Zum Tode Egon Bahrs Wegbereiter der Einheit

Geschmäht und verleumdet, geehrt und gefeiert: Egon Bahr war zeitlebens umstritten. Als engster Vertrauter von Willy Brandt gestaltete er die deutsche Ostpolitik - oft im Verborgenen. Nun ist der SPD-Politiker im Alter von 93 Jahren gestorben.

DER SPIEGEL

Von Karl-Ludwig Günsche


Egon Bahr war ein deutscher Patriot, auch wenn seine politischen Gegner das Zeit seines Lebens immer wieder in Zweifel gezogen haben. Der Mann, der im Auftrag Willy Brandts immer wieder in geheimer Mission zwischen Ost und West unterwegs gewesen ist, sondiert, verhandelt und Spielräume ausgelotet hat, wurde gleichermaßen angefeindet, verleumdet und geschmäht - und mit Orden und Auszeichnungen geehrt.

Er war ein Mann, an dem sich die Geister geschieden haben. Auf der politischen Bühne Bonns war er eine schillernde Figur. Er gilt als der "Architekt der deutschen Ostpolitik", der Willy Brandts Visionen umgesetzt hat in praktische Politik, als Anreger und Antreiber, als scharfsinniger Taktiker und kluger Stratege. Für die einen war er die "graue Eminenz", der Vordenker der Brandtschen Ostpolitik, für die anderen ein kalter Macchiavellist, dem nicht über den Weg zu trauen sei. Seine unverhüllte intellektuelle Überheblichkeit und seine unterkühlte Emotionalität umgaben ihn stets mit einem Mantel der Unnahbarkeit, der gewollten Distanz, hinter der er eine tiefe Empfindsamkeit verbarg.

Bahr und Brandt: Eine politische Lebensgemeinschaft

Geboren wurde Egon Bahr am 18. März 1922 im thüringischen Treffurt. Nach Abitur und Ausbildung zum Industriekaufmann, wurde er 1942 Soldat. 1944 war der aktive Kriegsdienst für ihn zu Ende: Wegen "Einschleichens in die Wehrmacht" musste er die Uniform ausziehen und wurde in die Rüstungsproduktion bei Rheinmetall Borsig in Berlin abkommandiert. Bahr hatte verheimlicht, dass seine Großmutter Jüdin war.

Nach dem Krieg arbeitete er als Journalist, ab 1950 als Chefkommentator beim Rias, der "Stimme der Freiheit", einem Sender, den die USA in Berlin als Gegenpol zur Ostpropaganda gegründet hatten. Bahr lernte Willy Brandt kennen und trat 1956 der SPD bei. "Gehemmt, melancholisch und in keiner Weise selbstsicher, außer in seinen Gedanken", sei er in dieser Zeit gewesen, heißt es in Terence Pritties Brandt-Biografie.

Brandt, damals Regierender Bürgermeister in Berlin, berief seinen späteren Freund und Vertrauten 1960 zum Chef des Berliner Presseamts. Das war der Beginn einer Zusammenarbeit, die erst mit dem Tode Brandts enden sollte, einer "politischen Lebensgemeinschaft, in der Bahr denkt und Brandt lenkt", vermerkte SPIEGEL-Reporter Hermann Schreiber schon 1972. Die Rolle, die Brandt seinem Vertrauten zumaß, war eindeutig: Er sollte den Stoßtrupp bilden, der Brandts Gedanken zu einer neuen Ostpolitik formulieren, publik machen und die Reaktionen abwarten sollte.

Im Juli 1963 hielt Bahr in der Evangelischen Akademie Tutzing eine Rede, in der er die Vorstellungen von einer neuen Ostpolitik unter dem von Bahr erfundenen Schlagwort "Wandel durch Annäherung" zum ersten Mal vor einem breiteren Publikum darlegte. Ziel seiner Politik war es, die Mauer durchlässiger zu machen, den Menschen in der DDR das Leben zu erleichtern, Spannungen zwischen Ost und West ab- und Vertrauen aufzubauen. Die Wiedervereinigung Deutschlands habe er dabei immer im Visier gehabt, versicherte Bahr. Sein politischer Ziehvater Brandt schreibt in seinen Erinnerungen, Bahr habe in seiner Tutzinger Rede "mit großer Behutsamkeit Chancen für einen neuen Abschnitt deutscher Politik im Gefüge der weltpolitischen Machtverhältnisse" aufgezeigt.

Brandt machte ihn zum "Bundesminister für besondere Aufgaben"

Für den Krimi-Fan Bahr, der eigentlich Musiker werden wollte, war es der Beginn einer aufreibenden und aufregenden Zeit: Er hatte in Brandts Auftrag schon von Berlin aus die Fühler zu den Machthabern in Ost-Berlin und Moskau ausgestreckt. Als Brandt 1966 Außenminister wurde, bekam Bahr die Chance, als Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt sein Konzept für eine Ost- und Entspannungspolitik auf Regierungsebene voranzutreiben. Die nächste Station war dann die operative Umsetzung seiner Ideen als Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Dort fand Bahr endgültig zu der Rolle, die ihm auf den Leib geschnitten war: Er war für den Bundeskanzler Willy Brandt der wichtigste Unterhändler bei den Verhandlungen mit der DDR, mit der Sowjetunion und Polen. Vorbei an offiziellen Regierungskontakten baute er einen "Back Channel" in den Kreml auf, einen Geheimkanal, der Anlass zu vielen Spekulationen und Verdächtigungen war.

Bahr war in seinen Jahren im Kanzleramt maßgeblich beteiligt am Zustandekommen des Transit-Abkommens, das seine Unterschrift trägt und das erste deutsch-deutsche Abkommen auf Regierungsebene war, und des Grundlagenvertrags mit der DDR sowie des Moskauer- und des Warschauer Vertrags. Die "Politik der kleinen Schritte" war schon lange sein Motto in den zähen Verhandlungen mit den östlichen Machthabern. Nach seinem Wahlsieg 1972 wertete Brandt seinen umstrittenen Ost-Unterhändler demonstrativ mit dem Titel "Bundesminister für besondere Aufgaben" auf.

Fotostrecke

17  Bilder
Nachruf: Das Leben von Egon Bahr
Als Brandt 1974 zurücktrat, wurde Bahr zwar in der Regierung von Helmut Schmidt Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Verstanden haben sich diese beiden so unterschiedlichen Männer allerdings nie. So holte Brandt, der nach seinem Rücktritt als Kanzler SPD-Chef geblieben war, seinen politischen Schatten 1976 in sein unmittelbares Umfeld zurück: Fünf Jahre lang war Bahr SPD-Bundesgeschäftsführer. Als Chef des Erich-Ollenhauer-Hauses war er wegen seiner Ungeduld und seiner Neigung zum Jähzorn bei den Mitarbeitern gefürchtet, betrieb eine scharfe Abgrenzungspolitik zur SPD-Linken und warf den damaligen Juso-Vorsitzenden Klaus Uwe Benneter aus der Partei. 2004 wurde der auf Betreiben Gerhard Schröders wieder in die Partei aufgenommene Benneter ironischerweise einer der Nachfolger Bahrs als SPD-Generalsekretär. 1976 war Bahr auch ins SPD-Präsidium eingezogen.

In seinen letzten Lebensjahren hat Bahr sich in zahlreichen Veröffentlichungen und Reden mit außenpolitischen und strategischen Fragen beschäftigt. Doch am "Architekten der Ostpolitik" schien die Zeit vorübergegangen zu sein. Er geriet zunehmend in Vergessenheit. Es schmerzte ihn, dass die CDU/CSU, die ihn jahrelang wegen seiner Politik geschmäht und des Ausverkaufs deutscher Interessen bezichtigt hatte, die Ernte einfahren konnte, die Brandt und er gesät hatten. Am Ende seines Lebens zog der Mann, der sich einen festen Platz in der Geschichte der deutschen Einigung erworben hat, trotz aller Anfeindungen, Rückschläge und Enttäuschungen eine stolze und zufriedene Bilanz seiner Ostpolitik: "Ich habe mit allem, was geschehen ist, das erreicht, was ich wollte."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 159 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sekundo 20.08.2015
1. Ach, hätten
wir doch aktuell derartige Persönlichkeiten wie Egon Bahr und Willy Brandt!! Stattdessen müssen wir mit Polit-Trostpreisen vorliebnehmen
l.augenstein 20.08.2015
2. Wieso Bestürzung?
Das sind sie wieder, diese unsäglichen politischen Worthülsen! Warum löst Bahr's Tod "Bestürzung" aus? Der Mann war immerhin 93 Jahre alt! Warum kann es nicht einfach Trauer um einen verdienten und sehr guten Politiker sein?
Methusalixchen 20.08.2015
3. Ruhe in Frieden, Egon
Und danke für Deine Arbeit. Wieder einer weniger. Die Zahl echter Sozialdemokraten in der SPD nähert sich verdammt schnell der Null.
womo88 20.08.2015
4. Achtung!
Ich habe noch immer große Achtung vor Bahrs Ostpolitik! Damit hat er für Deutschland Großes in kleinen Schritten geleistet.
Maya2003 20.08.2015
5.
Warum gibt es solch fähige, vorausdenkende und integre Leute nicht mehr ? Statt Brandt und Bahr haben wir Merkel und Gabriel - und halten das dann auch noch für einen Fortschritt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.