Ehemalige RAF-Terroristen: Lehrer, Schriftsteller, Buchhalter

Von Jan Friedmann

Die aus der Haft entlassene ehemalige RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt muss sich eine neue Existenz aufbauen. Ihre bereits freigelassenen Mitkämpfer bewältigten diese Aufgabe mit unterschiedlichem Erfolg. Die meisten bevorzugen die Anonymität - zur Gewalt hat keiner mehr gegriffen.

Hamburg - Brigitte Mohnhaupt verließ die Haftanstalt im bayerischen Aichach in aller Heimlichkeit - und auf diese Weise möchte sie offenbar zunächst auch ihr weiteres Leben gestalten. Sie wolle nach mehr als 24 Jahren Haft vor allem in Ruhe gelassen werden, sagt ihr langjähriger Gefängnisdirektor Wolfgang Deuschl.

Auch die meisten ihrer ehemaligen Mitkämpfer führen ein zurückgezogenes Leben: Nur von wenigen Ex-RAF-Terroristen ist bekannt, was sie genau tun und wo sie leben. Andere tingeln dagegen publikumswirksam durch die Talkshows. Die Meinungen darüber, ob der bewaffnete Kampf gerechtfertigt war, gehen in der Gruppe der RAF-Rentner weit auseinander. Ein Flügel gesteht den Irrtum ein, andere rechtfertigen noch immer die Ziele von damals.

Peter-Jürgen Boock lebt als freier Autor in der Nähe von Freiburg. Er wurde 1998 nach 17 Jahren auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen. Boock veröffentlichte 2002 eine "dokumentarische Fiktion" zur Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, an der er selbst beteiligt war. Boock berichtet in Büchern und Talkshows offen über seine Zeit als RAF-Kader, verschweigt allerdings die genauen Tatbeteiligungen seiner ehemaligen Mitkämpfer. Boock trat mehrfach der von anderen RAF-Ehemaligen gepflegten Mär entgegen, der Selbstmord der Stammheim-Häftlinge 1977 sei in Wirklichkeit Mord gewesen.

Inge Viett gehört mit Peter-Jürgen Boock zu den wenigen ehemaligen RAF-Angehörigen, die noch öffentlich auftreten. Sie wurde 1992 zu 13 Jahren Haft verurteilt, durfte das Gefängnis jedoch früher verlassen. Viett arbeitet inzwischen als Schriftstellerin. Sie verteidigte in einem offenen Brief an die linke Tageszeitung "Junge Welt" die Ziele der Roten Armee Fraktion. Viett schreibt im RAF-Duktus, der "politisch/militärische Angriff" sei damals "für uns der angemessene Ausdruck für unseren Widerstand gegen den Kapitalismus" gewesen. Rückblickend beklagt sie, "dass dem Guerillakampf in der BRD und in allen imperialistischen Staaten verdammt mehr Erfahrung, Klugheit, Ausdauer und Unterstützung zu wünschen gewesen wären".

Viett hatte schon im Gefängnis erste literarische Versuche unternommen, die 1996 unter dem Titel "Einsprüche! Briefe aus dem Gefängnis" veröffentlicht wurden. Nach ihrer Haftentlassung 1997 legte sie ihre Autobiografie "Nie war ich furchtloser" vor, zwei Jahre später folgte der Reisebericht "Cuba libre bittersüß".

Silke Maier-Witt betrachtet ihre RAF-Vergangenheit mit weit größerer Distanz: "Wir hatten die Illusion, die Wirklichkeit zu ändern. Das war ein Fehler." Maier-Witt war an der Schleyer-Entführung beteiligt, sie wurde 1991 zu zehn Jahren Haft verurteilt, aber nach der Hälfte der Zeit freigelassen. Nach der Haft schloss Maier-Witt ihr Psychologiestudium ab. Danach arbeitete sie als Friedenskraft im Kosovo, wo sie traumatisierte Kriegsopfer betreute. Sie bekam für ihre Arbeit im Kosovo ein Empfehlungsschreiben des damaligen Bundesanwalts Kay Nehm.

Karl-Heinz Dellwo, der 1975 am Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm beteiligt war, bestreitet wie Boock sein Leben als Autor und Filmemacher. Er distanzierte sich schon früh von der RAF, was ihm beispielsweise Viett übel nahm. Er bezeichnete die RAF-Morde als "unmenschlich". Die RAF habe nicht von einer Gegengesellschaft und Gegenmoral reden können, "wenn dies Geiselerschießungen und somit die vollständige Verdinglichung von Menschen beinhaltet", sagte Dellwo dem "Tagesspiegel". Dellwo engagierte sich im "Sozialforum Hartz IV".

Susanne Albrecht ermöglichte 1977 Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar den Zugang zum Haus von Jürgen Ponto, dem Patenonkel ihrer Schwester. Ponto wurde erschossen, nach dem Mord erlitt Albrecht einen Nervenzusammenbruch. Sie tauchte mithilfe der Stasi in der DDR unter. Sie wurde 1990 in Ost-Berlin verhaftet. 1991 wurde sie zu zwölf Jahren Haft verurteilt, kam aber nach sechs Jahren aufgrund der Kronzeugenregelung auf Bewährung frei. Albrecht arbeitet heute als Lehrerin unter neuem Namen in Norddeutschland.

Knut Folkerts, der an der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback beteiligt war und in den Niederlanden einen Polizisten erschoss, führt eine unauffällige Existenz in Hamburg. Er arbeitet als Buchhalter in einer Logistikfirma. 1995 wurde Folkerts nach 17 Jahren aus der Justizvollzugsanstalt Celle entlassen. "Eine Rückfahrkarte war nicht eingeplant", sagt Folkerts in einem SPIEGEL-Interview im Rückblick auf seine Zeit nach der Haft. Folkerts droht erneute Haft: Die Niederlande bestehen auf der Vollstreckung einer 20-jährigen Haftstrafe, zu der Folkerts 1977 wegen Polizistenmordes in Utrecht verurteilt worden war.

Monika Helbing mietete die Wohnung, in der Schleyer nach der Entführung festgehalten wurde. Sie stieg 1980 aus und verschwand in der DDR. 1990 wurde sie verhaftet und zu sieben Jahren Haft verurteilt. Helbing lebt heute unter anderem Namen.

Adelheid Schulz war an der Schleyer-Entführung und einer Schießerei mit niederländischen Zöllnern beteiligt, bei der zwei Beamte starben. 1982 wurde Schulz zusammen mit Mohnhaupt verhaftet und zu dreimal lebenslänglich verurteilt. Im Jahr 1998 kam Schulz aus Gesundheitsgründen frei: Ihre Gesundheit war durch mehrere Hungerstreiks angegriffen. 2002 begnadigte Bundespräsident Rau Schulz endgültig. Seither lebt sie Frankfurt, sie ist offiziell arbeitsunfähig.

Auch die Spur von Friederike Krabbe, Angehörige der zweiten RAF-Generation, verliert sich im Nahen Osten. Sie hielt sich 1977 in Bagdad auf. Nach Krabbe wird noch immer offiziell gefahndet.

Gefahndet wird noch immer nach Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg. Noch in Haft sind Christian Klar, Eva Haule und Birgit Hogefeld.

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