Ende der DDR Gorbatschow war an Stasi-Übernahme durch KGB interessiert

Skurriles vom Untergang der DDR: Nach SPIEGEL-Informationen wollte Michail Gorbatschow im Jahr 1990, dass der KGB die Auslandsspionage der Stasi und das gesamte IM-Netz übernimmt. Die sowjetische Bestandsgarantie für die DDR hat der damalige Kreml-Chef schon vor dem Untergang des Landes widerrufen.

Michail Gorbatschow und Erich Honecker im Oktober 1989: Der Kremlchef schätzte den SED-Vorsitzenden
DPA

Michail Gorbatschow und Erich Honecker im Oktober 1989: Der Kremlchef schätzte den SED-Vorsitzenden


Hamburg - Michail Gorbatschow hatte Interesse an der Stasi: Laut Dokumenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) erwog der Kreml-Chef 1990, die Auslandsspionage der Stasi sowie das gesamte IM-Netz in der DDR vom sowjetischen Geheimdienst KGB übernehmen zu lassen. Das geht aus umfangreichen Aktenbeständen des BND zum Mauerfall hervor, die der Dienst auf Antrag des SPIEGEL freigegeben hat.

Der damalige DDR-Regierungschef Hans Modrow unterbreitete Gorbatschow demnach ein entsprechendes Angebot. Den Geheimdienstpapieren zufolge soll Modrow damit geworben haben, das Agenten- und Informantennetz der Stasi erfasse "weitestgehend das Parteien- und Oppositionsspektrum in der DDR". Modrow bestreitet die BND-Version heute: "Nichts von dem ist wahr."

Aus den BND-Unterlagen geht auch hervor, dass Gorbatschow offenbar schon 1988 gegenüber SED-Generalsekretär Erich Honecker erklärte, "unter seiner Führung werde die Sowjetunion nicht intervenieren, um eine Partei bzw. Obrigkeit vor unzufriedenen Massen zu schützen." Demnach hat der Kreml-Chef bereits vor dem Mauerfall die sowjetische Bestandsgarantie für die DDR widerrufen.

Gorbatschow: "Honecker war ernsthafter Politiker"

Der BND befragte bis 1989 systematisch Hunderte von DDR-Bürgern. Die Auswertungen liegen nun erstmals vor. Ein Großteil der Ostdeutschen bekannte sich laut den Geheimdienstunterlagen zur Einheit der Nation und lehnte das SED-Regime ab. Dennoch kamen der Mauerfall und der Untergang der DDR für den Dienst der Bundesrepublik überraschend. Hinter der Grenzöffnung am 9. November 1989 vermutete der BND sogar einen vermeintlich klugen Schachzug von Honecker-Nachfolger Egon Krenz.

Aus dem Politbüro der SED berichtete der Dienst viel Kurioses: Zwei Tage vor dem Mauerfall meldete er ans Kanzleramt, der bereits gestürzte Honecker habe sich in den Westen abgesetzt. Er sei zuerst zu seiner Schwester ins Saarland und dann in die Schweiz weitergereist. In Wahrheit saß Honecker noch in Wandlitz.

In einem Interview mit der "Bild am Sonntag" sagte Gorbatschow, er habe trotz politischer Differenzen Honecker persönlich geschätzt: "Honecker war ein ernsthafter Politiker, er hatte Charakter und Ambitionen." Honecker habe sicher Fehler gemacht, aber er wollte seinem Land dienen. "Er war ein richtiger Deutscher, einer, der im Krieg gegen Hitler gekämpft hatte", sagte er.

Honecker zu Gorbatschow: "Haben Perestroika schon hinter uns"

Gleichzeitig kritisierte Gorbatschow die starre Haltung Honeckers zur Zeit der politischen Reformen in Osteuropa. "Als ich seinerzeit im Kreis der Staats- und Regierungschefs des Warschauer Pakts über die Perestroika gesprochen habe, sagte Honecker: 'Wir haben unsere Perestroika bereits hinter uns.' Er meinte damit die Veränderungen, die er nach der Ablösung Walter Ulbrichts eingeleitet hatte."

Über die wirtschaftliche Lage der DDR in den Tagen ihres 40-jährigen Bestehens im Oktober 1989 sagte Gorbatschow: "Das war ja im Vergleich zu den anderen Mitgliedern des Warschauer Vertrags kein rückständiges Land." Wenn die DDR damals einen Reformkurs eingeschlagen hätte, wären die Ergebnisse noch besser gewesen. Aber Honecker habe diesen Augenblick verpasst.

Auf die Frage, ob die DDR überlebt hätte, wenn Honecker rechtzeitig Reformen eingeleitet hätte, antwortete Gorbatschow: "Die Wiedervereinigung hätte es irgendwann trotzdem gegeben, wenn auch in anderer Form. Möglicherweise wäre es zunächst nur zu einer Währungsunion und danach zu einem deutsch-deutschen Staatenbund gekommen."

böl/ddp



insgesamt 4376 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 27.08.2009
1.
Die Frage ist, ob das je ganz passieren wird. Großbritannien ist technisch gesehen auch ein Land, dennoch gibt es da die Waliser, die Schotten und eben die Engländer.
CMH 27.08.2009
2.
Zitat von sysopDie ökonomische Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland vergrößert sich wieder. Was ist nach der Wiedervereinigung schief gelaufen?
Wäre toll, wenn der sysop das anhand einer Quelle belegen könnte. Ich bin mir ziemlich sicher, letzte Woche in der FAZ einen Bericht gelesen zu haben, der das Gegenteil darstellte.
sysop 27.08.2009
3. # 3
Kommt gleich.
Reziprozität 27.08.2009
4.
Hmm, Tostedt zum Beispiel. Liegt aber suedlich der Elbe....
DJ Doena 27.08.2009
5.
Alles nördlich des Mains gehört ja auch zu Südschweden. ;-)
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