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24. Februar 2008, 22:15 Uhr

Einzug ins Parlament

Linke buhlt um die SPD

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Drin, aber wohin? Die Linke hat sich mit dem Einzug in die Hamburger Bürgerschaft im vierten Westparlament verankert - aber die Rolle des Königsmachers will ihr die politische Konkurrenz verwehren. Um so massiver werden die Gesprächsangebote der Genossen an die SPD.

Hamburg - Es ist nur wenige Minuten nach 18 Uhr, als es bei der Linken in Hamburg zum ersten Mal so richtig laut wird: Sie rufen "Buh" und "Pfui" - so lärmend, dass man für einen Augenblick den Eindruck haben kann, unter die Gäste der Linken-Wahlparty in der "Fabrik" im Stadtteil Ottensen habe sich ein Unternehmensmanager mit Jahreseinkommen in siebenstelliger Höhe gemischt, um Ein-Euro-Jobber anzuwerben.

In Wirklichkeit flackert nur Grünen-Chef Reinhard Bütikofer über die Großbildleinwand, dazu werden Zahlen zur Hamburger Bürgerschaftswahl eingeblendet, und diese Zahlen sagen Folgendes: Zwar ist die Linke in das Hamburger Parlament eingezogen - aber sie wird deutlich hinter den Grünen liegen und damit lediglich viertstärkste Kraft werden.

Vorbei die Hoffnung, mit einem zweistelligen Ergebnis den bisher größten Erfolg in einem westdeutschen Bundesland zu erreichen. Von zehn Prozent und mehr hatten manche geträumt, und an solchen Szenarien hatte sich die Linke noch vergangenen Mittwoch berauscht, als die Obergenossen Oskar Lafontaine und Gregor Gysi zum Wahlkampffinale in die Hansestadt gekommen waren.

Was wäre das für ein Triumph gewesen. Jetzt machen sich die Linken über die künftigen Machtverhältnisse in der Bürgerschaft der Hansestadt nur noch wenig Illusionen: "Schwarz-Grün, genauso wird es kommen", sagt einer.

Immerhin: Die umstrittenen DDR-Äußerungen der inzwischen aus der niedersächsischen Linken-Landtagsfraktion ausgeschlossenen Kommunistin Christel Wegner, die die Mauer gerechtfertigt und über eine neue Art der Staatssicherheit schwadroniert hatte, haben den Genossen in Hamburg offenbar nicht geschadet. Zwar wurden sie in Umfragen zuletzt mit rund neun Prozent höher gehandelt, trotzdem zogen sie sicher in die Bürgerschaft ein. Es sieht so aus, als könnte die Linke derzeit nichts falsch machen oder als könne sie Fehler machen, ohne davon vom Wähler bestraft zu werden.

Gruß an die "Blankeneser Parallelgesellschaft"

Wirklich euphorisch feiern mag in der "Fabrik" keiner. Es müssen schon Spitzenkandidatin Dora Heyenn und der Hamburger Bundestagsabgeordnete Norman Paech auf die Bühne kommen, um zumindest für einen Augenblick aus dem Treffen der Linken in der "Fabrik" eine Art Wahlparty zu machen. Von einem "tollen Erfolg" spricht Heyenn, und Paech sagt ein paar bemerkenswerte Sätze über Hamburger Topverdiener, über die sich auch die Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei gefreut haben dürften, die auf der Liste der Linken kandidiert haben: Die "Blankeneser Parallelgesellschaft" - in dem noblen Stadtteil an der Elbe wohnen überwiegend Gutverdiener - sei nun eingekeilt zwischen Liechtenstein und der Linken, sagt Paech und fügt dann hinzu: "Enteignen werden wir sie nicht, dafür haben wir noch nicht die Macht." So ein Satz sorgt für Stimmung bei den Genossen.

Von der Macht sind die Linken in Hamburg tatsächlich weit entfernt - und wie es aussieht, mag ihnen auch niemand nur einen Zipfel davon anbieten: SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann schließt wie schon im Wahlkampf auch an diesem Abend die Möglichkeit einer von der Linken tolerierten rot-grünen Minderheitenregierung aus. Das wolle er nicht - und auch sonst kein Sozialdemokrat in der Hansestadt, sagt Naumann. Ein ungewöhnlich deutliches Signal für einen Sozialdemokraten in diesen Tagen. Schließlich versucht Parteichef Kurt Beck derzeit in Hessen und möglicherweise auch darüber hinaus eine Duldung durch die Linke salonfähig zu machen.

Seitdem werben linke Spitzenpolitiker immer massiver um die Gunst der Sozialdemokraten: "Das Tabu muss fallen", sagte Gysi dem SPIEGEL. Und auch nach der Hamburg-Wahl schickt die Linke Lockangebote. Man habe sich zu einer Tolerierung bereit erklärt, da es weitreichende Gemeinsamkeiten mit den Sozialdemokraten gebe, sagte Spitzenkandidatin Heyenn am Abend in jede Kamera: "Die SPD muss sich bewegen." Es gehe darum, Bürgermeister Ole von Beust (CDU) "in die politische Wüste zu schicken", sagte Joachim Bischoff, der auf Listenplatz zwei kandidiert hatte, SPIEGEL ONLINE. Rechnerisch möglich wäre dies eben nur, wenn SPD und Grüne zu einer wie auch immer gearteten Kooperation mit der Linken bereit wären.

Auch Bodo Ramelow schickt klare Botschaften Richtung SPD. Der Wahlkampfleiter und Vizechef der Linken-Fraktion im Bundestag appelliert an die Sozialdemokraten, den früheren SPD-Chef und heutigen Linke-Vorsitzenden Lafontaine nicht länger als Grund für eine Weigerung zu sehen: "So lange sich die SPD in Oskarphobie übt, nimmt sie sich politisch das Leben", sagte Ramelow SPIEGEL ONLINE. Die Linke aber wird wohl zumindest in Hamburg damit leben müssen, nicht für die Wahl des Bürgermeisters gewünscht zu werden.

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