Eingestelltes Verfahren Guttenbergs Operation Comeback

Ein vielbeachteter Auftritt in Kanada, ein groß angekündigtes Interviewbuch - und jetzt die Einstellung des Plagiatsverfahrens: Karl-Theodor zu Guttenberg rappelt sich wieder auf. Plant der abgestürzte CSU-Star bereits seine Rückkehr in die Politik?

Von und

dapd

Berlin - Einmal ganz kurz tauchte Karl-Theodor zu Guttenberg an diesem Mittwochmorgen sogar in der großen Haushaltsdebatte im Bundestag auf. Sigmar Gabriel kritisierte die Mehrkosten bei der Bundeswehrreform und lästerte in seinen Attacken gegen Angela Merkel über die "desaströse Fehlleistung Ihres einstigen bayerischen Superstars". Der SPD-Chef konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass wenig später die Rückkehr eben jenes gefallenen Stars wieder ein gutes Stück wahrscheinlicher werden würde.

Denn knapp zwei Stunden nach Gabriels Schelte gab die Staatsanwaltschaft Hof bekannt, dass dem früheren Verteidigungsminister wegen der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit keinerlei strafrechtliche Konsequenzen mehr drohen. Das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Urheberrechtsverletzung wird eingestellt - gegen eine Zahlung von 20.000 Euro an die Deutsche Kinderkrebshilfe. Die Strafverfolger sehen zwar etliche strafrechtlich relevante Urheberrechtsverstöße. Der wirtschaftliche Schaden für die Autoren sei aber marginal. Staatsanwaltschaft und Amtsgericht sind sich einig: Es bestehe kein öffentliches Interesse an einer weiteren Strafverfolgung.

Guttenberg wird es freuen. Eine demütigende Gerichtsverhandlung bleibt ihm erspart. Und damit ist auch das größte Hindernis auf dem Weg zu einem möglichen politischen Comeback aus dem Weg geräumt, über das immer lauter spekuliert wird. Guttenberg war in Folge der Affäre im März als Verteidigungsminister zurückgetreten, die Uni Bayreuth hatte ihm den Doktortitel aberkannt. In diesen Tagen aber passt für den abgestürzten Überflieger alles zusammen: am vergangenen Samstag der medienwirksame Auftritt in Kanada, dann die Buchankündigung, jetzt die lange erwartete Erklärung der Ermittler. Die Choreografie dürfte dem ehemaligen CSU-Hoffnungsträger gefallen - und sie erinnert an alte Zeiten des Medienprofis.

Masterplan fürs Comeback?

Zufall ist das alles kaum. Vielmehr wirkt es wie die erste Stufe eines Masterplans für die Rückkehr auf die große Bühne. Schließlich wussten die Anwälte des Politikers, der sich vorübergehend in die USA zurückgezogen hat, schon seit Wochen von der bevorstehenden Entscheidung der Ermittler, auch der Zeitpunkt der Verkündung dürfte leicht einzugrenzen gewesen sein. Die 20.000 Euro sind ja bereits an die Kinderkrebshilfe überwiesen.

Im kanadischen Halifax erschien Guttenberg - mittlerweile als "angesehener Staatsmann" bei einer US-Denkfabrik untergekommen - im neuen Look, ein paar Pfund schwerer, ohne Brille und mit neuer Frisur. Zu seiner Zukunft schwieg er beharrlich, stattdessen teilte er ordentlich gegen die Politikerzunft und ihre Krisenbewältigung aus. "Guttenback!" schlagzeilte anschließend die "Welt am Sonntag". Die "Bild"-Zeitung, die dem Freiherrn stets die Treue hielt, lobte "Gutt wie immer!"

Kurz darauf folgte mit exaktem Timing die Bekanntgabe, dass er gemeinsam mit "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo schon bald einen Interviewband herausbringen werde. Titel: "Vorerst gescheitert" - was unmissverständlich auf die Zeit nach eben jenem Scheitern hinweist. Im Buch soll es auch um die Voraussetzungen für eine Rückkehr in die Politik gehen. Die für Donnerstag in der "Zeit" angekündigten Vorabdrucke werden nach der Einstellung des Verfahrens mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen werden.

Die Reaktionen im politischen Raum fielen zunächst vorsichtig aus. Spott kam von Münchens Oberbürgermeister und SPD-Spitzenkandidat Christian Ude. Die Justiz stufe das Verschulden Guttenbergs vielleicht auch deshalb als gering ein, "weil zu Guttenberg mit dem Abschreiben fremder Texte gar nicht so intensiv persönlich befasst war, wie man gemeinhin angenommen hat". Eine Anspielung darauf, dass Guttenberg seine Doktorarbeit möglicherweise von einem Ghostwriter verfasst haben lassen könnte.

"Klar ist, wir wollen ihn"

CSU-Chef Horst Seehofer bekräftigte in München, dass Guttenberg in der Partei weiter willkommen ist. "Klar ist, wir wollen ihn", sagte der bayerische Ministerpräsident. Wie und ob er zurückkommt, sei aber Guttenbergs Entscheidung - und dann, wohl ungewollt komisch: "Es ändert sich nichts, außer der Freude, dass das Damoklesschwert der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen jetzt gelöst ist."

Seehofer hatte stets ein zwiespältiges Verhältnis zum früheren Star. Der CSU-Vorsitzende machte Guttenberg einst zum Generalsekretär, später wurde ihm die zunehmende Popularität gefährlich. Bei einem Comeback könnte Seehofer schnell wieder im Schatten stehen. Andererseits kann die schwächelnde CSU ein Zugpferd im Landtags- und Bundestagswahlkampf 2013 gebrauchen, schließlich hat die Partei zu wenig talentierten Nachwuchs, erst recht nach dem jüngsten Abgang von Finanzminister Georg Fahrenschon. Seehofer betonte am Mittwoch allerdings vorsichtshalber, dass die CSU auch mit dem gegenwärtigen Personal erfolgreich sein könne. "Wir sind stark genug."

Tatsächlich ist ungewiss, wie groß die Sehnsucht nach Guttenberg in der CSU wirklich ist. Während auf Facebook-Seiten euphorische Einträge gepostet wurden, blieben in der Landtagsfraktion die meisten bewusst distanziert. "Das Verfahren ist jetzt abgeschlossen ohne Vorstrafe, ob er zurückkommt, ist seine Entscheidung, mehr gibt es dazu nicht zu sagen", sagte Fraktionschef Georg Schmid. Vorsichtige Bewertungen auch bei den Parteifreunden in Berlin: Der CSU-Abgeordnete Norbert Geis sprach von einer "Einstellung zweiter Klasse". Der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, Stefan Müller, sagte, ob Guttenberg in die deutsche Politik zurückkehre, sei "zunächst" allein seine Entscheidung: "Wer als Kandidat für die Bundestagswahl nominiert wird, entscheiden die CSU-Kreisverbände vor Ort."

In Guttenbergs Heimatwahlkreis Kulmbach hat man sich in dieser Frage angeblich schon festgelegt - zumindest wenn es nach Wolfgang Protzner geht. Der war 18 Jahre Bürgermeister in Kulmbach, ist Stadt- und Kreisrat, ein Kenner der oberfränkischen CSU-Strukturen, wie die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, und ein Vertrauter der Familie des Freiherrn. "Hier in Kulmbach bereiten wir uns bereits auf die Jubelveranstaltung vor", wird Protzner in der "SZ" zitiert.

So offensiv gibt sich Guttenberg dann doch nicht. Bei der nächsten Stufe der Operation Comeback kann er sich ohnehin noch etwas Zeit lassen, auch weil er Anfang Dezember erst 40 Jahre alt wird. Im Sommer 2012 müsste er sich entscheiden, ob er sich schon nach einer kurzen Schamfrist wieder für den Bundestag aufstellen lässt oder damit noch eine Legislaturperiode wartet.

Es sei sehr schön, die Geschehnisse in Europa mit dem Abstand seines neuen Wohnorts in den USA zu betrachten, hatte Guttenberg am Wochenende in Kanada erklärt. Nun sorgt er selbst wieder für Gesprächsstoff - die Reaktionen in Deutschland wird er genau beobachten.

Mitarbeit: Conny Neumann

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insgesamt 258 Beiträge
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Seite 1
Zecher, 23.11.2011
1. falsch
Die Leistungen des Herrn Googleberg: 1.) Arcandor - Rettung verkackt 2.) Opel - Übernahme verkackt 3.) Bundeswehrreform verkackt 4.) Gorch Fock - Affaire verkackt 5.) Doktorarbeit verkackt 6.) Reue, Ehrlich- und Aufrichtigkeit gezeigt? > auch verkackt Was hat er geleistet außer ein reicher CSU - Bonze zu sein?
Mitten in Bayern, 23.11.2011
2. Nutznießer
Zitat von sysopEin*viel beachteter Auftritt in Kanada, ein groß angekündigtes*Interview-Buch - und jetzt die Einstellung des Plagiatsverfahrens: Karl-Theodor zu Guttenberg rappelt sich wieder auf. Plant der abgestürzte CSU-Star*bereits seine Rückkehr in die Politik? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,799475,00.html
Sie arbeiten kräftig dran mit- oder wollen zumindest davon profitieren, sonst würden sie keine drei oder vier gleichzeitigen Threads starten. Ein schelm...
gallstone, 23.11.2011
3. ,.-
Zitat von sysopEin*viel beachteter Auftritt in Kanada, ein groß angekündigtes*Interview-Buch - und jetzt die Einstellung des Plagiatsverfahrens: Karl-Theodor zu Guttenberg rappelt sich wieder auf. Plant der abgestürzte CSU-Star*bereits seine Rückkehr in die Politik? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,799475,00.html
hoffentlich nicht! selbstdarsteller haben wir genug.
Einervondrei 23.11.2011
4. Ohne Titel....
Zitat von sysopEin*viel beachteter Auftritt in Kanada, ein groß angekündigtes*Interview-Buch - und jetzt die Einstellung des Plagiatsverfahrens: Karl-Theodor zu Guttenberg rappelt sich wieder auf. Plant der abgestürzte CSU-Star*bereits seine Rückkehr in die Politik? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,799475,00.html
Wir sind noch ärmer dran als gedacht......
AxelSchudak 23.11.2011
5. Bankrotterklärung
Die Rückkehr Guttenbergs wäre die Bankrotterklärung der aufnehmenden Partei - hier also wohl der CSU.
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