"Einschneidendes Erlebnis" Kanzlerin traf lesbisches Paar schon 2013

Warum die plötzliche Kehrtwende bei der Homo-Ehe? Das Treffen mit einem lesbischen Pärchen soll die Kanzlerin umgestimmt haben. Doch die erste Begegnung fand offenbar vor Jahren statt. Das wirft Fragen auf.

Christine (links im Bild) und Gundula Zilm
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Christine (links im Bild) und Gundula Zilm


Es war ein Besuch, der bei Angela Merkel offenbar Eindruck machte - und der womöglich ihre Haltung zur Homo-Ehe nachhaltig beeinflusste. Zumindest deutete das die Kanzlerin am Montag im Gespräch mit zwei "Brigitte"-Redakteurinnen an.

Dort berichtete sie von einem "einschneidenden Erlebnis", das ihr in ihrem Wahlkreis an der Ostsee widerfahren war. Eine lesbische Frau habe sie nach einem Gespräch eingeladen, bei ihr und ihrer Partnerin zu Hause vorbeizuschauen. Dort könne sie miterleben, dass es den acht Pflegekindern, um die sich das Paar kümmert, gut gehe, berichtete Merkel über das Treffen in ihrem Wahlkreis.

Zu dem Hausbesuch kam es bisher nicht, aber das Treffen hat bei Merkel nach eigenen Worten etwas ausgelöst.

Denn, so die Kanzlerin im Gespräch mit der "Brigitte": Wenn das Jugendamt entscheide, "bei einem solchen Paar" Kinder zur Pflege zu geben, dann könne man nicht mehr ganz so einfach mit der Frage des Kindeswohls gegen Adoptionen argumentieren - mit diesem Punkt hatte Merkel bisher unter anderem die Ehe für alle abgelehnt.

Zum Beispiel vor vier Jahren - damals hatte Merkel mit einer Aussage in der ARD-Sendung "Wahlarena" mit einem Satz für Entrüstung bei Schwulen- und Lesbenverbänden gesorgt: "Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der kompletten Gleichstellung. (...) Ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt." Die SPD hatte ihr daraufhin Diskriminierung von Homosexuellen vorgeworfen.

Auch bei der Veranstaltung der "Brigitte" gab es Protest aus dem Publikum. Der Grund: Merkel hatte im Gespräch angedeutet, dass es ihre bisherige Sicht beeinflusst habe, wenn Jugendämter sich dafür entschieden, ein Kind eher bei einem gleichgeschlechtlichen Paar aufwachsen zu lassen als bei einem Vater und einer Mutter, die dem Kind Gewalt antun.

Ein Mann empörte sich daraufhin, weil die Kanzlerin homosexuelle Paare mit gewalttätigen Hetero-Paaren vergleiche, wie die "Zeit" berichtet.

In dem "Brigitte-"Gesprächs fiel dann auch die viel zitierte Aussage der Kanzlerin, dass die Entscheidung über die Ehe für alle wohl eher eine Gewissensentscheidung sein sollte. Es war der Satz, der nun wohl dazu führen wird, dass eine Gesetzesänderung am Freitag beschlossen wird.

Im Video: Angela Merkel über die Ehe für alle

"Man denkt nicht mehr mittelalterlich"

Die "Ostsee Zeitung" hat das lesbische Paar aus Merkels Erzählung nun ausfindig gemacht: Christine Zilm und ihre Frau Gundula leben in dem Ort Barth (Landkreis Vorpommern-Rügen) und kümmern sich seit Jahren um mehrere Pflegekinder. Schon 2013 habe die heute 58-jährige Christine Zilm auf dem Markplatz zu Angela Merkel gesagt, dass man in "unserem Jahrhundert nicht mehr mittelalterlich denkt", zitiert sie die "Ostsee Zeitung".

2015 kam es demnach zu einem weiteren Treffen beim Neujahrsempfang des Landkreises. Die beiden hätten Merkel dort erneut auf die Gleichstellung homosexueller Paare angesprochen. Die Kanzlerin habe damals zwar nichts zu dem Thema gesagt, aber versprochen, sie zu Hause zu besuchen. Auch wenn der Besuch noch aussteht, freuen sich die beiden dennoch über den Sinneswandel der Kanzlerin. "Es ist schön, dass sie uns in Erinnerung behalten hat", sagt Gundula Zilm.

Zur nächsten Hochzeit soll die Kanzlerin kommen

Doch der Zeitungsbericht wirft auch Fragen auf: Wenn das erste Treffen bereits 2013 stattfand, ein zweites 2015, warum dauerte es trotz des angeblich "einschneidenden" Erlebnisses dann noch so lange, bis die Kanzlerin ihre Meinung änderte?

Die beiden Frauen lernten sich nach eigenen Angaben vor neun Jahren über das Internet kennen. Beide wussten schon mit zwölf Jahren, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlen. Trotzdem heirateten die beiden zunächst einen Mann, beide haben Kinder aus ihren Ehen. Nach der Wende kümmerten sich beide als Pflegeeltern um Problemkinder.

Derzeit leben die beiden schon in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Falls es wirklich zur Ehe für alle kommen sollte, will das Paar "noch einmal" heiraten - und die Kanzlerin einladen.

mho



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