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Energiekonzept: Kabinett stimmt für längere Atomlaufzeiten

Deutsche Atomkraftwerke sollen länger am Netz bleiben: Das schwarz-gelbe Kabinett hat die Verlängerung der Laufzeiten um bis zu 14 Jahre gebilligt. Die Opposition kündigte Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht an.

AKW Biblis: Bis zu 14 Jahre längere Laufzeiten Zur Großansicht
dpa

AKW Biblis: Bis zu 14 Jahre längere Laufzeiten

Berlin - Das Bundeskabinett hat das umstrittene Energiekonzept mit längeren Atomlaufzeiten beschlossen. Nach dem Willen von Union und FDP sollen die 17 Atomkraftwerke zwischen acht und 14 Jahre länger laufen. Damit würde der letzte Atommeiler nicht vor dem Jahr 2036 vom Netz gehen. SPD und Grüne hatten vor acht Jahren im Atomgesetz einen Ausstieg bis 2022 vereinbart.

Von den zusätzlichen Gewinnen der Betreiber will die Regierung im Gegenzug rund 30 Milliarden Euro abschöpfen - knapp die Hälfte soll in den Haushalt und zur Sanierung des maroden Atomlagers Asse fließen, der Rest in den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Die Koalition von Union und FDP hält längere Laufzeiten für nötig, um den Strompreis stabil zu halten und um den Umstieg auf erneuerbare Energien zu schaffen. Umstritten ist, ob der Bundesrat dem Laufzeit-Plus zustimmen muss. Schwarz-Gelb hat in der Länderkammer keine Mehrheit mehr und hält die im Schnitt zwölf Jahre längeren Laufzeiten für nicht zustimmungspflichtig im Bundesrat. Die Opposition hat deshalb Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht angekündigt.

Das Kabinett billigte noch weitere Punkte des Energiekonzepts: Bis 2050 soll der Ökostromanteil auf 80 Prozent steigen. Ein Schwerpunkt liegt im Energiekonzept bei der drastischen Einsparung von Energie, etwa durch das Dämmen von Gebäuden. In diesem Bereich wird 40 Prozent der Energie in Deutschland verbraucht. Nach Protesten von Hauseigentümerverbänden waren diese Bestimmungen aber deutlich aufgeweicht worden.

In der Nacht und am frühen Morgen hatten Greenpeace-Aktivisten an allen deutschen AKW-Standorten gegen die Laufzeitverlängerung demonstriert. Sie forderten Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) zum Widerstand auf.

anr/dpa/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
stephenmaturin 28.09.2010
Solche Themen mit langfristigen Auswirkungen, zu denen einmal ein Konsens gefunden wurde, eignen sich einfach nicht dafür, in jeder Legislaturperiode aus ideologischer Sicht neu entschieden zu werden. Bei diesen (wenigen) Themen muss sich jede (!) Regierung darauf verlassen können, dass ihre Nachfolger nicht alles wieder umkrempeln. Wäre ähnlich mit der Aussetzung der Wehrpflicht: Wenn sich nicht eine grundsätzlich andere Sicherheitslage einstellt, kann nicht die nächste Regierung die Aussetzung aussetzen und dann in vier Jahren wieder andersherum, in acht Jahren wieder Wehrpflicht, in zwölf keine Wehrpflicht...
2. ich hasse Titelzwang
amerlogk 28.09.2010
"Von den zusätzlichen Gewinnen der Betreiber will die Regierung im Gegenzug rund 30 Milliarden Euro abschöpfen - knapp die Hälfte soll in den Haushalt und zur Sanierung des maroden Atomlagers Asse fließen, der Rest in den Ausbau der erneuerbaren Energien." Wieviel wird die Asse kosten? 4 Milliarden, 5 Milliarden? Die wir als Steuerzahler tragen. Egal ob aus dieser oder einer anderen Quelle. Was soll ein Ausbau erneuerbarer Energien bringen, wenn man weder den Systemwechsel macht weg von großen Kraftwerken hin zu einem System der Dezentralisierung und Speicherung. Und dank Geheimvertrag werden es bestimmt keine 30 Milliarden Einnahme. Dazu was machen wir mit dem ganzen Mehranteil von Atommüll? Geschweige dessen das wir jetzt schonmal richtig guten Anteil Kosten für die Anti-Castor Demos rechnen können. Da wird es kein Stillhalten geben, und das ist gut so. Wer sich so als Regierung verhält... "Die Koalition von Union und FDP hält längere Laufzeiten für nötig, um den Strompreis stabil zu halten und um den Umstieg auf erneuerbare Energien zu schaffen. " Das ist doch die Lüge per se. Wir exportieren Strom, der Strompreis sinkt aber nicht. Dank Strombörse haben Strompreis und Strommenge nichts miteinander zu tun. Einen stabilen Strompreis für Erneuerbare schaft man durch ein Investitionsklima für selbige, damit genug aufgebaut werden. "Ein Schwerpunkt liegt im Energiekonzept bei der drastischen Einsparung von Energie, etwa durch das Dämmen von Gebäuden. In diesem Bereich wird 40 Prozent der Energie in Deutschland verbraucht. Nach Protesten von Hauseigentümerverbänden waren diese Bestimmungen aber deutlich aufgeweicht worden." Wir haben ja auch keine Regierung, sondern eine Umfallerkanzlerin die im Hintern jedes Wirtschaftsverbands steckt.
3. ...
Poqa' Ko 28.09.2010
Die Bundesregierung zeigt mit der Laufzeitverlängerung mal wieder ihr ganzes können. Ich hoffe ja mal, dass die Mehreinnahmen auf einem sicheren Konto deponiert werden. Wir müssen aufpassen, dass die Bank, die das Geld behüten soll, nicht in den nächsten 50 000 Jahren pleite geht. Nicht dass die Atommüll-Lagerkosten wohlmöglich auf uns arme Steuerzahler abgewälzt werden. Wenigstens kümmert sich die Regierung somit um Arbeitsplätze. Auch wenn die „Endlagermanager“ nur im Billiglohnsektor angesiedelt werden, die Stellen sind aber erst mal sicher.
4. Dieses Merkel-Kabinett mit ihrer pummeligen Cheerleaderin
Roßtäuscher 28.09.2010
Zitat von sysopDeutsche Atomkraftwerke sollen länger am Netz bleiben: Das schwarz-gelbe Kabinett hat die Verlängerung der Laufzeiten um bis zu 14 Jahre gebilligt. Die Opposition kündigte Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,719996,00.html
beharrt auf einer AKW-Laufzeitverlängerung. Möglich gemacht hat es wieder einmal Rot-Grün, weil sie nicht durchdacht und *schlampig wie immer,* die Ausstiegsklausel ausgearbeitet hatte. Schwarz-Gelb ist ohnehin das Zeichen für den Gefahrgut-Strahlenpropeller, welches niemand haben will. Deswegen gehört auch die Schwarz-Gelbe Merkel weg, für sie ist es ohnehin eine Farbentäuschung und Verschleierung, sie strahl doch lieber noch roter als Rot. Der Gang zum BVerfG scheint vorgezeichnet. Schön wäre, wenn das BVerfG ebenfalls feststellen könnte, dass eine Kanzlerstelle verfassungswidrig besetzt wäre.
5. Es ist erbärmlich um nicht zu sagen widerlich…
der hahn 28.09.2010
Für jeden verantwortungsvollen Bürger sind diese Vorgehensweisen eine schallende Ohrfeige auf das eh schon schwindende demokratische Bewusstsein. Hier wird, eigentlich mal nicht hinter verschlossenen Türen, präsentiert mit welcher Arroganz, Verantwortungslosigkeit und Machtgier Entscheidungen bzw. Vorraussetzungen geschaffen werden sollen, unter Zuhilfenahme grenzwertigst legitimer, geschweige denn moralisch vertretbarer Vergewaltigung unserer verfassungsmäßigen Gesetzgebung, um einer skrupellosen lobbyistischen Organisation ihr fast schon kriminelles Monopol zu sichern.
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Atomkraftwerke: Angst vor brüchigen Reaktorkesseln
Reaktordruckbehälter
Der Reaktordruckbehälter ist das Herzstück von Leichtwasserreaktoren, die als Druck- und Siedewasserreaktoren vorkommen. Im zylinderförmigen Druckbehälter befinden sich die Brennelemente aus Uranoxid und Wasser. Bei der Kernspaltung entsteht Wärme, die Wasser verdampfen lässt. Der Dampf treibt eine Turbine an, die mit Hilfe eines Generators Strom erzeugt.

Im Inneren des Behälters entsteht dabei ein Druck von etwa 70 bar - nur deshalb bleibt das Wasser bei einer Temperatur von knapp 290 Grad flüssig. Die Leistung des Reaktors wird durch Wasserumwälzpumpen und Steuerstäbe geregelt, die Neutronen absorbieren und so die Leistung drosseln können.

Falls es zu einem Leck im Druckbehälter kommt und die Pumpen den Wasserverlust nicht mehr ausgleichen können, werden die Brennstäbe nicht mehr gekühlt - es kommt zur Kernschmelze. Zudem würde das unter hohem Druck stehende Wasser bei einem Leck als Dampf aus dem Behälter schießen und ihn womöglich aus der Verankerung reißen.

Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
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In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
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Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.
Koalitionsvertrag zur Atomenergie
Brückentechnologie
"Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie, bis sie durch erneuerbare Energien verlässlich ersetzt werden kann. Andernfalls werden wir unsere Klimaziele erträgliche Energiepreise und weniger Abhängigkeit vom Ausland nicht erreichen. Dazu sind wir bereit, die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke unter Einhaltung der strengen deutschen und internationalen Sicherheitsstandards zu verlängern. Das Neubauverbot im Atomgesetz bleibt bestehen."
Laufzeitverlängerung
"In einer möglichst schnell zu erzielenden Vereinbarung mit den Betreibern werden zu den Voraussetzungen einer Laufzeitverlängerung nähere Regelungen getroffen (u. a. Betriebszeiten der Kraftwerke, Sicherheitsniveau, Höhe und Zeitpunkt eines Vorteilsausgleichs, Mittelverwendung zur Erforschung vor allem von erneuerbaren Energien, insb. von Speichertechnologien). Die Vereinbarung muss für alle Beteiligten Planungssicherheit gewährleisten."
Gewinnabschöpfung
"Der wesentliche Teil der zusätzlich generierten Gewinne aus der Laufzeitverlängerung der Kernenergie soll von der öffentlichen Hand vereinnahmt werden. Mit diesen Einnahmen wollen wir auch eine zukunftsfähige und nachhaltige Energieversorgung und -nutzung, z. B. die Erforschung von Speichertechnologien für erneuerbare Energien, oder stärkere Energieeffizienz fördern. Unabhängig davon streben wir eine angemessene Beteiligung der Betreiber an den Sanierungskosten für die Schachtanlage Asse II an."
Endlagerung
"Eine verantwortungsvolle Nutzung der Kernenergie bedingt auch die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle. Wir werden deshalb das Moratorium zur Erkundung des Salzstockes Gorleben unverzüglich aufheben, um ergebnisoffen die Erkundungsarbeiten fortzusetzen. Wir wollen, dass eine International Peer Review Group begleitend prüft, ob Gorleben den neuesten internationalen Standards genügt.

Der gesamte Prozess wird öffentlich und transparent gestaltet.

Die Endlager Asse II und Morsleben sind in einem zügigen und transparenten Verfahren zu schließen. Dabei hat die Sicherheit von Mensch und Umwelt höchste Priorität. Die Energieversorger sind an den Kosten der Schließung der Asse II zu beteiligen.

Mit Blick auf Endlagerstandorte setzen wir uns für einen gerechten Ausgleich für die betroffenen Regionen ein, die eine im nationalen Interesse bedeutsame Entsorgungseinrichtung übernehmen."


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