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28. August 2007, 20:15 Uhr

Ehrenmord-Prozess

Verdächtige SMS - Bundesrichter kippen Sürücü-Urteil

Von Jan Müller, Leipzig

Im Namen der Familienehre wurde die Deutsch-Türkin Hatun Sürücü von ihrem jüngsten Bruder 2005 erschossen. Der sitzt für diesen "Ehrenmord" längst im Gefängnis – im Gegensatz zu den älteren Brüdern, obwohl die Staatsanwaltschaft stets von deren Mitschuld ausging. Nun wird der Fall neu aufgerollt.

Leipzig - "Ganz und gar unbegreiflich." So beschrieb Bundesanwalt Hartmut Schneider heute die Tat, die sich vor gut zwei Jahren im Berliner Stadtteil Tempelhof ereignet hatte. Aus nächster Nähe schoss damals der jüngste Bruder Ay. Sürücü seiner älteren Schwester Hatun in den Kopf. Eine regelrechte Hinrichtung, die quer durch die Republik Entsetzen auslöste und eine heftige öffentliche Debatte über sogenannte Ehrenmorde, Zwangsehen und die Integration von Migranten entfachte.

Mordopfer Hatun Sürücü: Ihr Fall wird neu aufgerollt
DDP

Mordopfer Hatun Sürücü: Ihr Fall wird neu aufgerollt

In weiser Voraussicht hatte der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofes in Leipzig die heutige Verhandlung in den "Großen Sitzungssaal" verlegt: Ein mächtiger Raum mit dunklen Eichenholzpanelen und goldfarbenen Wandverzierungen, in dem 1933 der Prozess um den Reichstagsbrand stattfand. Groß war der Andrang auf die Revisionsverhandlung: Die Leipziger Richter hatten zu entscheiden, ob der Mordfall Hatun Sürücü neu aufgerollt werden muss.

Die furchtbare Tat hatte sich im Februar 2005 ereignet, an einer Bushaltestelle im Berliner Stadtteil Tempelhof. Dreimal wurde Hatun Sürücü an diesem Tag aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Schon wenige Tage später verdichteten sich die Hinweise, dass ihr jüngster Bruder Ay. die Kugeln auf die junge Mutter abgefeuert hatte. "Bereust du deine Sünden?" Das waren die letzten Worte - gab er später in Berlin vor Gericht zu -, die er an seine Schwester richtete.

Ihr Lebensstil gefiel der konservativen Familie nicht

Hatun Sürücü hatte ein Leben gelebt, das der konservativen, aus Ost-Anatolien stammenden Familie missfiel: Mit 16 war sie zunächst in einer arrangierten Ehe in der Türkei verheiratet worden. Doch obwohl sie schwanger wurde, trennte sich die junge Frau von ihrem Mann und kehrte allein mit dem Kind nach Berlin zurück. Dort nahm sie nach und nach einen immer westlicher geprägten Lebensstil an, legte ihr Kopftuch ab, traf sich mit Freunden, zog in eine eigene Wohnung und begann eine Ausbildung zur Elektromechanikerin.

Vor dem Berliner Landgericht behauptete Ay. Sürücü, die Tat alleine begangen zu haben. Er habe den Lebensstil seiner Schwester als ehrverletzend betrachtet. Nach dem siebenmonatigen Prozess wurde er rechtskräftig zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt. Zum Zeitpunkt der Tat war Ay. 19 Jahre alt.

Obwohl unstrittig war, dass er die tödlichen Schüsse auf seine Schwester abgegeben hatte, wurden damals aber auch die 25 und 26 Jahre alten Sürücü-Brüder A. und M. mitangeklagt. Lebenslange Haft hatte die Staatsanwaltschaft für die beiden gefordert - und stützte sich dabei auf die Aussagen der Freundin von Ay., Melek A.

Unter besonderen Schutzmaßnahmen hatte diese als Kronzeugin vor Gericht ausgesagt und dabei die älteren Brüder schwer belastet: Demnach hätte Ay. Sürücü ihr nach der Tat erzählt, dass die älteren Brüder nicht nur den Plan zur Ermordung der Schwester gebilligt und unterstützt, sondern auch bei der Ausführung geholfen hätten. M. habe die Waffe besorgt, A. Sürücü sei sogar am Tatort gewesen.

Die Mitschuld konnte allerdings nicht eindeutig bewiesen werden: Da die belastenden Aussagen von Melek nur auf Hörensagen beruhten, sie also nur wiedergab, was Ay. ihrer Aussage nach erzählt hatte, konnte sich das Berliner Gericht nicht mit der notwendigen Sicherheit von einer Beteiligung der beiden älteren Brüder überzeugen.

Leipziger Bundesrichter heben die Freisprüche auf

A. und M. Sürücü wurden damals freigesprochen - doch das muss nun überprüft werden.

Die Staatsanwaltschaft blieb nämlich überzeugt davon, dass auch die beiden Brüder in das blutige Familiendrama verstrickt waren - und legte deshalb Revision ein. Der zuständige 5. Strafsenat des Leipziger Bundesgerichtshofs kam nun zu dem Schluss, dass die Freisprüche für A. und M. Sürücü aufgehoben werden müssen: Der Fall wird neu verhandelt und an eine Schwurgerichtskammer in Berlin übergeben.

Das Gericht folgte nicht der Argumentation der Anwälte der älteren Sürücü-Brüder - die befinden sich allerdings beide in der Türkei

Damit folgte das Gericht nicht der Argumentation der Anwälte von M. und A. Sürücü. Diese hatten versucht darzulegen, dass die "Ehrverletzung" von Hatun gegenüber der Familie schon Jahre zurückgelegen habe und es deshalb für die Brüder kein Motiv für den Ehrenmord zu diesem Zeitpunkt gegeben habe. "Hatun war für die älteren Brüder schon lange gestorben", so die Begründung der Verteidiger.

Die Staatsanwaltschaft hatte hingegen versucht, Lücken im Urteil des Berliner Gerichts darzulegen. Und genau diese Lücken sahen auch die Leipziger Richter. Als besonderes Indiz wurde dabei eine SMS anerkannt, die die Vermutung bestärkt, dass A. Sürücü zum Tatzeitpunkt tatsächlich in der Nähe des Schützen Ay. war.

Der Vorsitzende BGH-Richter Clemens Basdorf räumte ein, die Beweislage sei "heikel und besonders kompliziert" gewesen - dennoch habe man Rechtsfehler der Vorinstanz entdeckt. Basdorf warf den Berliner Richtern vor, die Beweislage nicht richtig gewichtet zu haben. Besagte SMS beispielsweise, die der Todesschütze kurz nach der Tat an seinen Bruder A. schickte - sie enthielt Hinweise auf eine nicht eingehaltene Verabredung zwischen beiden Männern - habe bei der Urteilsfindung viel zu wenig Beachtung gefunden.

Für Regina Kalthegener, Anwältin und Vertreterin der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes", bedeutet das heutige Urteil einen Schritt in die richtige Richtung. "Das Signal, das von diesem Urteil ausgeht, ist klar: Wer wegen der Ehre tötet, ist ein Mörder, da gibt es kein Pardon." Ihre Organisation hoffe nun, dass künftig auch in den Gemeinden darüber diskutiert wird, dass es, so Kalthegener, "keine Ehrenmorde geben darf".

Die Berliner Juristin und Frauenrechtlerin Seyran Ates hofft, dass eine erneute Verhandlung nun auch stärker die kulturellen Hintergründe der Tat beleuchtet. "Die ganze Familie Sürücü muss besser unter die Lupe genommen werden", so Ates gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Ein Ehrenmord ist nie eine Einzeltat, sondern wird im familiären Kontext vorbereitet. Eine exakte Beweisführung ist auch deshalb wichtig, weil der Mord an Hatun Sürücü ein Schauprozess war."

Allerdings gibt es ein Problem: Die zwei älteren Sürücü-Brüder befinden sich momentan noch in der Türkei. Dem jüngeren der beiden, der nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, war erst unlängst die Einreise nach Deutschland verwehrt worden - seine Aufenthalterlaubnis war über sechsmonatiger Abwesenheit abgelaufen.

Andreas Becker* von "Hatun & Can e.V." - ein gemeinnütziger Verein, der sich um junge Frauen kümmert, die von der eigenen Familie bedroht werden - kannte Hatun Sürücü. Eine Woche vor ihrer Ermordung hatte er sich noch mit der Deutsch-Türkin getroffen. Becker erinnert sich: "Einer Freundin gegenüber hat sie gesagt, dass sie ihr Leben genießt, so wie es ist. Denn sie wisse nicht, wie lange es noch dauert".

Zum Verhängnis sei für Hatun möglicherweise worden, dass sie sich wieder an ihre Familie annähern wollte - nachdem sie ausgezogen und der Kontakt abgebrochen war. Die Männer der Familie hätten befürchtet, dass die selbstbewusste junge Frau schlechten Einfluss auf die übrigen Töchter der Familie nehmen könnte, glaubt Becker.

* Name von der Redaktion geändert

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