Ehrung Kretschmann ist "Politiker des Jahres"

Am Sonntag eine Schlappe, am Montag ein Preis. Nur einen Tag nachdem Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann die Volksabstimmung über Stuttgart 21 quasi verloren hat, wird er in Berlin als "Politiker des Jahres geehrt" - für seinen neuen Politikstil.   

Ministerpräsident Kretschmann: Zum Politiker des Jahres gewählt
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Ministerpräsident Kretschmann: Zum Politiker des Jahres gewählt


Berlin - Freud und Leid liegen manchmal eng beieinander - in diesem Fall sehr eng. Der Hoffnungsträger der Stuttgart-21-Gegner, Winfried Kretschmann, konnte nicht liefern, was sie sich von ihm erhofft hatten. Die Volksabstimmung über das Bahnhofsprojekt ging verloren - den Titel "Politiker des Jahres 2011" hat Kretschmann dennoch gewonnen. Die Auszeichnung wurde ihm am Montag in Berlin von der Fachzeitschrift "Politik und Kommunikation" verliehen. "Der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands hat einen neuen Politikstil der Offenheit und Beteiligung in die baden-württembergische Landespolitik gebracht", hieß es zur Begründung.

Auch Stuttgart 21 spielte bei der Wahl Kretschmanns durchaus eine Rolle: In dem Konflikt habe der Kretschmann trotz eines aufgeheizten politischen Klimas mit Bedacht agiert. Der 62-Jährige beweise einen ausgeprägten Sinn für Fairness.

Möglicherweise sind aber der Preis und die Niederlage gar nicht so gegensätzlich, wie es zunächst den Anschein hat. Denn Kretschmann versucht nun, aus der Not eine Tugend zu machen. Ohne Wenn und Aber akzeptiert er das Ergebnis und verspricht, das Projekt fortan konstruktiv-kritisch zu begleiten. Dabei hatten Grüne und SPD von Anfang an wie die Kesselflicker über Stuttgart 21 gestritten. "Bis zur letzten Patrone" wollte Kretschmann gegen das verhasste Vorhaben kämpfen, wie Parteifreunde berichten. Jetzt aber verkauft er die Volksabstimmung als gemeinsamen Erfolg auf dem Weg zu "mehr Demokratie".

Tatsächlich glauben professionelle Beobachter, der Grüne könne die Schlappe noch zu seinen Gunsten drehen. "Er hat sich als guter Demokrat profiliert", findet der Tübinger Politologe Hans-Georg Wehling. Damit habe er sich endgültig auch für alle konservativen Bürger wählbar gemacht. Der Konstanzer Professor Wolfgang Seibel meint: "Die Grünen in Baden-Württemberg werden geprägt durch Winfried Kretschmann. Kretschmann versucht jetzt klugerweise staatsmännisch aus dem Ergebnis das Beste zu machen."

Im vergangenen Jahr war der Preis an die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) gegangen. Das Fachmagazin lobt den Preis seit 2003 aus. Auch Peer Steinbrück und Karl-Theodor zu Guttenberg waren schon Preisträger.

ler/dpa



insgesamt 28 Beiträge
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prologo1, 28.11.2011
1. So einfach und ehrlich kann Politik sein, wenn man das Volk abstimmen läßt,......
....dann ist Ruhe und Zufriedenheit im Lande. Das Ergebnis wird von allen akzeptiert, und da sollen sich die Politiker, die Vertuscher und Verschweiger und Lügner mal ins Gewissen reden, falls sie noch eines haben, oder....? Namen braucht man dazu hier nicht mehr nennen, das beginnt ganz oben beim Kanzler/in, und endet beim einfachen Gemeinderat der sogenannten etablierten Parteien, der Parteispendenbestechungsklientelparteien in unserem Lande, oder....?
nairobi 28.11.2011
2. verdient!
Das hat sich Verdient. Gerade seine Reaktion nach dem Votum für Stuttgart21. Wäre gespannt wie etwa FDP-Spitzenpolitiker reagieren würden, wenn das Volk per Votum für einen allgemein gültigen Mindestlohn entscheiden würden! Und in Hamburg musste man ja auch schon negative Erfahrungen machen ...!
hansjoki 28.11.2011
3. Tja - so schön und einfach wäre es...
Zitat von sysopAm Sonntag eine Schlappe, am Montag ein Preis. Nur einen Tag nachdem Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann die Volksabstimmung über Stuttgart 21 quasi verloren hat, wird er in Berlin als "Politiker des Jahres geehrt" - für seinen neuen Politikstil.*** http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,800480,00.html
ein politisches Amt - wenn auch weniger perfekt - anständig und ehrenvoll zu führen. Dieses, sein Gebaren, wäre die Basis, Vertrauen in der Bürgerschaft zu bilden. Leider aber scheint Herr K. nur ein bemerkenswerter Einzelfall in der Politik zu sein (und zu bleiben). Ich wünsche ihm die Ehrung, die (hoffentlich) gleichzeitig beschämend für den Rest seiner Kollegen wirken möge !
Critik 28.11.2011
4. Mindestlohn
Zitat von nairobiDas hat sich Verdient. Gerade seine Reaktion nach dem Votum für Stuttgart21. Wäre gespannt wie etwa FDP-Spitzenpolitiker reagieren würden, wenn das Volk per Votum für einen allgemein gültigen Mindestlohn entscheiden würden! Und in Hamburg musste man ja auch schon negative Erfahrungen machen ...!
Das Volk kann gute Entscheidungen treffen. Aber es ist grundsätzlich falsch, wenn Jemand über sein eigenes Einkommen per Votum entscheiden darf. Das ist bei Politiker falsch und auch bei der Bevölkerung. Sie lassen ja auch nicht ihre Kinder über die Höhe des Taschengeldes abstimmen. Es sei denn sie wollen Bankrott gehen. Es ist ja ein alter Hut, dass der Mindestlohn entweder wirkungslos (wenn zu niedrig) oder wirtschaftlich schädlich (wenn zu hoch ist) ist... Die Mindestlohnforderung ist daher lediglich populistisch.
Critik 28.11.2011
5. Wofür
Zitat von sysopAm Sonntag eine Schlappe, am Montag ein Preis. Nur einen Tag nachdem Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann die Volksabstimmung über Stuttgart 21 quasi verloren hat, wird er in Berlin als "Politiker des Jahres geehrt" - für seinen neuen Politikstil.*** http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,800480,00.html
Die ganze Nachricht hat was von Obamas Friedensnobelpreis. Mein weiss auch bei Kretschmann nicht so genau, wofür er den Preis bekommen hat.
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