Kongress von Einwanderer-Nachkommen Wann ist man deutsch?

Sie werden Migranten genannt, obwohl schon ihre Eltern hier geboren wurden. Jetzt erheben die "neuen Deutschen" ihre Stimme, auf ihrem ersten Bundeskongress stellen sie klar: "Auch wir sind das Volk!"

Neue Deutsche in Berlin: "Wir möchten darüber mitreden, wie wir bezeichnet werden"
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Neue Deutsche in Berlin: "Wir möchten darüber mitreden, wie wir bezeichnet werden"

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Berlin - Wann hört ein Migrationshintergrund auf, ein Migrationshintergrund zu sein? Und wann fängt man an, Deutscher zu sein? Nach einer Generation? Nach zweien? Wieso gilt jemand, dessen Eltern schon in Deutschland geboren wurden, hierzulande immer noch als Einwanderer?

Um diese Fragen ging es beim ersten Bundeskongress der "neuen Deutschen" in Berlin.

In Deutschland leben mehr als 16 Millionen Menschen, die selbst aus einem anderen Land kommen, oder deren Eltern oder Großeltern eingewandert sind - rund ein Drittel von ihnen kam hier zur Welt. In der dritten Generation gibt es zweifelsohne viele Probleme. Ihr gehören aber auch viele an, die zu einer jungen Elite gehören: gebildet, kritisch, politisch, engagiert.

Trotzdem werden sie in Deutschland oft nicht als "richtige Deutsche" gesehen. Wenn sie auf die Frage, woher sie kommen, antworten: "aus Berlin" oder "aus dem Schwarzwald", dann folgt oft: "Aber woher wirklich?" Dahinter mag manchmal echtes Interesse stecken, verletzend ist es oft trotzdem. Und es ist auch ein gesellschaftliches Problem, denn viel zu oft missachtet die Gesellschaft die Erfahrung und Kompetenzen der Einwanderer-Nachkommen.

Teilnehmer fordern Quotenregel

Das soll sich ändern - deshalb haben auf einem Podium in Berlin vier "neue Deutsche", wie sie sich nennen, Platz genommen: Ferda Ataman von den "Neuen deutschen Medienmachern" (früher auch Mitarbeiterin von SPIEGEL ONLINE), Tahir Della von der "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland", Farhad Dilmaghani von "Deutsch-Plus" und Leila Younes El-Amaire vom Verband "Juma" (Jung, Muslimisch, Aktiv).

Zusammen mit mehr als 150 Vertretern "Neuer deutscher Organisationen" haben sie sich erstmals zu einem Bundeskongress getroffen. Mit manchem, was in diesem Land passiert, sind sie nicht einverstanden. Dieses Gefühl hängt eben auch damit zusammen, wie sie genannt und gesehen werden.

"Wir würden gerne darüber mitreden, wie wir bezeichnet werden", so Ferda Ataman. Tahir Della sagt: Die Unterscheidung zwischen "richtigen Deutschen" und anderen müsse endlich aufhören. Man will mitreden: "Auch wir sind das Volk, wir sind da, wir sind deutsch und wir wollen mitentscheiden", so Farhad Dilmaghani. Deshalb müsse auch über Quoten nachgedacht werden: "Wir wollen keine Behörden, staatlichen Unternehmen, Parlamente, Gremien, Rundfunkräte, Wohlfahrtsverbände, in denen immer noch (fast) nur Herkunftsdeutsche sichtbar sind", heißt es in einem Forderungskatalog der "neuen Deutschen".

Diskriminierung von Frauen mit Kopftuch

Die Integrationspolitik in Deutschland halten sie für verfehlt - denn sie ziele nur auf die ab, die selbst oder deren Verwandte zugewandert sind. Eine bessere Integrationspolitik müsse aber alle Teile der Gesellschaft ansprechen, die abdriften oder sich abschotten, so Ataman.

Eine Kränkung, so machen die "neuen Deutschen" klar, sei es etwa gewesen, wie die Diskussionen über Pegida abgelaufen sind. Ataman nennt eine Talkshow, in der Vertreter von Pegida, AfD und CSU saßen. Aber es habe nicht einer von denen in der Runde gesessen, über die geredet wurde. Niemand, der stellvertretend für die neue Gesellschaft stehe, so Ataman.

Bei der Pressekonferenz in Berlin saß mit Leila Younes el-Amaire auch eine kopftuchtragende Muslima auf dem Podium. Die Debatte darüber, ob der Islam zu Deutschland gehöre, ist für sie absurd. Die Religionsfreiheit gehöre zu Deutschland, also damit auch das Recht der Muslime und aller Religionsgruppen, ihren Glauben zu leben, sagt sie. Sie beklagt, dass Frauen mit Kopftuch, die arbeiten wollen, oft kaum Chancen auf einen Job hätten und bei Bewerbungen abgelehnt würden. So würden diese Frauen unsichtbar gemacht.

Dass es noch dauern kann, bis Migranten, deren Nachkommen - und Muslime - nicht mehr als irgendwie homogene Gruppe gesehen werden, zeigt eine Frage, die am Ende des Presseauftritts gestellt wird: Wie man denn die Berichterstattung zu dem "Ehrenmord" vor zehn Jahren an Hatun Sürücü in Berlin diskutiere? Sei das nicht eher ein Familiendrama? Wie sei die richtige Bezeichnung?

Ataman sagt: Natürlich dürfe man diese Probleme nicht verschweigen. Aber man dürfe es sich nicht so vorstellen, dass in ihrem alltäglichen Umfeld "Ehrenmorde" oder Männer, die ihre Frau schlügen, ein besonderes Thema seien. Diese Themen beträfen manche, aber sehr viele eben auch nicht.

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