Homophober "FAZ"-Beitrag Versteckt eure Kinder!

Schwulen darf man keine Kinder anvertrauen - sie könnten sie vergewaltigen. Steile These? Stand so aber der Tendenz nach in der seriösen "FAZ". Mit der Ehe für alle ist Schwulenfeindlichkeit noch kein Thema von gestern.

Schriftzug "Frankfurter Allgemeine - Zeitung für Deutschland"
DPA

Schriftzug "Frankfurter Allgemeine - Zeitung für Deutschland"

Eine Kolumne von


Am vergangenen Freitag beschloss das deutsche Parlament die Ehe für alle. Es war ein Gesetz für die Liebe und so etwas wird nicht alle Tage beschlossen. Darum fühlte sich die große Mehrheit im Parlament heiter beschwingt und die große Mehrheit im Land auch. Man kann sagen: das Land war für einen Moment glücklich. Natürlich nicht das ganze Land. Es gibt ein paar homophobe Ecken, da kommt das Licht der Liebe nicht hin.

Manche dieser Ecken kennt man schon: die AfD zum Beispiel würde am liebsten in Karlsruhe klagen. Andere sind neu: dass zum Beispiel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Platz für einen brutalen Schwulenhass ist, wie man ihn sonst nur aus dem Osten kennt, das war überraschend.

ANZEIGE
In dieser Woche...
    ...berichtet "der Freitag" unter anderem über folgende Themen:
  • Die Grünen und der Wolf Wie Baden-Württemberg den Schutz vor dem Raubtier verhindert

    Linke Jan van Aken zieht sich aus der Politik zurück. Sein Rückzug kommt zur Unzeit
    Tat In Berlin wurde ein vietnamesischer Ex-Politiker entführt. Die Spur führt ins Amt für Migration
    Rechte Was die Identitären und ihre Ideologen von 1968 gelernt haben, erhellt ein neues Buch

  • Diese Ausgabe digital lesen
  • Drei Ausgaben kostenlos testen

Die "FAZ" veröffentlichte ebenfalls am Freitag einen Artikel unter der Überschrift: "Wir verraten alles, was wir sind". An diesen Artikel wird man sich noch lange erinnern. Seine Kernthese: Schwule neigen dazu, alles zu vögeln, was ihnen vors Rohr kommt, und darum darf man ihnen keine Kinder anvertrauen.

Das steht so natürlich nicht in dem Text. Bei der feinen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" findet man auch für Hate Speech ganz vornehme Worte.

Die entsprechende Stelle liest sich so:

"Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, dass adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr sexuellen Missbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?"

Alles klar? Noch mal für alle: Weil Schwule beim Sex häufig keine Moral kennen, besteht bei ihnen die besondere Gefahr, dass sie auch Kinder vergewaltigen.

Der Text erschien als Gastbeitrag im politischen Ressort. Autor ein gewisser Johannes Gabriel, den die Redaktion als "Philosoph und Psychologen" vorstellte, der Nichtregierungsorganisationen berate. Allein - den Mann gibt es nicht. Der Name ist frei erfunden und die Vita vielleicht auch.

Es ist eine rätselhafte Geschichte: Warum druckt die "FAZ" so etwas? Warum mit erfundenem Autorennamen - und vor allem: wer konnte auf die Idee kommen, das alles bliebe unentdeckt?

Die Identität des Autors ist unklar. Spekuliert wird über den homosexuellen Theologen David Berger. Im Netz twittert und postet er wie das schwule Maschinengewehr Gottes. Auf seiner Seite begehen Migranten andauernd Sexualverbrechen, Islamisten werfen Homosexuelle von Dächern, Beatrix von Storch fordert die katholische Kirche auf, sich von der CDU zu distanzieren, und Erika Steinbach ist eine honorige Politikerin, mit der man sich gerne fotografieren lässt.

Ein schwuler Rechter? Na klar. Die lesbische Alice Weidel ist Co-Spitzenkandidatin der AfD. Und nach einer französischen Studie haben bei den Regionalwahlen 2015 rund 32 Prozent der homosexuellen Paare den Front National gewählt. Die Erfahrung der eigenen Diskriminierung bewahrt einen ja nicht davor, andere zu diskriminieren. Übrigens haben gar nicht so wenige Schwule und Feministinnen echte Sympathien für die Rechten - und zwar aus Angst vor fanatischen Islamisten.

Im Netz steht, dass Berger die kirchliche Lehrerlaubnis für katholischen Religionsunterricht entzogen worden sei, er habe der Kirche daraufhin den Rücken gekehrt. Zu so einem Mann würde der "FAZ"-Artikel passen, den eine eigentümliche Schwankung zwischen schwuler Selbstverachtung und Selbstüberhöhung auszeichnet.

Immerhin - man lernt: Hate Speech ist nicht nur ein Problem des Internets. Und Homophobie gibt es offenbar nicht nur bei den Russen.

Es ist ja kein Geheimnis, dass bei der "FAZ" auch eine Menge Redakteure, die mit ihrem echten Namen schreiben, etwas gegen die Homo-Ehe haben.

Vielleicht gibt es so etwas wie ein redaktionelles Unterbewusstsein, das sich hier Bahn gebrochen hat. Eine tiefsitzende Schwulenfeindlichkeit in der "FAZ"-Redaktion, die alle Mechanismen handwerklicher Vernunft ausgeschaltet hat?

Die "FAZ" lobt sich selbst im Netz jetzt für ihren Debattenmut. Tatsächlich: wer sonst hätte diese reaktionäre Schwurbelei gedruckt? Ob der Zeitung das hilft, ist eine andere Frage. Wie viele rotnackige Schwulenfeinde und selbsthassende Homos gibt es noch im Land, und wie viele ganz normale Leser?

Es kam ein Sturm über die Zeitung, mit dem man in Frankfurt offenbar nicht gerechnet hatte. Auf Twitter machte die Redaktion alles noch schlimmer:

War es denn ein Geist, der der Redaktion den Abdruck befohlen hatte? Ja - der Geist der Schwulenfeindlichkeit.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links


insgesamt 180 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
seyffensteyn 03.07.2017
1. Das Problem bei der ganzen Sache ist,
das durch das Gesetz nicht die Denke im Kopf geändert wird!
axelst 03.07.2017
2. schlimm. Aber auch schön
ich bin so happy dass ich in einem Land lebe, in dem es freien Journalismus gibt. Das ist einer der Grundpfeiler. und deshalb rege ich mich nicht darüber auf, was die FAZ druckt. Es ist gut so. Denn ich sehe dann die Reaktionen und fühle mich sicher. Ein gedruckter quatsch bleibt nicht unbemerkt und bekommt die entsprechende Reaktion und keiner kommt ins Gefängnis .auch der Spiegel druckt manchmal quatsch. ist doch toll! und das über 80 Prozent für die "ehe für alle" sind ist doch auch toll. Jetzt gibt es ein paar Nachbeben bei Kirche, afd, CSU, aber in ein paar Monaten ist das erledigt und wir sind wieder ein Stück intelligenter geworden. Alles gut!
Kinkerlitzchen 03.07.2017
3. Und noch eine Runde (immer im Kreis)
"weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?" Der Autor schreibt also Schwulen zu keine Moral zu kennen, da sie ja schwul sind, und ausgelebtes Schwulsein ist unmoralisch. Das dreht sich doch ziemlich im Kreis. Sobald ausgelebtes Schwulsein nicht mehr unmoralisch ist, fällt die Argumentation in sich zusammen. Es erinnert mich an die Argumentation, die Ehe sei halt traditionell zwischen Mann und Frau, und deswegen gehört sich die Ehe für Alle nicht. Ja, warum ist die Ehe denn traditionell zwischen Mann und Frau? Also erstmal ist die Ehe kein "natürlicher" Zustand, sondern eine geschaffene Institution. "Nach jüngeren Untersuchungen von Fuentes findet sich rein monogames Verhalten bei sieben Primatenarten und ist daher mit 3 % ebenso wenig verbreitet wie unter anderen Säugerarten" "Neuere anthropologische Untersuchungen, wie z. B. von Helen Fisher, zeigen Verhaltensmuster wie Seitensprünge und den Wechsel von Lebenspartnern als in allen Epochen bis zur Frühgeschichte wiederkehrende Merkmale des menschlichen Paarungsverhaltens auf." etc. https://de.wikipedia.org/wiki/Monogamie "Traditionell" zwischen Mann und Frau wird sie dadurch, dass gleichgeschlechtlichen Paaren die Ehe verwehrt wurde. Das Argument dreht sich also ebenso im Kreis, da man aus Gründen verbieten möchte, was durch dieses Verbot erst "traditionell" wurde.
Lykanthrop_ 03.07.2017
4.
Die eigentliche Quelle dieser vermeindlichen Schwulenfeindlichkeit ist die fast allegegenwärtige Männerfeindlichkeit in unserer Gesellschaft und die Angst vor männlicher Sexualität. Jeder Mann steht heute im Generalverdacht Vergewaltiger oder Kinderschänder zu sein, nur gezähmt von unseren kulturellen Normen. Dies ist absoluter Sexismus, hier scheint die FAZ, im Kampf gegen Linke den tieferen Blick vergessen zu haben. Bitte, auch die meisten Männer sind soziale Wesen und zu mehr Empfindungen fähig als der Sexuellen. Männer, schwul oder nicht können sich ebenso gut um Kinder kümmern wie Frauen, gebt ihnen nur die Chance dazu.
shang-kra 03.07.2017
5.
offenbar darf es zu diesem Thema nur eine Meinung geben: lang lebe die Demokratie oder die Diktatur der Minderheit.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.