Ein Jahr Piratenchef Schlömer Alter Verwalter

Er wurde auf der Welle des Erfolgs zum Piratenchef gewählt, mittlerweile verwaltet er einen Trümmerhaufen. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt zieht Bernd Schlömer Bilanz - und wirkt von seiner Partei enttäuscht.

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Piratenchef Schlömer: "Ich muss auf mich achtgeben"
Werner Schuering

Piratenchef Schlömer: "Ich muss auf mich achtgeben"


Berlin - Bernd Schlömer schnappt sich seinen Rollerhelm, er muss zur Vorstandssitzung. Dafür fährt er in seine Wohnung. So ist das bei den Piraten, konferiert wird per Audiokonferenz, "bei einem Glas Wein am Rechner, ganz entspannt". Schlömer muss selbst lachen bei diesem Satz, denn er weiß, dass es bei diesen Sitzungen oft alles andere als entspannt zugeht.

"Es reicht mir. Es reicht mir wirklich", schimpfte er bei einer Vorstandsrunde im Februar. "Ich lasse mich hier nicht anmachen." Kurz zuvor war der monatelange Zoff im Piratenvorstand eskaliert, Schlömer fühlte sich von seinem Kontrahenten Johannes Ponader "hintergangen und erpresst". Es war einer der wenigen Momente, in dem der Beamte Schlömer öffentlich die Beherrschung verlor.

Der Konflikt ist vorerst gelöst, Ponader hat aufgegeben, doch die Piraten haben den Ruf der krakeelenden Kampfbande weg. Und Schlömer verwaltet die Trümmer einer Partei, die einmal den Bundestag aufmischen wollte. Vor einem Jahr, auf dem Höhepunkt des Piratenfrühlings, wurde er zum Vorsitzenden gewählt. Die junge Partei eilte in den Ländern von Wahlerfolg zu Wahlerfolg, Umfragen im Bund stellten ihr bis zu 13 Prozent in Aussicht. Dann ging es bergab, mittlerweile sind die Piraten aus der öffentlichen Wahrnehmung nahezu verschwunden.

Zwar war Schlömer auf einiges gefasst. "Wenn man ein Jahr als Vorsitzender der Piratenpartei übersteht, kann man fast jeden Job machen", sagte er zum Amtsantritt. Doch wer mit ihm über seine Zeit an der Spitze redet, erlebt einen Piratenchef, der sich nicht mehr richtig gut aufgehoben fühlt in seiner Partei. Schlömer spricht davon, wie sich der "linke Parteiflügel an mir abgearbeitet" habe. Im Herbst fragte er sich, ob seine politische Wertehaltung noch reiche, um die Partei zu repräsentieren. Sprich: ob er nicht zu konservativ für diese Rebellentruppe sei.

Schlömer machte von Anfang an klar, dass er den Job nur in seiner Freizeit machen kann, "und trotzdem wurde erwartet, dass ich ständig präsent bin. Immer hieß es: Mach was, tu was, sag was." Dabei gestehen viele Piraten ihrem Vorsitzenden kaum mehr zu, als das Alltagsgeschäft zu regeln. Andere wiederum verlangen von ihm, er möge sich bitte um alles kümmern. In seiner wöchentlichen Sprechstunde bekommt Schlömer jedes Mal beides zu hören. Und wann immer er zu Themen und Problemen bei den Piraten Stellung nahm, war ihm eine Entrüstungswelle sicher. "Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass so viele Menschen so destruktiv sind", sagt er heute.

Querelen verbrannten am meisten Energie

Schlömer ist erst 42, doch nach diesem kraftraubenden Jahr muss auch er feststellen, dass er nicht jünger wird. "Ich muss auf mich achtgeben", sagt er. Zugenommen habe er, sagt Schlömer und patscht sich auf den Bauch. Inzwischen opfert er weniger Zeit für die Partei: "Ich sage häufiger: Heute gehe ich ins Kino, morgen ist für die Familie reserviert."

Sein schwierigster Moment war die Pressekonferenz, in der er den Rücktritt von zwei Beisitzern verkünden musste. Überhaupt verbrannten die Querelen im Führungsteam am meisten Energie. "Bernd hat darunter gelitten, auch wenn er sich das selten hat anmerken lassen", sagt ein Vorstandskollege. "Das Störpotential von Ponader hat er lange unterschätzt."

Doch es wäre zu einfach, allein dem sturen Ponader das Desaster in die Schuhe zu schieben. Schlömer agierte lange zu zögerlich, scheute Machtworte in Momenten, in denen sie symbolisch wichtig gewesen wären. Nach dem Abschied von Marina Weisband sehnten sich viele Piraten nach einer neuen ideellen Leitfigur. Der spröde Schlömer konnte das nicht bieten. Als in Umfragen die Prozente purzelten, wollte er die Flaute aussitzen. Als er merkte, dass das nicht funktioniert und von den Piraten nur noch persönliche Streitigkeiten nach außen drangen, kündigte Schlömer an, die Partei künftig selbst stärker zu positionieren. Doch es folgte wenig bis nichts.

Aus der Partei heißt es unter manchen Engagierten, Schlömer sei jetzt abgetaucht. Er selbst erklärt es so: Die anderen sollen Gelegenheit zur Profilierung bekommen. Themenbeauftragte sind ernannt, Spitzenkandidaten gewählt. Doch bislang kommt wenig an Ideen und Feuer. Die Partei ist frustriert und erlahmt, sie verliert Mitglieder. Das "piratische Lebensgefühl", das Schlömer den Wählern anbieten will, wirkt verzagt.

Der Parteichef sieht sich selbst als einen Übergangsvorstand, der die Dynamik und die Zerrissenheit der Piraten im schnellen Auf und Ab aushalten muss. Das will er stoisch durchziehen. Die Piratenpartei, so drückt er es aus, liege ihm am Herzen. "Ich glaube an die Piraten." Er klingt dabei ziemlich leidenschaftslos.

Schlömer überlegt gar, nach der Bundestagswahl noch einmal für den Vorsitz anzutreten. Vielleicht, weil es niemand anderen anderen gibt. Und wohl auch, damit es nicht so aussieht, als sei er gescheitert.

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chuckal 27.04.2013
1. Zitat des Tages
"Ich sage häufiger: Heute gehe ich ins Kino, morgen ist für die Familie reserviert." Man muss halt Prioritäten setzen. na, bald hat er ja wieder mehr Zeit.
regensommer 27.04.2013
2.
Wirklich schade um diese Idee / Partei. Das Verhalten einiger hat zunächst einmal die Hoffnungen Vieler auf frischen Wind in der Parteienlandschaft zerstört. Und das zu einer Zeit in der es relativ leicht ist sich mit einer guten Idee zu platzieren.
hermantoothrot 27.04.2013
3. optional
Warum kommt von den Piraten eigentlich nichts zum Thema Telekom und Netzneutralität? Hier wäre doch endlich einmal wieder ein Thema zu dem man sich sachlich profilieren könnte.
Scheidungskind 27.04.2013
4. Frustrierte illoyale junge Männer
Die Art des Scheiterns der Piraten ist ein Vorzeichen für diese Gesellschaft. Einerseits wollten sie gestalten und sich einbringen, andererseits verschlechtern sich ihre Lebensperspektiven kontinuierlich. In der Wirtschaft werden Frauen gefördert, bei der Familiengründung stehen sie immer stärker in Konkurrenz mit älteren Männern, demnächst womöglich mit Samenbanken und bisexuellen und lesbischen Frauen. Bei solchen Aussichten fällt es schwer, Geduld zu bewahren - zumal sich die Bedingungen für emotionale Bildung in den letzten Jahrzehnten auch nicht gerade verbessert haben.
snafu-d 27.04.2013
5. Tolles Führungspersonal
Ein überzeugter Hartzer als Geschäfstführer, ein Beamter als Parteivorsitzender.... Der Rest träumt vom bedingungslosen Grundeinkommen, und erfreut sich an end- und fruchtlosen Diskussionen und Profilierungssüchten.... Mit solchen Leuten ist (im Wortsinn) nun wirklich kein Staat zu machen
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