Einheitsdenkmal gekippt Preußen siegt

Das Berliner Stadtschloss wird für mehrere Hundert Millionen Euro wieder aufgebaut - aber 15 Millionen für ein "Denkmal für Einheit und Freiheit" sind den Bundestagsabgeordneten zu viel. Preußenkult geht vor Bürgerbeteiligung.

DPA/ Milla&Partner

Ein Kommentar von


Der Baugrund von Berlin-Mitte ist schwankend, trotzdem gelang es hier, verschiedenen Staatsformen ein Denkmal zu setzen. Die Preußen errichteten ein herrschaftliches Schloss mit Reiterstatuen und Feldherrenverehrung. Als Preußen erledigt war, wurde das Schloss von der DDR abgerissen.

Die DDR baute einen Palast der Republik, in dem die Herrschaft des Volkes vorgegaukelt wurde, der vom Volk jedoch gern für kollektive und hochprozentige Feiern genutzt wurde, bis selbiges Volk ernüchtert die DDR in den Stand der Ehemaligkeit versetzte. Der Abriss des Palastes der ehemaligen Republik unterlag der hier vorherrschenden Auf- und Abbaulogik.

Die Demokratie beschloss die Rekonstruktion des Schlosses ohne Rekonstruktion Preußens, unter Nutzung der Beute aus ehemaligen Kolonien des ehemaligen Preußens, nicht aber unter Nutzung von Mobiliar aus dem Republikpalast.

Zum Ausgleich für diese Ehemaligenverehrung beschloss der demokratische Bauherr Bundestag auch die Demokratie in Berlins Mitte mit einem Bauwerk zu würdigen. Ein "Denkmal für Einheit und Freiheit" sollte auf dem preußischen Fundament und auf schwankendem Baugrund fest stehen, selbst allerdings schwanken: Eine gigantische Schale, vom Volk begehbar, um die Wirkung bewegter Bürger zu symbolisieren. Sie hätte zeigen können, wie schwankend Volkes Wille ist.

Ein schönes Experiment: Zusehen, wer wem nachläuft und ob die Demokratie gekippt werden kann. Nun wird der Freiheit aus Kostengründen kein Denkmal errichtet, was zeigt, wie kipplig der Wille der Parlamentarier ist.

Der Baugrund und der Grund für den Bau schwanken eben gleichermaßen.

Damit bleibt der Platz der Preußenverehrung vorbehalten, die DDR-Verehrung kann unweit am Alexanderplatz im von Walter Ulbricht gebauten Fernsehturm fortgesetzt werden.

Die Freiheit kann sehen, wo sie sich verehren lässt.



insgesamt 84 Beiträge
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DJ Doena 14.04.2016
1.
Bei der deutschen Sicherheitsgründlichkeit hätte doch sowieso ein meterhoher Zaun um die Wipper errichtet werden müssen, damit niemand drunter latscht mit einem engen Zugang zur Wippe. Und auf der Wippe hätte nach Sicherheitsverordnung AA23 ebenfalls ein Geländer angebracht werden müssen, damit beim Wippen niemand von der Wippe fällt. Und nach einem Monat wäre die Wippe wegen zusätzlicher Sicherheitsbedenken eh endgültig festgestellt worden.
Winniethepouh 14.04.2016
2. Ein goldener Hundertmarkschein
wäre ehrlicher gewesen. Im Übrigen sind wir bis heute noch nicht ein Volk, auch wenn wir auf dem Papier zusammen gehören. Xenophobie Ost, Soli, Rentenproblem, Deindustriealisierung im Osten, etc, etc. Die Anpassung von Ost- und West ist noch sehr weit weg. Das hat nur beim Mindestlohn funktioniert. Kein Zeitpunkt für ein Denkmal.
onkeltomb 14.04.2016
3. Das entscheidende
war doch nach dem Beitritt der Neuen Bundesländer den Palast der Republik abzureissen, als Symbol. Das jetzt ausgerechnet den preußischen Kriegstreibern ein Denkmal gesetzt wird, findet übrigens höchstens im Westteil der Stadt Zustimmung bei der Mehrheit der Bevölkerung.
JSorel 14.04.2016
4. Albern
Man kann den Verantwortlichen zu der Entscheidung, diesen albernen Entwurf ad acta gelegt zu haben, nur gratulieren. Der Slogan 'Wir sind das Volk' ist durch Pegida & Co. nun eh kompromittiert.
Dr. Kilad 14.04.2016
5. Die Freiheit braucht kein teures Denkmal
Außer man versteht unter "Freiheit" etwas, was man mal hatte und dem man nun eine Denkmal zur Erinnerung setzt.
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