Elternzeit "Wir haben nicht mit einem solchen Ansturm der Väter gerechnet"

Das neue Elterngeld kommt an: Viermal mehr Väter als zuvor beantragen Elternzeit. Familienministerin Ursula von der Leyen ist das nicht genug. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview hofft die CDU-Politikerin auf isländische Verhältnisse - und einen Babyboom.


SPIEGEL ONLINE: Das Elterngeld bei Vätern ist der Renner. Vor seiner Einführung wurde gerade mal jeder 30. Antrag auf Elternzeit von einem Vater gestellt. Im letzten Quartal 2007 war jeder achte Antragsteller ein Mann, so die heute veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamts. Haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Ministerin von der Leyen: "Früher wurden die Väter als Weicheier beschimpft"
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Ministerin von der Leyen: "Früher wurden die Väter als Weicheier beschimpft"

Von der Leyen: Für das erste Jahr haben wir das Ziel weit überschritten. Wir haben nicht mit einem solchen Ansturm der Väter gerechnet. Langfristig rechnen wir damit, dass etwa jeder dritte Antrag auf Elternzeit von einem Vater gestellt wird. Aber das braucht ein paar Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie denn nicht, dass alle Väter Elternzeit nehmen?

Von der Leyen: Ich halte diese Vision nicht für ausgeschlossen. Island macht es uns vor. Dort wurde das Elterngeld im Jahr 2000 eingeführt. Inzwischen gehen dort 90 Prozent der Väter in Elternzeit. Die isländische Politik stärkt den Vätern im Arbeitsleben allerdings auch gehörig den Rücken. Dort gibt es drei Vatermonate, drei Muttermonate und drei Monate zur freien Wahl.

SPIEGEL ONLINE: Warum beschränken wir uns auf zwei von 14 Monaten für die Väter? In einer Abstimmung auf SPIEGEL ONLINE in der vergangenen Woche wünschten sich 66 Prozent der Leser vom Staat mehr Anreize, damit sich Mütter und Väter die Elternzeit zu gleichen Teilen aufteilen.

Von der Leyen: 18 Prozent der Väter entscheiden sich jetzt schon für ein ganzes Jahr Elternzeit. Sie wissen dass ich wie eine Löwin gekämpft habe, dass die Wünsche der Väter bei Vereinbarkeit von Familie und Beruf ernstgenommen werden. Dies Thema war doch tabu. Ich erinnere mich an Worte wie: Pflichtdienst an der Wiege und Zwang zur Windel. Solche Wortungetüme für ein freiwilliges Angebot zeigen, wie tief die Vorbehalte gegen aktive Väter saßen. Wenn die Nachfrage der jungen Männer weiterhin stabil steigt, können wir in der kommenden Legislaturperiode diskutieren, das Angebot noch zu verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte das aussehen?

Von der Leyen: Das diskutieren wir in ein paar Jahren, wenn aus Trends nachhaltige Entwicklungen ablesbar sind.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich wollten Sie mit dem Elterngeld die Geburtenraten in die Höhe treiben. Das ist ihnen gelungen. Allerdings nur von 1,3 auf 1,4. Reicht das?

Von der Leyen: Das sind erste Schätzungen. Ich bin davon überzeugt, dass wir deutlich über 1,4 liegen werden. Damit hätten wir dann den höchsten Wert seit der Wiedervereinigung. Ich sehe da eine Trendwende, ausgelöst durch die neue Familienpolitik, eine breite gesellschaftliche Debatte über Leben mit Kindern und natürlich eine gute Konjunkturentwicklung. Die Familienpolitik alleine wird den Babyboom nicht herbeizaubern können.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem, eine Steigerung von 0,1 Prozent ist nicht sehr viel. Ist das Elterngeld inzwischen eher ein Instrument für mehr Gleichstellung?

Von der Leyen: Moment mal, Werte über 1,4 hatten wir im Westen zuletzt Mitte der achtziger Jahre. Gleichstellungspolitik und moderne Familienpolitik lassen sich nicht voneinander trennen. In Schweden sehen wir, dass Frauen, die erwerbstätig sind, inzwischen mehr Kinder bekommen. Wenn eine junge Frau die Perspektive hat, mit Kindern beruflich auf eigenen Füßen stehen zu können und die Erziehung der Kinder gemeinsam mit dem Vater zu verantworten, dann hat sie auch den Mut zu einem zweiten oder dritten Kind. Das versuche ich auch immer den Skeptikern deutlich zu machen. Nur wenn Mütter und Väter Beruf und Familie in Balance bringen, nur dann gibt es mehr Kinder und nicht umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: In den Führungsetagen der Unternehmen scheint sich die moderne Familienpolitik noch nicht herumgesprochen zu haben. Im Berufsleben stoßen die jungen Väter mit einem Antrag auf Elternzeit auf große Widerstände.

Von der Leyen: Das stimmt. Elternzeit war für Männer der Karrierekiller. Solche Väter wurden bis vor kurzem noch als Weicheier beschimpft. Das ändert sich im Augenblick aber dramatisch. Wir sehen, dass die modernen Unternehmen verstanden haben, dass junge Fachkräfte auch Zeit für ihre Kinder haben wollen, und dass es ein ganz klarer Wettbewerbsvorteil ist, wenn ein Unternehmen familienfreundliche Strukturen anbietet - nicht nur für Mütter, sondern auch für Väter.

SPIEGEL ONLINE: Mit Instrumenten wie dem Ehegattensplitting und dem Betreuungsgeld halten Sie allerdings auch am alten Model der Versorger-Ehe fest. Ist das nicht widersprüchlich?

Von der Leyen: Familienpolitik muss unterschiedliche Lebenssituationen würdigen. Bisher war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf völlig vernachlässigt. Deshalb haben wir das Elterngeld, und den Ausbau der Kinderbetreuung durchgesetzt. Aber es ist wichtig, den jungen Menschen die Wahl zu lassen. Auch Mütter, die zu Hause bleiben, brauchen Sicherheiten.

SPIEGEL ONLINE: Oft haben Frauen aber gar nicht die Wahl. Sie müssen zu Hause bleiben, weil sie weniger verdienen und die Familie nicht ernähren könnten. Daran hat auch das Elterngeld nichts geändert.

Von der Leyen: Solche Veränderungen kommen nicht über Nacht, was jahrzehntelang vernachlässigt worden ist, kann man nicht innerhalb eines Jahres ändern. Aber die Dynamik mit der die Veränderung jetzt losbricht, zeigt ja welcher Druck im Kessel war. Ich bin sicher, dass sich da einiges tut. Frauen sind heute so gut ausgebildet wie Männer. Die sind selbstbewusst. Die überholen die Männer gerade. In wenigen Jahren werden wir leidenschaftlich diskutieren, was ist los mit unseren Jungs, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Das Interview führte Ulrike Demmer



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