten Krankenhaus der Stadt. "Sie teilen (...) Infizierte bei Ankunft nach dem Infektionsgrad ein, um eine passende Behandlung sicherzustellen", so Lindner. Derzeit ist nach Angaben Lindners die Zahl der deutschen Helfer ausreichend. "Wir gehen da Schritt für Schritt vor. Schon jetzt Personal in Deutschland auszubilden für Einsätze, die noch Wochen entfernt sind, macht wenig Sinn. Das Training soll möglichst nahe vor dem Einsatz erfolgen", so der Ebola-Beauftragte.

Lesen Sie hier das gesamte Interview.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lindner, die Ebola-Seuche in Afrika - hauptsächlich in Sierra Leone, Liberia und Guinea - ist fast aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden. Besteht etwa Anlass zu Optimismus?

Lindner: Die Lage bleibt vor Ort schwierig und alles andere als entspannt. Auch wenn mancherorts die Zahl der Erkrankungen zurückgegangen ist, so ist es noch viel zu früh für eine Entwarnung. Dass Ebola in den vergangenen Wochen in den Hintergrund gerückt ist, liegt natürlich auch daran, dass wir weltweit ständig neue, auch parallel laufende große Themen haben.

SPIEGEL ONLINE: Vor kurzem gab es Meldungen, wonach in Nigeria und Senegal keine neuen Ebola-Fälle auftauchten.

Lindner: Man sollte mit solchen Einschätzungen sehr vorsichtig umgehen. Ebola ist regional, auch in den Ländern selbst, sehr unterschiedlich verbreitet. In Liberia ist die Zahl der Neuinfektionen bis auf 10-20 pro Tag abgesunken, ähnliche Tendenz in Conakry, der Hauptstadt Guineas. In Sierra Leone hingegen liegt die Zahl der Neuinfektionen immer noch bei rund 500 pro Woche. Wir lernen alle - ich betone alle - jeden Tag hinzu, wie sich Ebola verbreitet und wie wir das Virus am besten bekämpfen können. Es wird immer wieder Rückschläge geben, wir haben noch einen langen Weg vor uns.

ZUR PERSON
  • DPA
    Walter Lindner, Jahrgang 1956, wurde am 1. Oktober 2014 zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung für Ebola ernannt. Lindners berufliche Stationen sind vielfältig, er war unter anderem unter Außenminister Joschka Fischer (Grüne) dessen Sprecher. Sowohl in Kenia als auch zuletzt in Venezuela war er Botschafter der Bundesrepublik. Zwischenzeitlich leitete er auch das Krisenreaktionszentrum in Berlin. Den Posten des Ebola-Beauftragten nahm er auf Wunsch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) an.
SPIEGEL ONLINE: Sie waren vier Mal in der Region. Wie gehen Sie mit Ebola um?

Lindner: 21 Tage lang beobachte ich mich natürlich genau, dazu gehört auch das Fiebermessen. Ich vermeide auch das Händeschütteln und Körperkontakt. Meine Umgebung weiß das: Familie, Mitarbeiter, Journalisten, selbst die beteiligten Minister und die Kanzlerin. Eines ist wichtig: Man darf nicht leichtsinnig werden, nach dem Motto, nach der fünften Reise gehe ich es mal lockerer an! Die Infektionsgefahr vor Ort ist - bei vernünftigem, vorsichtigen Verhalten - zwar gering, auch für jemand wie mich, der auch in die Behandlungszelte geht. Aber dennoch: Man muss stets konzentriert und wachsam sein.

SPIEGEL ONLINE: Es gab zunächst viel Kritik am Umgang der Bundesregierung mit der Seuche. Wie konkret ist die Hilfe Deutschlands?

Lindner: Natürlich kamen wir alle spät - das gilt für die gesamte Staatengemeinschaft. Mein Job ist jetzt nicht die Rückschau, sondern dafür zu sorgen, dass die deutsche Hilfe ankommt. Und das tut sie. Ein Beispiel ist die Luftbrücke der Luftwaffe mit bis jetzt über 130 Flügen in der Region. Sie bringt für die Uno und einzelne Hilfsorganisationen alles Mögliche vor Ort - von Nahrungsmitteln, technischem Gerät über Decken bis hin zu Spielzeug. Das wird von allen überaus geschätzt und wahrgenommen. Oder - das Technische Hilfswerk stellte 400 Motorräder mit Kühlboxen für den schnellen Transport von Blutproben zu Laboren zur Verfügung. In mehreren Ländern Afrikas haben wir auch Untersuchungslabore installiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es um die Bettenstationen?

Lindner: Rotes Kreuz und Bundeswehr betreiben in der liberianischen Hauptstadt Monrovia ein Behandlungszentrum. Das Rote Kreuz ist zudem substantiell an einer vom Internationalen Roten Kreuz betriebenen Ebola-Station in Kenema, einer Provinzhauptstadt in Sierra Leone, beteiligt. Gegenwärtig werden zudem Details einer Ausweitung des Engagements von Internationalem und Deutschem Roten Kreuz in Sierra Leone geprüft.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Lage in Liberias Hauptstadt Monrovia?

Lindner: Die Zahlen in Monrovia sind tatsächlich seit einigen Wochen gesunken. Dennoch ist es zu früh, die weitere Entwicklung abzusehen. So stehen Senatswahlen in Liberia an, dann folgen die Weihnachtsfeiertage mit Besuchsreisen. All dies sind zusätzliche Unsicherheitsfaktoren - die positiven Zahlen können sich also jederzeit wieder ändern. Alle Behandlungszentren in Monrovia bleiben im Stand-by, auch wenn es zur Zeit überzählige Bettenkapazitäten gibt. Dies gilt auch für das vom Roten Kreuz und der Bundeswehr betriebene Behandlungszentrum.

SPIEGEL ONLINE: Was machen die Ärzte jetzt konkret?

Lindner: Um auch in Stand-by-Phasen unsere freiwilligen Helfer vor Ort flexibel und auf die Entwicklung der Fallzahlen einsetzen zu können, hatten wir vor Wochen zusätzliche Einsatzmöglichkeiten identifiziert. So organisieren deutsche Ärzte und Helfer seit über zwei Wochen unter anderem Ebola-Eingangskontrollen, die sogenannte Triage für das größte Krankenhaus von Monrovia, das John-F.-Kennedy-Krankenhaus. Sie teilen also Infizierte bei Ankunft nach dem Infektionsgrad ein, um eine passende Behandlung sicherzustellen. Gleiches wird auch für das Uno-Krankenhaus organisiert, das für Tausende Blauhelme der Unmil-Mission zuständig ist.

SPIEGEL ONLINE: Reicht das deutsche Personal aus?

Lindner: Für die gegenwärtige Besetzung in beiden Behandlungszentren ja. Auch die nachfolgendende Personengruppe ist abgedeckt. Danach kann sich weiterer Bedarf abzeichnen. Auch müssen wir sehen, ob es zu einem zusätzlichen Engagement des Internationalen Roten Kreuzes in Sierra Leone kommt. Vielleicht wird das Deutsche Rote Kreuz dann dort zusätzliche Betten betreuen. Das müssen wir sehen. Wir gehen da Schritt für Schritt vor. Schon jetzt Personal in Deutschland auszubilden für Einsätze, die noch Wochen entfernt sind, macht wenig Sinn. Das Training soll möglichst nahe vor dem Einsatz erfolgen.

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1. Erfreulich aber schon
Neapolitaner 22.12.2014
... der Fortgang der Epidemie verlangsamt sich, was auf eine Attenuierung (Abschwächung) des Virus hindeutet und / oder die Immunkompetenz in der Bevölkerung wird besser. Diese Prozesse sind in gewisser Weise natürlich. Dass die medizinischen Maßnahmen diese Verlangsamung bewirkt haben, könnte man vermuten, ist aber zum jetzigen Zeitpunkt Glaubenssache. Es scheint so, als habe die Epidemie ihren Höhepunkt überschritten.
2. Aussagen der WHO als Entwarnung verstanden
kalaniu 22.12.2014
Ich habe die Aussagen der WHO Mitarbeiter von Anfang Dezember als Entwarnung verstanden. Letztlich wurde gesagt, was die Leute hören wollen, nämlich, dass sich die Lage verbessert hat. Einschränkende Halbsätze werden bei der Art und Weise wie heutzutage Meldungen erstellt und gelesen werden, leider gerne übersehen. Ich nehme auch an, dass sich die Masse der Bürger gar nicht vorstellen kann, dass die Entwicklung von Behandlungsmaßnahmen und Impfungen scheitern könnten; dabei wird auch gerne überlesen, dass Behandlungen und Impfungen erst für Mitte 2015 in nennenswerten Maße einsetzbar wären, wenn denn alles klappt. Nur seit Mitte September liegt die Anzahl der gemeldeten Neuinfektionen knapp unter 1000 Fälle pro Woche. Es gab nur eine Verschiebung des Ausbruchsschwerpunkt nach Sierra Leone, aber noch keinen nachhaltigen Rückgang der Fallzahlen. Das sich am 2. Dezember Ärzte ohne Grenzen erneut über mangelnde Unterstützung beklagt hat, ging anders als die Aussagen der WHO dagegen ziemlich unter (https://twitter.com/MSF/status/539851512286294016). Die Reaktion der Bürger und Journalisten macht für mich daher Sinn, auch wenn ich sie nicht für richtig halte.
3. das war doch klar
fritze28 22.12.2014
das hätte ihnen auch jeder normalbürger sagen können. esbist doch immer das selbe.
4. Aus den Schlagzeilen...
fatherted98 22.12.2014
...aus dem Sinn. Ist ja auch klar...woher soll man sonst seine Infos über die Situation ziehen...und wenn nicht mehr berichtet wird, wird es verdrängt..was bleibt uns übrig....
5. Es sind die Menschen, nicht das Virus
kalaniu 22.12.2014
Zitat von Neapolitaner... der Fortgang der Epidemie verlangsamt sich, was auf eine Attenuierung (Abschwächung) des Virus hindeutet und / oder die Immunkompetenz in der Bevölkerung wird besser. Diese Prozesse sind in gewisser Weise natürlich. Dass die medizinischen Maßnahmen diese Verlangsamung bewirkt haben, könnte man vermuten, ist aber zum jetzigen Zeitpunkt Glaubenssache. Es scheint so, als habe die Epidemie ihren Höhepunkt überschritten.
Die Fallzahlen sind nicht weiter gestiegen, da die Menschen reagiert haben und jetzt besser wissen, wie sie sich schützen können. Ich kenne noch keine Belege dafür, dass das Virus harmloser geworden ist. Die wöchentlichen Fallzahlen sind seit Mitte September konstant, im besten Falle befinden wir uns daher seit drei Monaten am Höhepunkt der Epidemie. Im schlechteren Fall, stehen uns noch weitere stärkere Ausbrüche bevor. Das ist nicht unplausibel, da die Krankheit nur schwer erkennbar ist, und insbesondere Blutungen nur gelegentlich als Symptom auftreten. Es kann also sein, dass bereits an anderen Orten ein Ausbruch aktiv ist, aber noch nicht bemerkt wurde.
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