Ehe für alle "Wir sind hier, um zu...lebenspartnern?"

Von der eingetragenen Lebenspartnerschaft zur Ehe - ist das wirklich so ein großer Unterschied? Ein riesiger, sagt ein lesbisches Paar, und beschreibt Erfahrungen mit Standesämtern und Vorurteilen.

Motiv einer Einladungskarte: So kündigten die Autorinnen ihre Verpartnerung 2014 an
Aike Arndt

Motiv einer Einladungskarte: So kündigten die Autorinnen ihre Verpartnerung 2014 an

Von Anna Mielke und Svea Reubold


Kuchen, Sekt, Konfetti! Heute Abend feiern wir, dass der Bundestag die Öffnung der Ehe beschlossen hat. Endlich. Wir tragen zwar Ringe an den Fingern und haben uns das Jawort gegeben. Aber verheiratet sind wir nicht. Wir durften es bislang nicht sein.

Ein Rückblick ins Frühjahr 2014. Wir stehen im Zimmer der Standesbeamtin. Im Zimmer verteilt hängen Kalenderblätter mit Teddybären, einer Förster, einer Feuerwehrmann. Ein aufgeregtes "Guten Morgen" und los geht's.

"Wir sind hier, um zu..." Und dann fehlt das Verb. Wir wollen heiraten. Also, wir würden gerne. Aber als lesbisches Paar gibt es für uns nur die eingetragene Lebenspartnerschaft.

Was sagt man da? Wir wollen lebenspartnern? Irgendwie zu bürokratische Worte für das, was wir vorhaben. Nämlich, wenn es gut läuft, den Rest des Lebens zusammen zu verbringen.

Die Standesbeamtin kommt uns in feinstem Berlinerisch zur Hilfe: "Ick soll für Sie eine Akte anlegen zur Anmeldung zur Begründung der Lebenspartnerschaft."

"Äh, ja, dann wohl das."

So heißt das also. Begründung der Lebenspartnerschaft. Nichts, was man auf eine Einladungskarte schreiben würde. Eher klingt es wie eine Erörterung im Deutschunterricht: "Lebenspartnerschaft. Bitte begründen Sie."

Ein halbes Jahr später. Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Freunde und Kollegen sind gekommen, um mit uns zu feiern. Alle haben sich schick gemacht. Wir haben vor Aufregung zwar nicht die Ringe zu Hause vergessen, aber den (gemeinsamen) Brautstrauß.

Während der "Begründung der Lebenspartnerschaft", also während dessen, was bei anderen Hochzeit heißt, hat sich die Standesbeamtin ganz charmante Worte überlegt und führt freundlich durch die Prozedur. "Heiraten" oder "Ehe" sagt sie nicht.

Später auf der Feier empört sich ein Kollege genau darüber. Wir erklären, dass sie das gar nicht durfte, weil es keine Ehe ist, sondern eine eingetragene Lebenspartnerschaft. "Das ist doch aber Mist, sie hätte wenigstens mal 'heiraten' sagen können."

Stimmt, denken wir, das ist Mist.

Wir wohnen zusammen, wir zoffen uns bei Ikea

Würden wir gerne eine Ehe haben? Ja. Denn das was wir haben, fühlt sich nicht anders an als das, was unsere heterosexuellen Freunde leben. Wir wohnen zusammen, fahren zusammen in den Urlaub, gehen auf die Geburtstage von Kollegen, fahren an Weihnachten die Schwiegereltern besuchen.

Suchen Geschenke für die Nichten und Neffen aus. Kaufen Nasenspray und kochen Suppe, wenn die andere krank ist. Zoffen uns bei Ikea. Wir mussten noch nicht nach Unfällen als nächster Angehöriger ins Krankenhaus gerufen werden, aber jetzt, wo wir verpartnert sind, würden wir von Ärzten und Pflegern behandelt werden wie Ehepartner.

Also alles gut? Ja, schon ziemlich gut. Seit es die eingetragene Lebenspartnerschaft gibt, hat sich vieles verbessert. Dank des Bundesverfassungsgerichts, das die Union immer wieder gezwungen hat, uns ein Stückchen vom Rechtekuchen abzugeben.

Aber es nervt, dass wir unsere Partnerschaft anders nennen sollen als der Rest der Welt. Und dass die sprachliche Abgrenzung eben auch klarmachen soll: Das ist ok, was ihr habt, aber es ist eben keine "richtige Ehe", sondern ein Sonderkonstrukt.

Weil alles andere, so die jahrzehntealte Argumentation, die klassische Ehe aufweicht. Lassen sich glückliche Heteropaare scheiden, wenn unsere Partnerschaft auch Ehe heißt? "Schatz, ich liebe dich, aber wir müssen uns trennen. Es liegt nicht an dir. Es liegt an Anna und Svea. Wenn die heiraten dürfen, ist unsere Ehe nichts mehr wert."

Ernsthaft? Müssen wir uns wirklich anhören, dass wir anderen das Lebensglück zerstören, wenn wir die gleichen Rechte kriegen? Sind wir so angsteinflößend? Falls ja, sollten wir Hauptrollen in Horrorfilmen annehmen und reich werden.

Der Vorwurf, wir Homos würden Kinder verkorksen

Die Gegner sperren sich vor allem dagegen, dass schwule und lesbische Paare gemeinsam Kinder adoptieren dürften. Dahinter versteckt sich der Vorwurf, wir Homos würden Kinder verkorksen. So etwas ist hart zu hören. Sollen doch die Jugendämter individuell prüfen, wer fähig genug ist, ein Kind groß zu ziehen - nicht konservative Politiker.

Die katholische Kirche warnt, die Ehe für alle würde die "Weitergabe von Leben" gefährden. Als ob sich jetzt heterosexuelle verheiratete Paare mit Kinderwunsch plötzlich sterilisieren lassen, sobald sie unser "just married" Schild am Auto sehen. Das ist doch Quatsch.

Andere Gegner der Eheöffnung sagen: Das Grundgesetz Artikel 6 erlaube nur die Ehe zwischen Mann und Frau. Aber im Artikel 6 steht gar nichts von Mann und Frau. Nur dass Ehe und Familie geschützt sind. Ist ja auch gut so. Als die Verfassung geschrieben wurde, waren die Nazizeit und ihre Eheverbote noch nicht lange her. Das Grundgesetz sollte Ehe und Familie vor den Eingriffen des Staates schützen.

Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Eltern der Verfassung verknallte Homopaare verhindern wollten, die zum Bäcker gehen, Windeln wechseln und sich streiten, wer die Unterlagen für die Steuererklärung verbummelt hat.

Mag sein, dass viele Leute die Vorstellung komisch finden, wenn ein Mann einen Mann heiratet oder eine Frau eine andere Frau. Das dürfen sie auch weiterhin komisch finden.

Aber aus einem persönlichen Befremdlichkeitsgefühl heraus einer Gruppe von Menschen wichtige Lebensentscheidungen zu verbieten, ist eben keine Meinungsfreiheit, sondern Diskriminierung.

Es ist gut, dass die Ehe geöffnet wird. Nicht nur für uns. Auch für die geplagten Konditoren. "Herzlichen Glückwunsch zur Begründung einer Lebenspartnerschaft" passt auf keine Torte.



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