Partei-Überläuferin Elke Twesten "Das war möglicherweise zu krass"

Die Abgeordnete Elke Twesten ist bei den Grünen ausgetreten und hat damit die Regierung in Niedersachsen zu Fall gebracht. Nach der Neuwahl zeigt sich die CDU-Politikerin selbstkritisch. Ein Besuch.

Elke Twesten
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Elke Twesten

Aus Scheeßel berichtet


Vor dem Interview will sich Elke Twesten erst einmal umziehen. Es dauert ein paar Minuten, dann tritt sie in Jeans und Shirt auf die Terrasse ihres Hauses in Scheeßel, einer Gemeinde im Landkreis Rotenburg in Niedersachsen. Die Sonne scheint auf das Vogelhäuschen und den Strandkorb in ihrem Garten. Twesten zupft die Tischdecke zurecht, dann kann es losgehen. Sie hat es gerne ordentlich.

Dabei hat die 54-Jährige mit ihrer Entscheidung in Niedersachsen für große Unordnung gesorgt: Anfang August verkündete sie, die Grünen zu verlassen und zur CDU zu wechseln. Damit verlor die rot-grüne Regierung ihre Ein-Stimmen-Mehrheit, Neuwahlen wurden angesetzt.

Für die CDU ging die Wahl am vergangenen Sonntag nicht gut aus. Als Twesten zur Partei stieß, sahen Umfragen die CDU noch bei etwa 40 Prozent - am Ende landete sie bei knapp 33 Prozent. Twesten gesteht ein, dass ihr Wechsel daran nicht ganz unschuldig war: "Das hat mit Sicherheit eine Rolle gespielt", sagt sie. Dennoch betont sie, dass sie ihre Entscheidung nicht bereut habe.

Ob sie im Rückblick etwas anders gemacht hätte? Twesten atmet aus. Sie schweigt lange.

Dann sagt sie: "Ich hätte vielleicht eine bessere Kommunikation betreiben müssen, um meinen Wechsel zu erklären." Viele Menschen seien nicht damit klargekommen, weil CDU und Grüne so offensichtliche politische Gegner seien. "Das war möglicherweise zu krass."

Es ist, als würde Twesten kurz den Panzer ablegen. Sie erzählt von der vielen Kritik, die sie zu hören bekam. Als gewissenloses Luder habe man sie bezeichnet. Sie habe "ausgemachte Fans", die ihr noch immer Hassbriefe schrieben. "Ich denke darüber nach, was die Menschen dazu gebracht hat, so zu reagieren."

Im Video: Twesten erklärt ihren Parteiwechsel

Doch schon kurze Zeit später ist Twesten wieder im Angriffsmodus. Zum Interview hat sie ein Blatt Papier mit Wahlergebnissen gebracht. Nicht die ihrer neuen Partei, der CDU. Twesten hat das Abschneiden der Grünen im Landkreis Rotenburg/Wümme notiert, handschriftlich. Ganz am Ende steht: "6,4 % im Mittel". So viele Prozentpunkte haben die Grünen ihr zufolge bei den Zweitstimmen verloren, beinah eine Halbierung.

Für Twesten der Beweis, dass sie mit ihrer Kritik an der Partei richtig liege. Den Grünen sei es nicht gelungen, Überzeugungsarbeit zu leisten. Anspruch und Wirklichkeit der Partei klafften auseinander, etwa beim Thema Fracking, das nicht entschieden angegangen worden sei.

Twestens Zukunftspläne

Die Grünen aus dem Kreisverband sehen das anders. Birgit Brennecke, die die Grünen statt Twesten zu ihrer Landtagskandidatin kürten, betont, dass das Ergebnis der Partei 2013 wegen des Fukushima-Effekts, nach dem Atomunfall in Japan, besonders gut gewesen sei. Man könne das Resultat von 2017 daher nicht vergleichen. Im Kreisverband weint man Twesten offenbar keine Träne nach: Ihr Weggang sei kein Verlust, sagt ein Mitglied.

Und wie sieht es bei ihrer neuer Partei aus? Marco Mohrmann ist Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Rotenburg/Wümme, der die Ex-Grüne aufgenommen hat. Im Wahlkampf seien ihm in seinem Wahlkreis keine negativen Reaktionen von Bürgern begegnet. Dennoch sagt er bezogen auf ganz Niedersachsen: "Der Wechsel hat der CDU nicht geholfen."

Wie es mit ihr weitergeht, lässt Twesten offen. Sie berichtet von ihrer "kleinen und feinen" Lerngruppe, mit der sie Führungskompetenz in Buxtehude studiere. Doch das MBA-Studium sei keine Abkehr: "Ich mache keine Pause von der Politik", sagt Twesten. Sie würde gerne Frauenförderung in einem CDU-Gremium machen. Doch vorerst bleibt ihr für ihre politischen Ambitionen nur der Kreistag in Rotenburg.

Dort ist Twesten noch Mitglied.

insgesamt 136 Beiträge
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hexenbesen.65 17.10.2017
1. Wenn man FÜR eine Partei gewählt wird
hat man sich gefälligst auch dran zu halten. Ich kann nicht zb bei BMW unterschreiben und meine ganze Arbeit in Benz reinstecken. Ich nenne das VERRAT am Bürger. Sie hat das Vertrauen hunderttausender Wähler schwer mißbraucht. Und so jemand wird wahrscheinlich (zu recht) auch nicht mehr gewählt werden. Wenn ich jemand für die Grüne wähle (und derjenige soll MEINE Intressen, die ich bei den Grünen vertreten seh), dann hat der gefälligst auch für die Grünen zu arbeiten--und nicht in eine Partei wechseln, die ich NICHT gewählt habe. Das hätte sie VOR der Wahl machen sollen, aber nicht hinterher...und dadurch alles kaputt machen---was das Geld gekostet hat.... WER bezahlt das ? Natürlich der Bürger, zusätzlich zum Verrat.
eunegin 17.10.2017
2. Ein hoher Preis für 5 minutes of fame
Schlecht gemacht von Frau Twesten. Folgen sollte man bedenken. Gerade, wenn man ein Mandat besitzt. Es hätte andere Wege gegeben, wenn man sich von seiner Partei nicht mehr verstanden fühlt. Das hier war destruktiv zulasten der Allgemeinheit, über die sie sich letztlich erhoben hat. Aber Opportunismus und Egozentrik scheinen ja in zu sein, gesamtgesellschaftliches Verantwortungsgefühl eher weniger. Immerhin kennt die Dame nun jeder. Vorher nicht. Ziel erreicht?
jozu2 17.10.2017
3. Berufspolitiker mit Karrierezielen statt mit Überzeugung
CDU und Grüne waren früher mal ideologische Gegner. Heute haben sich alle Parteien so angenähert, das ein Parteienwechsel möglich ist. Das ist die Folge davon, dass eine Überzeugung (Sozialismus, Kapitalismus, Liberalismus etc.) keine Rolle mehr spielt. Wir haben nur noch 100% Berufspolitiker, die für ihre Karriere jede Meinung vertreten. Kein Wunder, dass eine AfD Zuspruch findet. Wir sollten politische Ämter dringend auf zwei Wahlperioden begrenzen - und zwar Bund-/Länder-übergreifend, damit es zu keinem Pöstchen-Tourismus unter den Politikern kommt. Am wichtigsten wäre das für den Posten des Bundeskanzlers. Für den weit unbedeutendere Posten des Erzähl-Onkel Bundespräsident gibt es diese Begrenzung. In anderenFrankreichz.B. Frankreich) klappt es auch.
alaba27 17.10.2017
4. Selbstkritisch ?
Sie gesteht "Kommunikationsfehler" ein. Das hört man von allen Politikern jeglicher Couleur. Aber vielleicht wollen die Wähler eine vernünftige Politik statt vernünftige Kommunikation miserabler Politik. Wenigstens haben die Jahre im Parlament sie finanziell so unabhängig gemacht, dass sie mal so ein bißchen studieren geht. Das wird auch viele Wähler freuen, zeigt es doch die Abgehobenheit der Politiker. Und auf die Förderung von Frau T. würde ich als Frau gerne verzichten. Womöglich hielte man mich dann für eine Gleichgesinnte.
123Valentino 17.10.2017
5. Der Bürger .....
ist mit ihrer Entscheidung nicht „klargekommen“. Was möchte Frau Twesten damit sagen? Vielleicht, der Bürger ist nicht „klar“ im Kopf? Frau Twesten , sie sind den Ansprüchen ihrer Wähler nicht gerecht geworden. Das Studium der ( Führungs) Kompetenz, kommt leider etwas zu spät.
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