Zum Tod von Egon Bahr Er war ein Glück für uns

Egon Bahr, Architekt der Ostpolitik: Die Ära Willy Brandt war auch seine wichtigste Zeit. Ihm, dem präzisen Denker, ging es vor allem um Versöhnung und Entspannung. Persönliche Erinnerungen von SPIEGEL-Autor Gerhard Spörl.

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  • privat/ Sebastian Hartz
    Gerhard Spörl fing 1980 bei der "Zeit" an und war seit 1990 beim SPIEGEL Ressortleiter, Amerika-Korrespondent und zuletzt zuständig für Meinung. Seit dem 31. Juli ist er im Ruhestand.
Egon Bahr habe ich vor zwei, drei Jahren zum letzten Mal in seinem Berliner Büro besucht. Er saß hinter seinem Schreibtisch, schaute mich an, fragte "Was gibt's Neues?" Er zündete sich eine Zigarette an und war ganz Ohr.

Da er selber Journalist war, mochte er Journalisten - jedenfalls die neugierigen unter uns, die erfahrenen, mit denen er plaudern konnte und die ihm auch mal Dönkes über den einen oder anderen Politiker in der Regierung oder im Bundestag erzählten. Er war ein angenehmer Mensch, der Menschen mochte. Kein Zyniker, auch das ist nach so vielen Jahren in seinem Gewerbe eine Leistung. Ein Mann, dem ich gerne beim Denken zuhörte. Der präzise argumentierte und druckreif sprach.

An jenem Nachmittag redete er auch über das Altern und die Altersgefährten. Er selber sei noch ganz gut zu Fuß, aber andere Alte wie Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt hätten es mit den Beinen, sagte er. Die Beine, sie wollten irgendwann nicht mehr, auch wenn der Kopf klar blieb. Ja, so werden wir ausgeknipst, nach und nach, sagte er.

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Nachruf: Das Leben von Egon Bahr
Was bleibt von ihm im Gedächtnis? Wie er weint, als Willy Brandt zurückgetreten ist, das war 1974. Die Koryphäen der Sozialdemokratie sitzen an einem langen Tisch, vor Herbert Wehner liegt ein Blumenstrauß. Egon Bahr schaut Herbert Wehner befremdet an, weil der so tut, als gehe ihm der Rücktritt zu Herzen. Herbert Wehner, der über Willy Brandt gesagt hatte, der Herr bade gern lau. In Moskau! Wehner!

Verspielt und vertändelt

Oder der fulminante Wahlsieg 1972 über die wild gewordene CDU/CSU, die ein Mann namens Rainer Barzel ölig anführte (kennt den noch jemand? Kann man googeln). Brandt setzte alles auf eine Karte. Das war die Entspannungspolitik, für die er vor der Wahl eigentlich keine Mehrheit im Land hatte. Es war das einzige Mal, dass ein deutscher Nachkriegskanzler sagt: dafür stehe ich, dafür falle ich. Ein grandioser Wahlkampf, ein grandioser Sieg.

Zwei Jahre später war die goldene Phase der SPD schon wieder vorbei. Verspielt und vertändelt, das auch. Gescheitert an einem Spion aus der DDR, aus dem anderen Deutschland, mit dem die Regierung Brandt gerade einen Grundlagenvertrag geschlossen hatte. Was für ein Irrsinn.

Mit dem Ende von Brandts Kanzlerschaft begann die weniger schöne Zeit für Bahr. Schmidt zog die Macher den Denkern vor. Außer Bahr gehörte der brillante Peter Glotz dazu, auch Hermann Glaser, der Kulturdezernent in Nürnberg war und fast so kluge Bücher wie Glotz schrieb. Jeder von ihnen war ein Solitärgewächs. Sie fielen als Einzelne auf, aber sie verstanden sich vor allem als Mitglied der deutschen Sozialdemokratie, der ältesten Partei Deutschlands, worauf sie stolz waren, und was sie immer wieder erwähnten.

Paradoxerweise gab es doch eine Gemeinsamkeit zwischen Schmidt und Bahr: Beide waren Vertreter der gouvernementalen SPD. Sie zogen es vor, mit den Regierenden in Moskau, Warschau oder Prag zu sprechen - nicht mit der Opposition, aus der später die Regierungen kamen. Ein Fehler, wie Bahr später einsah.

Bahr jammerte nicht

Egon Bahr blieb lebenslang ein Willy-Brandt-Mann. Sie kannten sich aus Berlin, als Berlin noch Frontstadt im Kalten Krieg war. Sie waren beide Journalisten. Sie dachten im Duo. Sie entwickelten die Ideen über Entspannung und Versöhnung gemeinsam. Sie waren beide das Opfer der Adenauer-CDU, die den Emigranten Willy Brandt alias Herbert Frahm verunglimpfte und Bahr zum Vaterlandsverräter stempelte und es dazu auch noch schaffte, irgendwie anzudeuten, dass es sich bei Bahr ja um einen Halbjuden handele. Wer durch dieses Feuer gegangen war, dem kam alles andere wahrscheinlich halb so schlimm vor.

Nach Brandts Tod war Egon Bahr dessen ideeller Nachlassverwalter und der Kummerkasten für die ewigen Brandt-Jünger, die unter der Nachfolgerschar Vogel/Rau/Scharping/Lafontaine/Schröder/Platzeck/Beck/Gabriel litten und heute am 25-Prozent-Getto verzweifeln. Bahr jammerte nicht. Er war eben auch ein Pragmatiker, der sich sagte: Sind es jetzt schlechte Zeiten, kommen auch wieder gute Zeiten.

Egon Bahr war auf glänzende, anregende Weise, was heute nur die allerwenigsten Ratgeber sind: einer, der aus Ideen Konzepte entwickelt und sie den Regierenden oder denen, die regieren wollen, als Vorschlag unterbreitet. Er konnte warten, bis die Zeit reif war und bis er auf einen jemanden gestoßen war, der so dachte wie er und daraus eine Politik formte.

Was für ein Glück für ihn. Was für ein Glück für Brandt. Was für ein Glück für uns.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
edwin.schwartz 20.08.2015
1. Vielleicht .....
.... doch noch mal lesen vor der Veröffentlichung: "Zum Tod von Egon Bahr: Er war ein Glück für uns" Diesen stilistischen Fauxpas sollten Sie besser im Hohlspiegel abdrucken.
Alfred Ahrens 20.08.2015
2. Nun ist Helmut Schmidt der letzte Sozialdemokrat, vor dem die Menschen noch Hochachtung haben.
In anderthalb Generationen ist es gelungen die SPD herunterzuwirtschaften. Man wird in Zukunft mehr an die ehemaligen Persönlichkeiten der SPD denken, als an die Partei an sich. Schade eigentlich.
matbhmx 20.08.2015
3. Rainer Barzel? Selbsterständlich ...
... kann ich mich an den noch erinnern - dies schon deswegen, weil er anders als Willy Brandt gut war. Und Barzel ist - das wird gerne vergessen - Opfer eines unsäglichen Verrats geworden, eines korrupten CDU-Politikers ... und einer korrupten SPD, die keinerlei Skrupel kannte, um an der Macht zu bleiben. Ich habe Willy Brandt nie gemocht - Bahr mochte ich immer! Warum? Weil er völlig unverstellt war! Eine ehrliche Seele! Aber ihm die Wegbereitung der deutschen Einheit zuzuschreiben, das ist nun wirklich albern. Auch wenn es die Linken in diesem Lande ungern hören: Die Einheit ist Produkt des Untergangs der Sowjetunion, und dieser Untergang war schlicht Produkt der Idotie Sozialismus und des von den USA betriebenen gnadenlosen Wettrüstens! Die deutsche Einheit ist nicht das Produkt linker (vermeintlicher) Gutmenschen, sondern das Produkt eines republikanischen Präsidenten und seiner kotzkonservativen Partei - und natürlich Helmut Kohls, der im richtigen Moment genau das Richtige getan hat.
denkdochmal 20.08.2015
4. Ich trauere um Egon Bahr.
Er hat großes geleistet, nicht nur für Deutschland, besonders auch für die Staaten/Menschen in ganz Europa. Trotz heftiger Widerstände hat er seine- und die Politik Willy Brandt's zum Erfolg gebracht. Ohne diese Politik wäre eine Wiedervereinigung nie möglich geworden. Dank dafür! Er und seine Mitstreiter wurden als "Verräter" denunziert, so ziemlich das Schlimmste, was einem ehrlichen Politiker geschehen kann, und das ausgerechnet von Teilen Derjenigen, die sich nachher den Erfolg dieser Politik zueigen machten. Diese Leute - so sie denn dazu fähig sind - sollten zutiefst in sich gehen und über das Unrecht, das sie u.a. Egon Bahr angetan haben, nachdenken. Ein großer Mann ist von uns gegangen. Solche Menschen findet man heute nicht mehr in der Politik.
riedlinger 20.08.2015
5. Ein großartiger Nachruf!
Das ist ein großartiger, ein würdiger, ein höchst angemessener Nachruf, Danke! Der erste Nachruf, bei dem ich sogar an einer Stelle (bei der öligen CDU) lachen musste. Das Beklemmende nur: Bahr wie auch Brandt hinterlassen Lücken! Wo wäre ein würdiger Nachfolger? Nichts zu sehen! Erst vor wenigen Wochen noch beeindruckte mich Bahr mit dem klügsten Kommentar, den ich in all den Monaten zur Ukraine-Krise las: Man möge doch bitte die Krim-Annektion der Russen nicht anerkennen, aber als Status quo feststellen und auf der Basis wieder miteinander reden. Der Mann hatte ja so recht! Wieso tut das niemand? Wieso hören wir nur widerliche Konfliktlyrik und sehen grauenhaftes Aussitzen? Das Vermächtnis von Egon Bahr verbietet uns derlei Unsinn! Es gebietet vielmehr: Wir müssen die Russen nicht lieben, aber doch verflixt noch mal eine konstruktive Koexistenz hinbekommen!
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