Studie zur Familienpolitik: Eltern scheitern an Work-Life-Balance

Wie wollen Eltern in Deutschland leben, wie wollen sie Kinderbetreuung und Beruf vereinbaren? Eine Forsa-Umfrage zeigt, dass die Kluft zwischen Wünschen und Wirklichkeit groß ist: Bei jedem Zweiten scheitert die ideale Work-Life-Balance am Geld.

Elternstudie: Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander Fotos
AP

Berlin - Arbeitszeiten, Kita-Ausbau, Betreuungsgeld - das Wahljahr steht im Zeichen der Familienpolitik. Jede Partei will ein Rezept gegen Deutschlands Nachwuchsmangel gefunden haben. Doch was wünschen sich Eltern wirklich für sich und ihre Kinder? Eine am Dienstag veröffentlichte Forsa-Studie im Auftrag des Magazins "Eltern" hat versucht, einige Antworten zu finden.

Herausgekommen ist ein Wünscheprofil, das an mancher Stelle erstaunlich konservativ ist - und an anderer Stelle überraschend modern. SPIEGEL ONLINE schlüsselt die drei Kernaussagen der Studie auf:

1. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegt eine Kluft. Nur wenige Eltern schaffen es, ihre favorisierte Rollenverteilung auch im Alltag umzusetzen.

  • Gerade einmal 6 Prozent der befragten Eltern sprechen sich für das traditionelle Alleinverdienermodell aus - aber 14 Prozent befinden sich in einem.
  • 40 Prozent finden es gut, wenn er Vollzeit arbeitet und sie Teilzeit. In der Wirklichkeit sieht es so aus: Bei knapp 57 Prozent arbeitet er Voll-, sie Teilzeit.
  • 38 Prozent favorisierten in der Umfrage die Variante "beide arbeiten 30 Stunden und teilen sich Hausarbeit und Kinder". Realisieren können dieses Modell jedoch nur 6 Prozent der Befragten, die mit einem Partner zusammenleben.
  • Auf der anderen Seite sind nicht alle Vollzeit arbeitenden Eltern auch glücklich über ihre Entscheidung: 16 Prozent der Befragten gaben an, dass sie in ihrer Ehe beide Vollzeitjobs hätten, sich Hausarbeit und Kinderbetreuung gleichermaßen teilen. Doch eigentlich wünschen sich nur 13 Prozent der Eltern dieses Modell.
  • Einer der Hauptgründe für die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist das Geld: 45 Prozent sagen, das Einkommen würde zu gering ausfallen, wenn sie ihr Wunschmodell umsetzten.

2. Das wichtigste Anliegen von Eltern bleibt eine gesicherte Kinderbetreuung:

  • Nur ein Viertel der befragten Eltern ist der Meinung, dass genügend Kita-Plätze für Kleinkinder vorhanden sind. Und jeder Zweite (48 Prozent) würde den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz einklagen, sollten sie keinen bekommen. Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Kinder unter drei Jahren tritt im August in Kraft. Schätzungen zufolge fehlen bundesweit aber noch mehr als 200.000 Betreuungsplätze, Städte und Gemeinden fürchten eine Klagewelle. 83 Prozent der Befragten fordern ein verpflichtendes kostenloses letztes Kindergartenjahr.
  • Auf die Frage, wann Frauen nach der Geburt wieder arbeiten gehen sollten, antworten 24 Prozent: nach einem Jahr. Erstaunliche 42 Prozent denken allerdings, erst nach drei Jahren oder später sei der richtige Zeitpunkt.

3. Die diversen Zuschüsse und Steuervorteile in der Familienpolitik sind umstritten:

  • Demnach ist das Ehegattensplitting überraschend beliebt: Vier Fünftel der Eltern (81 Prozent) wollen die gemeinsame steuerliche Veranlagung von Verheirateten beibehalten. Experten des Familienministeriums hatten kürzlich die Wirkungslosigkeit des Splittings auf die Geburtenrate bemängelt. 91 Prozent befürworten zudem, dass nicht berufstätige Ehepartner in der Krankenversicherung mitversichert werden können.
  • Das umstrittene Betreuungsgeld spaltet die Eltern in Deutschland: Knapp jeder zweite Befragte (49 Prozent) sprach sich für eine Abschaffung aus. Nach Einsparmöglichkeiten gefragt meinten 53 Prozent, dass Gutverdiener-Familien mit mehr als 100.000 Euro brutto im Jahr auf ein Kindergeld verzichten könnten.

Generell fiel es den befragten Eltern schwer, im Dschungel von Leistungen und Forderungen den Durchblick zu behalten - offenbar kommen familienpolitische Kampagnen und Appelle bei den Betroffenen selbst kaum an. Welche familienpolitischen Ziele die im Bundestag vertretenen Parteien verfolgen, das wissen nämlich nur 15 Prozent.

38 Prozent gaben an, dies von einzelnen Parteien zu wissen. Fast die Hälfte (47 Prozent) weiß darüber eher nicht Bescheid. Bei den Befragten unter 35 Jahre sagen dies sogar 60 Prozent. 61 Prozent können bei der derzeitigen Bundesregierung keine konkreten familienpolitischen Ziele erkennen.

Für die Studie befragte Forsa im Laufe des Januars 1000 Mütter und Väter von minderjährigen Kindern in Deutschland. In unserer Bilderstrecke sind einige Grafiken aufgeführt, hier können Sie die Studie komplett nachlesen.

amz

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insgesamt 136 Beiträge
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1. Mein Wunschmodell...
vogtnuernberg 09.04.2013
Bx3qmue00a Mein Wunschmodell wäre: Ich müsste gar nicht arbeiten, sondern könnte aufgrund eines großen Vermögens davon leben. Ach ja: Leider ist das Geld dafür nicht vorhanden. Mist aber auch!
2. Lustig diese Voreingenommenheit...
vogtnuernberg 09.04.2013
Zitat von sysopWie wollen Eltern in Deutschland leben, wie wollen sie Kinderbetreuung und Beruf vereinbaren? Eine Forsa-Umfrage zeigt, wie groß die Kluft zwischen Wünschen und Wirklichkeit ist: bei jedem Zweiten scheitert die ideale Work-Life-Balance am Geld. Elternstudie: Familien leben anders als sie wollen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/elternstudie-familien-leben-anders-als-sie-wollen-a-893199.html)
Lustig diese Voreingenommenheit: "Knapp jeder zweite Befragte (49 Prozent) sprach sich für eine Abschaffung (des Elterngeldes) aus. " Man könnte auch schreiben: "Eine Mehrheit sprach sich für die Beibehaltung des Elterngeldes aus, nämlich 51%" Doch wenn man selber dagegen ist, kommt es zu solchen Verrenkungen ;-)
3. optional
nic 09.04.2013
"... wie wollen sie Kinderbetreuung und Beruf vereinbaren?" Die Frage stellt sich doch so garnicht, genauso wenig wie "Vereinbarkeit von Familie und Beruf". Hier geht es doch nur um die Frage: Wie gründe ich eine Familie obwohl das neben dem Berufsleben eigentlich unmöglich ist? Dass das Berufsleben sich dem Familienleben unterordnet scheint doch eine Utopie zu sein.
4. Man kann über alles verschiedener Ansicht sein,
Werder 09.04.2013
aber der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz war von vornherein der blanke Hohn. Frau von der Leyen ließ sich dafür feiern, obwohl klar was, dass Kommunen und Gemeinden für die Zurverfügungstellung verantwortlich waren, und weder genügend Plätze noch Erzieher zur Verfügung stehen würden. Typisch. Ich wünschte, jeder der einen Anspruch für sein Kind hat, wird Klage erheben (mit jeweiliger Kopie des SS an das Familien (und Arbeits-!)Ministerium. Sollen die Damen doch zumindest in Paper ersticken. Zudem wäre ein verpflichtendes, kostenloses KITA-Jahr eine mehr als gute Sache, so könnten zumindest versucht werden, Schwächen zu erkennen und zu mildern, die Kinder (und Lehrer) sonst im ersten Grundschuljahr in voller Härte treffen. Aber selbst wenn es eine Gesetz geben würde; Papier ist geduldig.
5. Agenda 2010 hat den Eltern einen Job-Wunder verpasst
sltgroove 09.04.2013
... im Schnitt müssen sie 4 davon haben um 2 Kinder durchzubringen ... Naja, Zeit-Management ist alles :-P
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¿0613 Ehebezogene Leistungen

Milliarden-Verschwendung

Bundesländerranking 2012 – Kita-Betreuungsquote
Platzierung Bundesland Betreuungsquote* (in %)
1 Sachsen-Anhalt 56,1
2 Mecklenburg-Vorpommern 51,7
3 Brandenburg 51,6
4 Thüringen 46,9
5 Sachsen 44,1
6 Berlin 41,9
7 Hamburg 32,4
8 Rheinland-Pfalz 24,7
9 Schleswig-Holstein 21,6
10 Hessen 21,5
11 Baden-Württemberg 20,8
12 Bayern 20,6
13 Saarland 20,2
14 Bremen 19,6
15 Niedersachsen 18,6
16 Nordrhein-Westfalen 15,9
* Anteil der in Kindertageseinrichtungen betreuten Kinder unter 3 Jahren an allen Kindern dieser Altergruppe

Quelle: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft / WirtschaftsWoche