Emsdettener Amoklauf Wulff und Stoiber wollen Killerspiele verbieten

Die Diskussion über ein Verbot von Killer-Computerspielen ist nach dem Amoklauf von Emsdetten voll entbrannt. Die Ministerpräsidenten von Niedersachsen und Bayern, Wulff und Stoiber, wollen sie verbieten. Gewaltforscher wenden sich gegen ein Verbot.


Hamburg - Altersbeschränkungen reichten nicht aus, sagte Christian Wulff (CDU) als Reaktion auf den Amoklauf eines 18-Jährigen in einer Emsdettener Realschule gegenüber der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Wulff sagte: "Selbst bei Spielen, die mit 16 freigegeben sind, wird reichlich getötet und fließt jede Menge Blut." Gefährlich sei, dass sich das Gewaltpotential dieser Spiele erst offenbare, wenn die ersten Level durchlaufen seien.

Wulff und Stoiber: "Altersbeschränkungen reichen nicht aus"
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Wulff und Stoiber: "Altersbeschränkungen reichen nicht aus"

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) kündigte eine Bundesratsinitiative an. Es dürfe jetzt "keine Ausreden" mehr geben, sagte Stoiber. "Killerspiele animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten."

Gutachter des Deutschen Bundestages haben dem Vorhaben der Großen Koalition, so genannte Killerspiele gesetzlich zu verbieten, gute Chancen eingeräumt. "Der Bundesgesetzgeber ist generell nicht gehindert, ein Einfuhr-, Verkauf-, Vermiet- und Verleihverbot für 'Killerspiele' zu erlassen", heißt es in einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, das der "Netzeitung" vorliegt. "Eine solche Regelung würde nicht per se gegen das Grundgesetz verstoßen."

Die Gutachter raten aber, die Grenzen des Verbots "klar" abzustecken und "deutlich" aufzuzeigen, welche Spiele unter die Regelung fallen. "Der Begriff des 'Killerspiels' ist daher vom Gesetzgeber klar zu definieren, um dem Bestimmtheitsgrundsatz zu genügen", schreiben sie in ihrer Expertise. Darüber hinaus empfehlen sie zwar, "im Hinblick auf die Berufsfreiheit der Hersteller und Händler dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit besondere Beachtung zu schenken". Allerdings sehen sie darin kein unüberbrückbares Hindernis, weil sie davon ausgehen, dass die Hersteller neben Killerspielen auch unbedenkliche Spiele produzieren.

Für den Fall, dass ein Verbot dazu führt, dass Spiele verstärkt unkontrolliert übers Internet oder als so genannte Grau-Importe nach Deutschland gelangen, schlagen die Gutachter des Bundestages vor, "auch eine Regelung zur Zugriffsbeschränkung für Internetseiten mit entsprechenden Inhalten zu erlassen". Das sei schon deshalb sinnvoll, da "die Verbotsregelung grundsätzlich geeignet ist, den Vertrieb von 'Killerspielen' zu unterbinden oder zumindest erheblich einzuschränken".

Der nordrhein-westfälische Familien- und Integrationsminister Armin Laschet (CDU) wandte sich gegen ein Verbot der umstrittenen Spiele. Mit einem Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele sei das Problem nicht zu lösen. Das wäre ein vorschneller Schuss, der zu nichts führe. "Da Spiele, die gegen deutsches Recht verstoßen oder indiziert sind, hier meist nicht auf dem Markt sind, werden sie aus dem Ausland importiert oder im Internet bestellt", sagte Laschet. Dadurch entzöge sich der Zugang zu ihnen zu einem großen Teil der staatlichen Kontrolle. Es gebe zudem keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die einen direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum von Computerspielen und der Gewaltbereitschaft von Jugendlichen belegten.

Gewaltforscher gegen Verbot von Killerspielen

Auch der Gewaltforscher Frank Robertz sprach sich gegen ein Verbot von Killerspielen aus. "Die Diskussion greift absolut ins Leere, man bekommt alle indizierten Spiele übers Ausland im Internet", sagte Robertz der "Frankfurter Rundschau". Der Kriminologe und Pädagoge leitet das Berliner Institut für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie.

Es gebe zwar einen Zusammenhang zwischen den virtuellen Spielen und der Wirklichkeit, sagt Robertz. Aber er sei nicht so gravierend wie oft behauptet. Jugendliche entwickelten schon Gewaltphantasien, bevor sie an Computern brutale Spiele spielen. Allerdings gewöhnten sie sich auf diese Weise an Gewalt und setzten Phantasien während der Spiele um.

"Besorgniserregend" nannte es Robertz, dass die Spiele technisch immer realitätsnäher würden und deshalb eine stärkere Wirkung ausübten. Zudem entwickelten sich die Angriffsziele "von Monstern zu Menschen", inzwischen sogar zu Kindern. In welchen Spielen das Töten von Kindern möglich sein soll, sagte Robertz allerdings nicht.

Der Forscher appellierte an die Erwachsenen: "Befasst Euch mehr mit den Lebenswelten der Jugendlichen!" An den Nachwuchs gewandt, sagte er, es sei "kein Petzen", wenn man Lehrern über Schulkameraden berichte, bei denen man eine Gefahr vermute.

asc/ddp/AFP

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