BND-Affäre Snowden warnt vor Industriespionage durch Geheimdienste

Whistleblower Edward Snowden befeuert die Vorwürfe gegen BND und NSA: Industriespionage durch Nachrichtendienste sei harte Realität, sagt er im SPIEGEL-Interview. Das Ausmaß der amerikanischen Überwachungswut wird immer deutlicher.

NSA-Whistleblower Snowden (Archivbild 2013): "Atemberaubende" Massenüberwachung
REUTERS/ Glenn Greenwald/ Laura Poitras/ Courtesy of The Guardian

NSA-Whistleblower Snowden (Archivbild 2013): "Atemberaubende" Massenüberwachung


Der NSA-Whistleblower Edward Snowden sieht sich durch die jüngsten Enthüllungen in der Geheimdienstaffäre bestätigt. Als er vom SPIEGEL im Sommer 2013 mit seiner Aussage zitiert wurde, BND und NSA steckten unter einer Decke, habe es Zweifler gegeben, so Snowden.

"Jetzt liegen die Fakten auf dem Tisch. Die Massenüberwachung ist real, es wird Industriespionage betrieben, und die Nachrichtendienste arbeiten außerhalb der Wahrnehmung und der Kontrolle der gewählten Volksvertreter und der Justiz", sagt Snowden im SPIEGEL-Interview. "Es wird Zeit, dieses Problem anzugehen." (Lesen Sie hier das vollständige Interview im neuen SPIEGEL.)

Die Anzahl der sogenannten Selektoren, die der BND von der NSA übernommen hat, und von denen der deutsche Geheimdienst selbst Zehntausende bei Stichproben als problematisch einstufte, sei "atemberaubend". "Solche Zahlen können nur im Kontext von Massenüberwachung entstehen", sagt der Whistleblower.

In einem System mit funktionierender Aufsicht, in dem die Analysten ihre Suchbegriffe gegenüber Vorgesetzten begründen müssten, würden derlei Größenordnungen "niemals zusammenkommen", sagt Snowden.

Eine derartige Kontrolle gebe es bei der NSA aber nicht. Analysten könnten dort "jeden Selektor eingeben, ohne dafür im Vorfeld einen Genehmigungsprozess durchlaufen zu müssen". Eine Überprüfung finde in der Regel nur nachträglich und auf Zufallsbasis statt.

USA suchten bis zuletzt mit problematischen Selektoren

Währenddessen wird das Bild der amerikanischen Späh-Offensive immer deutlicher: Nach SPIEGEL-Informationen suchte die NSA bis in die jüngste Vergangenheit mit etlichen Selektoren, die gegen deutsche Interessen verstießen. Seit August 2013 versuchte der US-Geheimdienst in Bad Aibling mehr als 13.000 Suchbegriffe einzustreuen, die eindeutig gegen deutsche Interessen verstießen.

Damals hatte ein Mitarbeiter mit Suchbegriffen wie "diplo" und ".gov" bereits etwa 12.000 sogenannte Selektoren entdeckt, mit denen die USA unter anderem französische Diplomaten überwacht hatten.

Insgesamt wuchs die sogenannte Ablehnungsdatei des BND damit auf knapp 40.000 Selektoren an.

Vorläufig beendet wurde die gemeinsame Internetüberwachung erst Anfang dieser Woche auf Initiative der NSA. Der BND hatte den amerikanischen Partner gebeten, seine Suchbegriffe nach Aufklärungszielen zu sortieren. Die NSA lehnte das ab.

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insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
gustavsche 08.05.2015
1. Soll ich jetzt überrascht sein?
Dass es Industriespionage gibt, bleut uns das Bundeswirtschaftsministerium seit Jahren ein. Das ist doch keine Meldung wert.
karend 08.05.2015
2. x
Wie war das noch? Friedrich verkündigte ernsthaft, dass die USA ihm versichert habe, keine Industriespionage zu betreiben. Dass Steuerzahler solche Leute noch bezahlen müssen, ist unglaublich. Handlanger...
zynik 08.05.2015
3.
Zitat von karendWie war das noch? Friedrich verkündigte ernsthaft, dass die USA ihm versichert habe, keine Industriespionage zu betreiben. Dass Steuerzahler solche Leute noch bezahlen müssen, ist unglaublich. Handlanger...
Ob das die USA wirklich gesagt haben oder uns die Bundesregierung mal wieder nach Strich und Faden belogen hat, ist aktuell mehr als fraglich: "Nach der NSA-Affäre im Sommer 2013 forderte die Bundesregierung ein "No-Spy-Abkommen" von den USA - und gab später die "Zusage der US-Seite" bekannt. Nun zeigen geheime Dokumente, dass ein solches Abkommen nie in greifbarer Nähe war - die US-Regierung behauptet auch, derartiges nie versprochen zu haben." http://www.sueddeutsche.de/politik/geheimdienstaffaere-wie-berlin-vergeblich-um-ein-no-spy-abkommen-rang-1.2471912
hschmitter 08.05.2015
4.
Manchmal mag ich richtiges Deutsch: Anstatt Selektoren wäre auch Suchbegriffe oder Such- bzw. Auswahlkriterien möglich. Ich erwarte von Journalisten, das sie für technische Fachbegriffe allgemein bekannte oder verständlichere Begriffe verwenden.
tiram 08.05.2015
5. Ausreden gilt nicht mehr
Peter Altmaier ist dafür verantwortlich,hatte er doch seit 2013 darüber bescheidgewusst.Ausreden gilt nicht mehr.
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