EKD-Chefin Käßmann Power-Protestantin schaltet auf Angriff

Die Politik weicht aus - die Kirche mischt sich ein: Nach acht Jahren Nicht-Debatte über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan treibt ausgerechnet eine Bischöfin die Politiker vor sich her. Jetzt will Margot Käßmann sogar dem CDU-Vorstand den Weg weisen.

Bischöfin Käßmann: "Mehr Phantasie für den Frieden"
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Bischöfin Käßmann: "Mehr Phantasie für den Frieden"

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Berlin - Wann entfaltete die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zuletzt eine solche Wucht? Seit mehr als zwei Wochen diskutiert die Republik erregt über eine protestantische Predigt. Margot Käßmann hat sie an Neujahr in der Dresdner Frauenkirche gehalten. Nichts sei gut in Afghanistan, hatte die EKD-Ratsvorsitzende all jenen zugerufen, die die Lage beschönigten. Sie forderte "mehr Phantasie für den Frieden". Und in einem Interview betonte die Bischöfin, der Krieg am Hindukusch sei "so nicht zu rechtfertigen".

Das Besondere daran? Nichts.

Denn Käßmann, die seit zwei Monaten an der Spitze der Evangelischen Kirche steht, hat sich in der Vergangenheit nicht anders geäußert. Allerdings hat sie nun im neuen Amt in verständlichen Worten just das formuliert, was die Mehrheit der Bevölkerung ähnlich empfindet - und damit die Sprachlosigkeit deutscher Politik nach acht Jahren Afghanistan-Einsatz offenbart.

Statt nun aber eine unaufgeregte Debatte zu führen, reagierten Politiker und Vordenker aus nahezu allen Parteien empört auf Käßmanns Worte. Den Anfang machte Ralf Fücks. In einem Beitrag für die "Welt am Sonntag" griff der ehemalige Grünen-Vorsitzende die Bischöfin scharf an. Käßmann, so der heutige Chef der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, trage mit ihrer Afghanistan-Position politische Binsen vor - gutmeinend zwar, aber nicht durchdacht. Die EKD-Chefin mehre damit "die Inflation politischer Stellungnahmen von Kirchenoberen, die selten über gut gemeinte Banalitäten hinauskommen."

Mit den Taliban Rituale entwickeln

SPD-Mann Reinhold Robbe, der Wehrbeauftragte des Bundestags, holzte im SPIEGEL: Es sei naiv, in Afghanistan mit Gebeten und Kerzen Frieden schaffen zu wollen wie vor 20 Jahren die DDR-Opposition; "aber niemand hindert Frau Käßmann daran, sich am Hindukusch mit den Taliban in ein Zelt zu setzen und über ihre Phantasien zu diskutieren, gemeinsam Rituale mit Gebeten und Kerzen zu entwickeln". Kritik auch aus der Union. Vize-Fraktionschef Christian Ruck (CSU) nannte Käßmanns Worte "realitätsfern". Sie verunsicherten "die deutsche Öffentlichkeit und unsere Soldaten und Entwicklungsexperten vor Ort".

Dabei hatte die Bischöfin, die immerhin für 26 Millionen Christen spricht, mitnichten radikalpazifistisch zum sofortigen Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan aufgerufen. "Ich bin immer noch baff über diesen Sturm, der jetzt losgebrochen ist", sagte Käßmann der "Süddeutschen Zeitung", "sie knallen auf meine Person". Und in der ARD-Talkshow "Beckmann" versicherte sie, keinen Tabubruch geplant zu haben: "Nein, gezielt habe ich es nicht gemacht, aber offensichtlich war es ein notwendiger."

Tatsächlich wird nun in Folge des Tanklaster-Bombardements am Kunduz-Fluss und der Käßmann-Äußerungen nach acht Jahren Afghanistan-Einsatz erstmals grundsätzlich diskutiert. Deshalb entfalten die Worte der Kirchenfrau überhaupt eine solche Durchschlagskraft.

Anders als oben aufgeführte Politiker weiß Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg dies zu nutzen. Wollte er doch von Beginn an den Einsatz - und auch den späteren Abzug - stärker in der Gesellschaft diskutiert wissen. Er hatte sich zudem der Realität in Afghanistan angenähert, indem er "kriegsähnliche Zustände" zugestand. Guttenberg meierte Käßmann keineswegs ab, sondern lud sie vergangenen Montag zum Gespräch ins Ministerium. Anschließend war von "sinnstiftendem Dialog" die Rede.

CSU-Chef Horst Seehofer, der sich seit einigen Wochen als Friedensfürst zu inszenieren sucht, nimmt die Vorlage ebenfalls an. "Wenn man die ganze Predigt von Frau Käßmann kennt, kann man ihr nur zustimmen." Er selbst habe bereits darauf hingewiesen, dass dem militärischen Mandat in Afghanistan ein "zu großes Gewicht beigemessen" worden sei, betonte Seehofer im "Bayerischen Fernsehen". Wer sonst, wenn nicht die Kirche, solle im Sinne einer Gesinnungsethik für den Frieden eintreten, "ohne die ganzen Güterabwägungen, die die Politik durchzuführen hat".

Katholiken kaum wahrnehmbar

Hier also die Verantwortungsethiker in der Politik, dort die Bischöfin als Gesinnungsethikern, deren Worte in den politischen Raum hineinwirken. Passend, dass Käßmann am Donnerstagabend Gast bei der CDU-Vorstandsklausur in Berlin ist.

Völlig in Vergessenheit gerät in der Debatte die katholische Kirche. Obwohl auch ihre Repräsentanten - an der Spitze der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, ebenfalls zur CDU-Klausur eingeladen - sich immer wieder kritisch mit dem Militäreinsatz in Afghanistan auseinandersetzen, beherrscht nun die EKD die Bühne.

Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), sah sich gar bemüßigt klarzustellen, dass die katholische Kirche keineswegs schweige: Die Position der Katholiken sei nicht weniger klar als die der evangelischen Kirche, sagte der CSU-Politiker im "Deutschlandradio Kultur". Die Aufbauarbeit in Afghanistan sei ohne militärischen Schutz nicht möglich, und der katholische Militärbischof Walter Mixa sei wiederholt dort gewesen und habe sich auch in den vergangenen Tagen zu Wort gemeldet. Mit Blick auf Käßmann sagte Glück, er halte es für dumm, wenn die Kirchen sich in einen Wettlauf um Schlagzeilen begäben. Er also wolle ihre Äußerungen nicht bewerten. Die Entscheidungen in diesem Bereich habe die Politik zu treffen, und Aufgabe der Kirchen sei es, ethische Maßstäbe zu formulieren.

Am Beispiel der Grünen ist besonders gut zu beobachten, wie massiv Käßmanns Worte die politische Debatte befeuern. Nachdem der ehemalige Parteilinke und heutige Ober-Realo Ralf Fücks seinen Unmut gegen Käßmann vorgebracht hatte, brach in der Partei ein Streit aus. Denn trotz zahlreicher Kompromisse in der Kosovo- und Afghanistan-Politik definiert man sich noch immer als friedensbewegt.

In einem Offenen Brief verlangten etwa 80 grüne Unterzeichner, darunter auch Bundestagsabgeordnete, Fücks' Rücktritt als Stiftungs-Chef. Das Thema droht die Klausur der Bundestagsfraktion in Weimar zu überschatten, die noch bis Freitag dauert. Und es gibt einen Offenen Brief an Käßmann - allerdings diesmal nicht von obligatorischen Fücks-Gegnern verfasst, sondern von kirchennahen Grünen. Inzwischen haben ihn mehr als tausend Käßmann-Freunde unterschrieben, darunter Dutzende grüner Bundestags- und Europa-Abgeordneter.

"Wir lesen Ihre Predigten anders", heißt es in dem Brief. "Sie fordern die Politikerinnen und Politiker dazu auf, nicht darauf zu verzichten, nach Alternativen zur gewaltsamen Konfliktbewältigung zu suchen. Das ist das Gegenteil von einfach und banal." Käßmanns Argumentation folge doch eigentlich der von US-Präsident Barack Obama, schreiben die Initiatoren um den Europa-Abgeordneten Sven Giegold und den jungen Vordenker Arvid Bell. "Wenn selbst der oberste Befehlshaber der US-amerikanischen Truppen in Afghanistan an die Kraft der Gewaltlosigkeit glaubt, wie kann es dann 'naiv' sein, Alternativen zum Krieg einzufordern, damit auch die Gewalt in Afghanistan endlich ein Ende findet?"

Man wünsche sich eine Kirche, "die Volkskirche nicht damit verwechselt, der Mehrheit oder den Mächtigen nach dem Munde zu reden, wenn sie ethische Maßstäbe verletzen".

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rkinfo 14.01.2010
1. Frauenhasser Taliban oder Bundeswehr in Afghanistan
Zitat von sysopDie Politik weicht aus - die Kirche mischt sich ein: Nach acht Jahren Nicht-Debatte über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan treibt ausgerechnet eine Bischöfin die Politiker vor sich her. Jetzt will Margot Käßmann sogar dem CDU-Vorstand den Weg weisen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,671728,00.html
Einerseits wird die Mehrheitsmeinung der Deutschen damit nur aufgegriffen. Anderseits leben wir in einer global vernetzten Welt wo schon Klima- und Umweltschutz nicht an den Grenzen von Afghanistan oder Haiti aufhören. Wenn Staaten aber nicht insich stabil und vernünftig regierbar sind ist die Weltgemeinschaft incl. Militär im 21. Jahrhundert gefragt. Zudem gabs in Afghanistan vor der Militärpräsenz die Taliban die ihre Frauen hassten und die Bürger mißhandelten. Und diese Frauenhasser warten nur darauf dass die Bundeswehr & Co. abziehen.
MyDocAngel 14.01.2010
2. Unsere Hochachtung - Frau Kässmann!
Wie wohltuend - gegenüber Bendictus dem XI. SIE haben als Kirchenoberhaupt Ihren Posten wahrlich verdient! Weiter so - European Youth for Obama
Nichdoch, 14.01.2010
3. Es ist hohe Zeit
Respekt Frau Bischöfin, daß Sie den Mut haben, dieses Lügengebäude einzureißen. Die wohlfeilen Argumente werden immer unerträglicher und Beliebigkeit wird mit Regierungskunst verwechselt. Hoffentlich hat Ihr Vorbild auch innenpolitische Wirkungen.
Nichdoch, 14.01.2010
4. Das ewige Miliär
Zitat von rkinfoEinerseits wird die Mehrheitsmeinung der Deutschen damit nur aufgegriffen. Anderseits leben wir in einer global vernetzten Welt wo schon Klima- und Umweltschutz nicht an den Grenzen von Afghanistan oder Haiti aufhören. Wenn Staaten aber nicht insich stabil und vernünftig regierbar sind ist die Weltgemeinschaft incl. Militär im 21. Jahrhundert gefragt. Zudem gabs in Afghanistan vor der Militärpräsenz die Taliban die ihre Frauen hassten und die Bürger mißhandelten. Und diese Frauenhasser warten nur darauf dass die Bundeswehr & Co. abziehen.
Die Argumentation kommt mir so vor, wie die Handlung in einem US-Horrorfilm, wo Viren oder andere Katastrophen die Welt bedrohen. Am Ende kommt das Militär und rettet die Welt. Haben Sie schonmal über zivile Alternativen nachgedacht?
schensu 14.01.2010
5. Klasse - die Frau!
Zitat von sysopDie Politik weicht aus - die Kirche mischt sich ein: Nach acht Jahren Nicht-Debatte über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan treibt ausgerechnet eine Bischöfin die Politiker vor sich her. Jetzt will Margot Käßmann sogar dem CDU-Vorstand den Weg weisen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,671728,00.html
Christen und LINKE aller Länder vereinigt euch! Dann sind solche Militärexpeditionen wie Afghanistan morgen Geschichte.
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