Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ehrenmorde: Familie Husseins Fahrt ins Glück

Von Sophie Gabe

Die 33-jährige Seynab Hussein hat einen Mann geheiratet, den ihre Familie nicht akzeptierte. Morddrohungen und brutale Überfälle folgten. Nach Jahren der Todesangst mitten in Berlin konnten die Husseins jetzt ins Ausland fliehen - dank der Spenden von SPIEGEL-ONLINE-Lesern.

Berlin - Die letzten Minuten ihres alten Lebens verbringen sie isoliert von der Außenwelt: Ein grau getünchter Sicherheitsraum der Polizei neben der Tiefgarage am Berliner Flughafen Tegel, kahle Wände, kleine Fenster mit Milchglas, ein paar Stühle. Das karge, kleine Zimmer versprüht den Charme eines Kellerabstellraums. Für Familie Hussein aber ist es zugleich die letzte Station in ihrem alten Leben und die erste Station in der neuen Freiheit.

Die Husseins warten hier darauf, dass die Polizei ihr Gepäck eingecheckt hat, die drei Koffer mit ihrem ganzen Hab und Gut - und darauf, dass sie ins Flugzeug steigen können. Nach fast dreißig Jahren Leben in Berlin verlassen Seynab*, 33, Ali*, 45, Amira*, 4, und Mehmet*,1, Deutschland.

Der Verein Hatun & Can e.V. wurde nach der Ermordung von Hatun Sürücü gegründet
SPIEGEL ONLINE

Der Verein Hatun & Can e.V. wurde nach der Ermordung von Hatun Sürücü gegründet

Nur die Hauptkommissarin vom Abschnitt 1 der Berliner Polizei, Christina Jerbi, und zwei Mitarbeiter vom Hilfsverein "Hatun & Can" sind gekommen, um sich zu verabschieden und die Sicherheit der Husseins zu garantieren. Keine Freunde, keine Verwandten. Außer der Polizei weiß niemand, wohin die aus Tunesien stammende Familie flüchtet.

Denn die Husseins leben seit fünf Jahren in ständiger Lebensgefahr. Mutter Seynab hatte sich vor sieben Jahren entschieden, nicht ihren Cousin zu heiraten, dem sie in Tunesien versprochen war. Sondern einen anderen in Berlin lebenden Tunesier, auch ein entfernter Verwandter, Ali, den sie liebte.

"Ich habe ihr Spiel mitgespielt"

Damit begann das Martyrium. Seynab, 33 Jahre alt, eine Frau mit weichen Gesichtszügen, wurde von ihrer Familie nach Tunesien verschleppt. Mit viel Geduld und Beteuerungen hat sie ihren Verwandten klar machen können, dass sie der Heirat mit dem Cousin jetzt zustimme, aber noch einmal nach Deutschland zurück müsse, um einige Dinge zu klären. "Ich habe ihr Spiel mitgespielt, das war meine einzige Chance", sagt sie.

In Deutschland angekommen, tauchte Seynab sofort unter - erst ins Ausland, dann flog sie zurück nach Berlin, weil Ali, den sie inzwischen geheiratet hatte, noch auf Papiere wartete. Sie sagten niemandem, wo sie jetzt wohnten. Den Kontakt zu allen Freunden haben sie abgebrochen. "Wir wollten sie nicht damit hineinziehen, sie kannten alle meine Familie, sie wären in Gefahr geraten, wenn sie gewusst hätten, wo wir sind." Aber ihre Verwandten - insgesamt leben nach Schätzungen der Polizei mehrere tausend entfernte Familienmitglieder der Husseins überall in Deutschland verstreut - haben doch herausbekommen, wo Seynab und Ali mit ihren Kindern leben.

Seynab traf eine ihrer Schwestern im Supermarkt. Die junge Frau war hochschwanger, ihre Schwester ging auf sie los und trat sie in den Bauch. 10.000 Euro hatten Seynab und Ali den Cousins und Brüdern schon gezahlt, um sich freizukaufen. Es hatte offenbar nicht geholfen. "Damals begriff ich, dass es keinen Sinn haben würde, wieder Kontakt mit meiner Familie aufzunehmen. Wenn schon meine eigene Schwester mich angreift, was würden meine Brüder und Cousins mit mir machen?", fragt Seynab.

"Viele Grüße von Deiner Familie"

Eine Antwort auf diese Frage blieb ihr ihre Familie nicht lange schuldig. Es passierte im Sommer vor zwei Jahren: Seynab war mit ihrer kleinen Tochter Amira auf dem Weg zum Kinderarzt, mitten in Berlin. Plötzlich kam eine Gruppe Männer auf sie zu, fragte sie, ob sie Seynab Hussein sei. "Ja", sagte Seynab völlig überrumpelt. Die Männer holten Gummiknüppel hervor und begannen, auf die kleine Amira einzuschlagen. Seynab warf sich auf ihre Tochter, der Knüppel raste jetzt auf sie selbst nieder. Passanten stürmten herbei, die Täter flüchteten, murmelten zum Abschied: "Viele Grüße von Deiner Familie."

Mutter und Tochter flüchteten mit dem Taxi ins Krankenhaus, dort stellte man ihrer Familie, ihrem Mann und den beiden kleinen Kindern, für sechs Wochen ein Zimmer zur Verfügung. Danach ging es ins Obdachlosenheim, bis die Husseins eine Wohnung fanden, die das Landeskriminalamt vorher zur einigermaßen sicheren Zone erklärt hatte. Sicher hieß: Keine Familienangehörigen in der Nähe.

Seitdem bewegte sich die junge Familie nur noch in einem Radius von ein paar hundert Metern. Amira ging in einen Kindergarten, der direkt neben der Wohnung lag. Auch der Einkaufsladen war in der Nähe. Draußen gespielt, mit jemandem über ihre Situation gesprochen oder Ausflüge gemacht haben die Husseins nie. Der einjährige Mehmet mit den dunklen Locken, den Pausbacken und den großen braunen Augen hatte keinen Kinderwagen, weil seine Eltern ohnehin nie mit ihm spazieren gehen konnten.

"Warum dürfen wir nicht raus gehen?"

Die Angst der Husseins vor ihrer Familie war nicht übertrieben. Mehrere Frauen aus der Familie seien schon umgebracht worden, erzählen Ali und Seynab. Die meisten von ihnen in der nordafrikanischen Heimat - alle dieser Mordopfer waren Frauen. Und immer seien die Auftraggeber der Morde ohne Strafe davon gekommen. "Sie ließen den jüngsten der Söhne morden, und der war dann nicht straffällig", erklärt Seynab.

Als die vierjährige Amira begann, immer wieder zu fragen: "Warum dürfen wir nicht raus gehen und draußen spielen?", beschlossen ihre Eltern, dass sie gehen würden. Sie schalteten die Polizei ein. Die fand heraus, dass in ganz Westdeutschland Familienmitglieder lebten. Überall würde die Familie nach der verhassten Tochter suchen, die den Mann heiratete, den sie liebte. Um sie zu bekommen und dann womöglich zu töten.

Die Husseins suchten sich Hilfe, die Berliner Senatsverwaltung verwies die Familie an den Hilfsverein "Hatun & Can". Der rettet unbürokratisch und schnell Frauen, die von ihren Familien bedroht werden. Sie suchen ihnen eine neue Wohnung in einer anderen Stadt, zahlen Umzug und Miete. Im Fall der Husseins dauerte es genau 18 Tage, bis sie in ihr neues Leben starten konnten. Nach einem Bericht auf SPIEGEL ONLINE über "Hatun & Can" spendeten Leser insgesamt 7000 Euro. Nur durch dieses Geld wurde die Flucht der Familie ins Ausland möglich. "Ich bin unglaublich froh über die Spenden, genauso sollte es laufen. Ich möchte mich ganz herzlich bei allen Spendern bedanken", sagt Andreas Becker* von dem Hilfsverein. Aber "Hatun & Can" brauche noch weitere Gelder. Becker hofft auf die Hilfsbereitschaft einer großen Firma. "Es wäre wahnsinnig wichtig, dass wir permanent einen Etat von ungefähr 30.000 Euro haben, mit dem wir um die zehn Frauen schnell retten können." Denn nach den Husseins warten schon die nächsten Frauen, denen "Hatun & Can" zu einem neuen Leben verhelfen will.

Dankesbrief an SPIEGEL-ONLINE-Leser

Seynab Hussein hat einen Dankesbrief an die SPIEGEL-ONLINE-Leser, die für "Hatun & Can" spendeten, geschrieben: "Mit Ihren großzügigen Spenden ermöglichen Sie mir und meiner Familie, das Land zu verlassen. Sie geben uns damit die Chance, endlich wieder aus der Anonymität herauszutreten und irgendwann wieder in ein angstfreies Leben zurückzufinden. Sie geben mir neuen Lebensmut. Ohne Ihre Unterstützung wäre das niemals möglich gewesen Dafür danke ich Ihnen, vor allem im Namen meiner Kinder, von ganzem Herzen."

Nachdem sie den Brief in dem Sicherheitsraum im Tegeler Flughafen vorgelesen hat, verbirgt sie das Gesicht in den Händen und weint. Sie wisse nicht, wie sie dafür danken könne, dass sie und ihre Familie jetzt die Chance auf ein Leben ohne ständige Angst haben. "Ohne, dass ich mich immer umdrehen muss, mich verfolgt fühle, meine Kinder in Gefahr sind."

Es ist später Mittag, als ein paar Polizisten kommen, um die Husseins zum Flugzeug zu bringen. Andreas Becker von "Hatun & Can" übergibt Seynab und Ali einen Brustbeutel mit 3000 Euro. Flugtickets und eine Woche in der Pension sind bereits bezahlt. Für die Kinder hat Becker Schwimmtiere, die neue Heimat der Husseins wird am Meer liegen. Und zwei Eisbären-Plüschtiere. Amira erkennt sofort, wen sie in die Hand gedrückt bekommen hat. "Das ist doch Knut, den habe ich im Fernsehen gesehen", ruft sie.

Seynab und Ali haben Freudentränen in den Augen, als sie zum Flugzeug gehen, der kleine Mehmet kräht fröhlich vor sich hin und kuschelt sich an die Schulter der Hauptkommissarin. Amira guckt gebannt auf die Landebahn und hält ein Spielzeugpolizeiauto in der Hand. "Das erste, was ich mache, wenn wir ankommen, ist mit meinen Kindern draußen zu spielen", sagt Seynab. Sie sei wahnsinnig erleichtert und voller Hoffnung. Amira habe sie erklärt, sie führen zum Baden ans Meer.

Ali, der die ganze Zeit über im Sicherheitsraum kaum ein Wort gesprochen hat, sagt leise: "Es ist das erste Mal seit einem halben Jahr, dass ich andere Leute getroffen habe." Die Polizei, die Helfer von "Hatun & Can" - sie sind die einzigen, die den Husseins hinter dem Gitter zum Rollfeld winken. Ein Abschied nach 28 Jahren Leben in Deutschland.

*Namen und Personenangaben geändert

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: