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Embryonen-Tests: Schavan buhlt um PID-Gegner

Auf dem CDU-Parteitag lehnten Kanzlerin Merkel und die Mehrheit der Delegierten Gentests an Embryonen knapp ab. Vizechefin Schavan kündigte nun den nächsten Schritt der Gegner der Präimplantationsdiagnostik an: In anderen Bundestagsfraktionen soll nach Verbündeten gesucht werden.

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ddp

Annette Schavan: "Verbündete über die Fraktion hinaus finden"

Berlin/Karlsruhe - In Karlsruhe lobte Angela Merkel die leidenschaftliche Debatte um Gentests an Embryonen als "Sternstunde des Parteitags".

Mit einer knappen Mehrheit von 51 Prozent hatten die Delegierten sich gegen die Präimplantationsdiagnostik (PID) entschieden, die auch die CDU-Vorsitzende ablehnt. Die Gegner hatten lediglich einen Vorsprung von 17 Stimmen.Angeführt von Vizechefin Annette Schavan wollen die Gegner dieses Verfahrens ihren Kampf fortsetzen: "Jetzt kommt es darauf an, Verbündete für unsere Position auch über die eigene Fraktion hinaus im Bundestag zu finden", kündigte die Bildungsministerin in der "Rheinischen Post" an.

Nach dem intensiven Austausch der Argumente beim Parteitag gelte es "viel zu bedenken, damit wir zu einer überzeugenden Lösung kommen", sagte Schavan. "Die knappe Entscheidung zeigt, dass bioethische Fragen von solcher Komplexität sind, dass sie sich nicht mit einfachen Sätzen beschreiben lassen." Die Debatte habe weitere Aufgaben deutlich werden lassen. "Wir müssen in unserer Gesellschaft ein Klima schaffen, in dem sich Menschen mit Behinderung angenommen fühlen", forderte Schavan.

Bei der PID können im Reagenzglas erzeugte Embryonen vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht und aussortiert werden.

Fraktionschef Volker Kauder stellte klar, dass der Parteitagsbeschluss für die Abgeordneten nicht bindend ist und es eine Fraktionsentscheidung nicht gibt. "Es handelt sich um eine Gewissensfrage", sagte Kauder dem "Kölner Stadt-Anzeiger". In der Fraktion werde es deshalb zwei gegensätzliche Initiativen geben. Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister erwartet auch im Parlament eine knappe Entscheidung, wie er der "Nordwest-Zeitung" sagte.

Der Koalitionspartner FDP kündigte einen interfraktionellen Antrag zur gesetzlichen Regelung der PID an. "Der knappe CDU-Parteitagsbeschluss zeigt, dass es eine Gewissensentscheidung ist und es richtig war, die Entscheidung im Bundestag freizugeben", sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Ulrike Flach, der "Bild"-Zeitung. "Wir haben eine Gruppe aus Abgeordneten aller Fraktionen gebildet, die bereits in den nächsten Wochen einen Gesetzentwurf vorstellen wird. Mit dem wollen wir die PID gesetzlich so regeln, dass wir Eltern helfen, ohne ethische Grenzen zu überschreiten."

Die katholische Bischofskonferenz begrüßte die Entscheidung des Parteitags. Er verkenne nicht die Ernsthaftigkeit, mit der in der Diskussion auch humanitäre Argumente für die PID vorgebracht würden, sagte der Bioethik-Experte der Deutschen Bischofskonferenz, der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst. Doch könne es keine Güterabwägung geben, nach der Leben oder Tötung embryonaler Menschen zur Disposition gestellt werden dürften.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, äußerte sich abwägend. "Die EKD hat sich 2003 gegen die Zulassung der PID ausgesprochen, weil ein Embryo in seinen Entwicklungschancen nicht geachtet, sondern verbraucht wird", sagte er der "Bild"-Zeitung. In der vergangenen Woche haben Rat und Synode der EKD beschlossen, die Debatte darüber noch einmal aufzunehmen. "Ich selber bin hin- und hergerissen, weil ich einerseits die Gefahren sehe, andererseits aber auch das Leid von Eltern mit schweren Erbkrankheiten."

Korrektur: In einer früheren Fassung hieß es, Schavan sei eine Befürworterin der Embyronen-Tests. Sie ist jedoch wie Kanzlerin Merkel eine Gegnerin.

als/DAPD/dpa

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insgesamt 48 Beiträge
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1. .
frubi 17.11.2010
Zitat von sysopAuf dem CDU-Parteitag lehnten Kanzlerin Merkel und die Mehrheit der Delegierten Gentests an Embyronen knapp ab. Doch die Befürworter einer solchen Präimplantationsdiagnostik geben nicht auf: Vizechefin Schavan kündigte an, in anderen Bundestagsfraktionen nach Verbündeten zu suchen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729538,00.html
Ein herrliches Beispiel für die eigentliche Miserer unserer Politik. Hier geht es mal wieder nicht darum die besten Möglichkeiten auszuschöpfen und gleichzeitig möglichst alle Betroffenen zu schützen. Es geht darum, welche Person sich mit ihrer Vorstellung durchsetzt. Genau das verabscheue ich an unseren Politikern. Aber so ist das in Deutschland. Hier braucht man nicht die beste Idee, hier braucht man die meisten Stimmen.
2. Hoffentlich...
Roueca 17.11.2010
findet sie niemanden, denn der käme es noch in den Sinn sich klonen zu lassen und diese Dame noch einmal, daß könnte die Welt nicht ertragen. Schavan ist einfach nur geschmacklos, sie sollte den Job machen für den sie eingestellt ist und viele Euros erhält und die Finger lassen von Sachen für die sie nicht den Verstand hat.
3. Absurd, intolerant, mittelalterlich
fleischwurstfachvorleger 17.11.2010
Zitat von sysopAuf dem CDU-Parteitag lehnten Kanzlerin Merkel und die Mehrheit der Delegierten Gentests an Embyronen knapp ab. Doch die Befürworter einer solchen Präimplantationsdiagnostik geben nicht auf: Vizechefin Schavan kündigte an, in anderen Bundestagsfraktionen nach Verbündeten zu suchen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729538,00.html
So können nur Politiker denken und handeln: absolut unlogisch und an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Man kann also genetisch geschädigte Embryonen der Frau einpflanzen und wenn es dann eben nichts geworden ist, reißen wir den werdenden Menschen vollkommen problemlos und straflos wieder raus. DAS IST PERVERS. Denkt eigentlich irgendjemand an das Leid der Eltern, insbesondere der werdenden Mutter? Was muss denn noch alles auf dem Altar des bröckelnden "C" der konservativen Parteien CDU / CSU geopfert werden? - Mit der Verlängerung der Laufzeiten für AKW's haben wir keine Probleme, da wir immer noch glauben die Wette zu gewinnen, die wir vor 50 Jahren eingegangen sind, das Problem der Entsorgung des Atom-Mülls schon irgendwie geregelt zu bekommen. Aber ein absolut beherrschbares Problem, welches persönliches Leid erspart und zudem auch noch eine Lawine von Folgekosten verhindert, wird ausgeblendet, um dem konservativen Geist der ewig Gestrigen zu huldigen. Mein Kompliment an Frau Schavan, die als Bildungsministerin eine absolute Fehlbesetzung ist (oder ist es das Amt, welches wir hier gar nicht brauchen, wenn die Themen doch föderal entschienden werden?), sie zeigt Flagge und bezieht Stellung gegen Merkel. Hut ab - hätte ich ihr nicht zugetraut.
4. Fortschritt vs. Marienkult
elbröwer 17.11.2010
Nur weil die Kirche meint ein Leben beginnt mit der Zeugung, brauchen die Menschen nicht zu folgen. Dieser peinlich, mittelalterliche Marienkult dem dieser Glaube entspringt entscheidet heute darüber ob Familien ins Elend gestürzt werden. Auf Hilfen brauchen diese Familien in diesem kinderfeindlichen Land nicht zu hoffen.
5. -
dongerdo 17.11.2010
Interessant - die Naturwissenschaftlerin ist aus politischen Gründen gegen PID, die Theologin ist dafür.... Verkehrte Welt.....
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Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
DPA
Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.

Die CDU-Spitze

REUTERS
Auf ihrem Bundesparteitag in Karlsruhe hat die CDU am 15. November ein neues Präsidium und einen neuen Vorstand gewählt. Die Mitglieder der Führungsspitze im Überblick (mit Wahlergebnis in Prozent/in Klammern das Ergebnis aus dem Jahr 2008):


Künstliche Befruchtung
In-vitro-Fertilisation
SPIEGEL TV
Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF), lateinisch für "Befruchtung im Glas", vereinigen sich weibliche Eizellen mit männlichen Spermien im Reagenzglas. Je nachdem, welche Methode angewandt wird, kommt es in 50 bis 70 Prozent der Versuche zur Befruchtung. Zwei bis fünf Tage später werden üblicherweise zwei Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt. Etwa 14 Tage danach verrät ein Schwangerschaftstest, ob die Prozedur erfolgreich war. Unter dem Strich führt die künstliche Befruchtung in 20 bis 40 Prozent der Fälle zu einer Geburt. Mehr auf der Themenseite...
Die Methoden
Die künstliche Befruchtung kann auf unterschiedliche Arten vorgenommen werden:

Klassische In-vitro-Fertilisation (IVF): Zunächst werden durch eine Hormonbehandlung Eizellen im Körper der Frau zum Reifen gebracht und später entnommen. Sie kommen zusammen mit den männlichen Spermien in ein Reagenzglas, wo im Idealfall eine spontane Befruchtung stattfindet.

Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI): Sind die Spermien in ihrer Beweglichkeit gestört oder nur in geringer Zahl in der Samenflüssigkeit enthalten, kommt die ICSI-Methode zum Einsatz: Ein einzelnes Spermium wird unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert.

Sonderformen der Injektion werden angewandt, wenn es weitere Probleme mit der Spermiengewinnung gibt. Bei einer wird das zu injizierende Spermium zusätzlich anhand seiner äußeren Merkmale ausgesucht. Sind die Samenwege des Mannes verstopft, können Mediziner die Spermien auch direkt aus Hoden oder Nebenhoden gewinnen.
Rechtliche Lage
In Deutschland ist die künstliche Befruchtung rechtlich gestattet, wenn es bei einem Paar ein Jahr lang trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs nicht zu einer Zeugung gekommen ist. Die In-vitro-Fertilisation macht es auch möglich, befruchtete Eizellen zu spenden oder ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Beides ist in Deutschland jedoch durch das Embryonenschutzgesetz verboten, während die Samenspende erlaubt ist.
Geschichte
1968 gelang es dem englischen Forscher Robert Geoffrey Edwards zum ersten Mal, im Labor eine menschliche Eizelle zu befruchten. Zehn Jahre später, am 25. Juli 1978, wurde Louise Brown im Oldham General Hospital in Manchester geboren. Sie war das erste Kind, das aus einer künstlichen Befruchtung hervorging. Inzwischen ist das Verfahren medizinischer Standard: 2004 kamen weltweit geschätzte 1,5 Millionen Kinder dank künstlicher Befruchtung zur Welt. Eine "monumentale" Veränderung, fand das schwedische Karolinska-Institut, das Edwards 2010 mit dem Medizin-Nobelpreis auszeichnete.

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