Einbürgerungstest: Reich-Ranicki wäre durchgefallen

Er war Feuilleton-Chef, gibt Anthologien deutscher Literatur heraus und ist ein anerkannter Intellektueller. Aber wäre er nicht vor 48 Jahren, sondern heute eingewandert: Am hessischen Einbürgerungs-Frageborgen, fürchtet Marcel Reich-Ranicki, wäre er wohl gescheitert.

Berlin - Wenn nicht einmal ER, wer dann? "Was glauben Sie, würden Sie den Test bestehen", fragte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einem Interview Marcel Reich-Ranicki mit Blick auf den Fragebogen, den das hessische Innenministerium für Einwanderungswillige vorbereitet hat. "Wohl nur teilweise, ganz sicher bin ich mir da nicht", antwortete der "deutsche Literaturpapst", der 1958 selbst, aus Polen kommend, in der Bundesrepublik die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte und erhielt.

Marcel Reich-Ranicki, Autor und Literaturkritiker: "Ist das vielleicht der Bundesrat?" 
DPA

Marcel Reich-Ranicki, Autor und Literaturkritiker: "Ist das vielleicht der Bundesrat?" 

"Die politischen Fragen, Fragen, die die Verfassung und die Struktur des deutschen Staates betreffen, hätte ich, aus der Welt jenseits des 'Eisernen Vorhangs' kommend, wohl nur zum Teil beantworten können", erklärte der Überlebende der Nazi-Verfolgung seinen Wissensstand 1958. "Ich war hinreichend informiert über die deutsche Kultur, aber ich war nur schwach informiert über die politische und gesellschaftliche Struktur der Bundesrepublik." Einige Fragen könne er auch heute nicht sicher beantworten: "Nehmen wir die Frage 67: 'Wie heißt die Vertretung der deutschen Länder auf Bundesebene?' Ich weiß es nicht. Ist das vielleicht der Bundesrat?"

Es ist der Bundesrat. Reich-Ranicki hätte also - nach 48 Jahren Bundesrepublik - immerhin richtig geraten. Ingesamt aber, sagte er der FAZ, halte der die angelegte Latte für zu hoch: "wenn man bedenkt - und das muß man bedenken -, dass die Fragen ja auch von Putzfrauen und Pförtnern beantwortet werden sollen, dann sind sie freilich falsch ausgewählt, dann ist der Anspruch zu hoch."

Kritik von SPD und Grünen

Auch aus anderen Kreisen wurde weiter Kritik an dem Fragebogen geäußert. Der Migrationsforscher Dieter Oberndörfer etwa hält einen von den Unionsparteien angestrebten bundeseinheitlichen Einbürgerungstests für untauglich. Den jetzt von Hessen vorgelegten Fragenkatalog wertete der stellvertretende Vorsitzende des Rates für Migration als zufällig und spitzfindig. "Das Wissensquiz hat mit Bildung wenig zu tun, viel aber mit angesäuerter bürgerlicher Bildungshuberei. Es eignet sich nicht einmal als Vorbereitung für die beliebte Fernsehsendung "Wer wird Millionär?"", sagte OberndörferDer Fragebogen könne so programmiert werden, "dass die Zurückweisung der Einbürgerungswilligen gesichert wird".

"Kenntnisse der Geschichte und Kultur Deutschlands verbürgen keine positive Identifikation mit Deutschland. Hervorragende Kenner der deutschen Geschichte und Kultur waren dennoch erbitterte Feinde Deutschlands", ergänzte der Wissenschaftler.  Millionen deutscher Bürger, wenn nicht sogar deren Mehrheit, könnten die meisten Fragen des Katalogs wohl nicht beantworten.

Beck: "CDU macht Wahlkampf"

Der schleswig-holsteinische Innenminister Ralf Stegner sprach sich ebenfalls gegen einen bundesweiten Einbürgerungstest ausgesprochen. "Schleswig-Holstein wird zu Einbürgerungstests, wie Niedersachsen, Hessen und Baden-Württemberg sie wollen, niemals die Hand heben", sagte der SPD-Politiker der "Berliner Zeitung". Stegner sagte weiter,Tests wie der hessische seien töricht. "Sie verfehlen ihr Ziel, da es bald im Internet Musterlösungen geben wird." Damit verliere der Test an Wert.

Sein rheinland-pfälzischer Amts- und Parteikollegen, Karl Peter Bruch, erklärte demselben Blatt, er sei gleichfalls sehr skeptisch. Bruch warb stattdessen für die Idee, dass Ausländer vor der Einbürgerung zu einem Integrationskurs verpflichtet werden, in dem die Grundlagen des deutschen Staates vermittelt werden. Der Grünen-Politiker Volker Beck warf der Union vor, mit der Ausländerfrage Wahlkampf zu machen. "Bundesinnenminister Schäuble sollte auf die Einhaltung der Verfassung im Ausländerrecht achten statt ausländerfeindliche Kampagnen zu befördern! Die Union betreibt im Wahlkampf eine Kampagne gegen Türkinnen und Türken", sagte der Bundestagsabgeordnete in Berlin.

Merkel verteidigt Fragebögen

Bundeskanzlerin Angela Merkel verteidigte die unter anderem von Hessen geplanten Fragebögen für Einbürgerungswillige. Die deutsche Staatsbürgerschaft könne nicht "im Vorbeigehen" erworben werden, sagte die CDU-Politikerin auf der Landesvertreterversammlung der CDU Mecklenburg-Vorpommerns in Gägelow bei Wismar. Die Staatsbürgerschaft sei mit erheblichen Rechten verbunden. Deshalb sei es legitim, dass Einbürgerungswillige, nachweisen müssen, dass sie über Deutschland einiges wissen. Zwar könne man über einige Fragen in den Entwürfen der Fragebögen diskutieren. Grundsätzlich sei es jedoch richtig, dass die CDU diese Debatte in Gang gebracht hat, sagte Merkel.

yas/dpa/ap

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