Politik

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Egon Bahr gestorben

Der Mann der geheimen Kanäle

Der verstorbene Egon Bahr war unter Kanzler Brandt einer der maßgeblichen Akteure der neuen Ostpolitik. Für seine Kontakte ins Weiße Haus und in den Kreml nutzte er geheime Kanäle - und verteidigte sie gegen alle Kritiker.

Von

DPA

Kanzler Brandt, Staatssekretär Bahr: Enge Freunde

Freitag, 21.08.2015   06:08 Uhr

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In der Woche bevor Willy Brandt am 21. Oktober 1969 zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler der Nachkriegsrepublik gewählt wurde, hatte Egon Bahr einen wichtigen Termin. In einem Kellerraum des Weißen Hauses wartete Henry Kissinger auf ihn. Was der Sicherheitsberater des US-Präsidenten Richard Nixon dem engsten Mitarbeiter Brandts anzubieten hatte, war delikat - einen direkten geheimen Draht ins Weiße Haus, einen "back channel". "Bei mir werde sich ein Kontaktmann melden, der immer für mich erreichbar sein werde", erinnerte sich Bahr später an seine Zusammenkunft in Washington.

Kissinger und Bahr kannten sich seit 1966. Nun würde Bahr in einer Woche Staatssekretär im Kanzleramt, ein Mann im Zentrum der Macht der Bundesrepublik. Kissinger und Nixon waren misstrauisch, wollten wissen, wie die neue sozialliberale Koalition in Bonn außenpolitisch agieren würde. Außerdem hielten sie Bonn nicht für "dicht", wie es Bahr später in seinen Memoiren "Zu meiner Zeit" formulierte. Im Klartext: Am Rhein wurde den Amerikanern zu viel Geheimes nach außen geplaudert.

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Bahr, der 1963 in einem Grundsatzpapier - "Wandel durch Annäherung" - seine Konzeption einer neuen Ostpolitik gegenüber dem kommunistischen Machtbereich formuliert hatte, sagte sofort zu: "Einen direkten Draht ins Weiße Haus zu etablieren, war der größte Erfolg, den man sich wünschen konnte."

Bahr, im Alter von 93 Jahren verstorben, war der entscheidende konzeptionelle Mann an der Seite von Kanzler Willy Brandt und des damaligen Außenministers Walter Scheel (FDP), als die SPD/FDP-Regierung 1969/70 in den Gesprächen und schließlich den Verträgen mit Moskau und Warschau die Grundlage für die spätere Entspannungspolitik mit der DDR legte. Das haben ihm viele frühere DDR-Bürger nicht vergessen, Veranstaltungen mit ihm im Osten Deutschlands waren bis zuletzt immer gut besucht. Doch manche der früheren DDR-Bürgerrechtsaktivisten konnten mit seinem Politikstil nicht so viel anfangen.

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Bahr war die Welt der Bürgerrechtsaktivisten in der DDR und in anderen Staaten des Ostblocks, die Mitte der Achtzigerjahre immer selbstbewusster agierten, eher fremd. Später hat er dies als Fehler bezeichnet. Bahr war ein Vertreter aus jener Zeit, als der Kalte Krieg noch wirklich kalt war. Seine Welt waren nicht primär Kontakte zu einer (scheinbar) machtlosen Opposition, seine Welt war die der offiziellen und inoffiziellen Diplomatie.

Im Gespräch mit den Machtapparaten, davon war Bahr lange überzeugt, waren schrittweise Veränderungen und Verbesserungen für die Menschen hinter der Mauer zu erreichen. So unterhielt er auch Kontakte zu zwei Männern aus der Sowjetunion, die direkt in den Kreml liefen - zu dem Journalisten Waleri Lednew, der von Bahr Leo genannt wurde und zu Slawa, eigentlich Wjatscheslaw Keworkow. Von ihm erfuhr Bahr erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dass er, Slawa, im Range eines KGB-Generals stand.

Der SPD-Politiker Bahr wusste, auf was er sich einließ. "Wir waren schließlich keine Träumer", hat er seine Haltung einmal formuliert. Für Bahr waren Gespräche über geheime Kanäle ein unabdingbares Werkzeug seiner West-Ost-Verständigung. Er verteidigte sie auch später, als ihm mancher - wie Brigitte Seebacher-Brandt, die letzte Ehefrau des Ex-Kanzlers - dafür harsch kritisierte. "Kollaboration ist verächtlich, Kooperation war und ist nötig", sagte er 1995 in einem SPIEGEL-Gespräch. Ein "back channel" sei eine "verdeckte, aber sehr vertrauensbildende Verbindung, die auf der höchstmöglichen Ebene autorisiert wurde", verteidigte er sich gegen Vorwürfe, eigenmächtig gehandelt zu haben. Auch Kissinger, so Bahr, sei über seine zwei Kontaktmänner in den Kreml informiert gewesen - es wäre unklug gewesen, es nicht zu tun. Und manchmal nutzte Washington auch Bahrs Kanal, um Moskau eine Nachricht zukommen zu lassen.

Der geheime Kontakt zu Leo wurde von Brandt und Generalsekretär Leonid Breschnew bei einem Gespräch im August 1970 in Moskau persönlich genehmigt. "Ich bekomme Telefonnummern, kann Leo ständig erreichen und ihn innerhalb weniger Stunden nach Berlin oder Bonn holen", so Bahr.

Bahr war, was die Ostpolitik anging, kein Mann, der Parteigrenzen kannte. Er fühlte sich als deutscher Patriot. Als Brandt 1974 zurücktrat, nahm der SPD-Kanzler Helmut Schmidt Bahrs geheime Kontakte weiter in Anspruch. 1982 gelangte mit Helmut Kohl schließlich ein Christdemokrat ins Kanzleramt. Bahr bot auch ihm an, den Kontakt zu den Sowjets zu nutzen und ihn förmlich an einen Vertrauten des neuen Kanzlers zu übergeben. Kohl schlief eine Nacht darüber, sagte am nächsten Morgen zu. Dann informierte Bahr den neuen Kanzleramtschef Horst Teltschik über seinen Kanal nach Moskau. In seinen Memoiren hat Bahr die Überlegungen Kohls so festgehalten: "Man kann nicht wissen, was in den kommenden Jahren alles passiert, wo eine solche direkte Verbindung wertvoll ist."

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