Altmaiers Mammutprojekt Energiewende: Der Ankündigungsminister
Der Umweltminister geht bei der Energiewende in die Offensive, er will den Ausbau von Ökoenergie reformieren. Doch das Vorzeigeprojekt der Bundesregierung stockt, die Kritik wächst. Auch Altmaier schiebt die Planungen hinaus - bis nach der Bundestagswahl.
Berlin - Wie man Windräder hässlich finden kann, das ist dem Umweltminister schleierhaft. Im Gegenteil, "ich halte Windräder durchaus für ästhetisch", schwärmt Peter Altmaier (CDU). "Einige Windräder sind eifrig bei der Arbeit", sinniert er, "andere sind eher lethargisch." Der Minister erntet Lacher im Publikum.
Wenn Altmaier erklären darf, ist er in seinem Element. Der 54-Jährige, der in Beliebtheitsumfragen regelmäßig Spitzenwerte einfährt, stellt an diesem Donnerstag seinen Zehn-Punkte-Plan zum Erneuerbaren-Energien-Gesetz, kurz EEG, vor. Die Reform des EEG ist ein Herzstück der schwarz-gelben Energiewende, mit der in den nächsten Jahren Stück für Stück der Ausstieg aus der Atomkraft eingeleitet werden soll.
Steigende Strompreiskosten zwingen den Umweltminister, am Mammutprojekt Energiewende Korrekturen vorzunehmen. Er verspricht, den Ausbau von Energie aus Sonne, Wind und Wasser künftig "in geordnete Bahnen zu lenken."
Altmaier bekennt sich bei der Vorstellung seines Konzepts klar zur Energiewende, die Reform sei "absolut notwendig und unumgänglich", betonte er. Wer versuche diese zu torpedieren, "der wird es mit diesem Umweltminister zu tun bekommen".
Starke Worte. Indes: Konkrete Vorschläge, wie es nun weitergehen soll mit den Erneuerbaren Energien im Speziellen und mit der Energiewende im Allgemeinen, macht der Minister nur wenige. Statt den Ökostrom-Anteil, wie bisher geplant, im Jahr 2020 auf 35 Prozent anzuheben, spricht Altmaier nun von 40 Prozent. Wie bei den Solaranlagen könne auch für Energie aus Windkraft und Biomasse eine Obergrenze festgelegt werden, ab der die staatliche Förderung eingestellt werde. Als ein Ziel nannte Altmaier die Verständigung darauf, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien "in gleichmäßigen Schritten zu erfolgen hat".
Ökostrom-Zulage auf Rekordniveau
Das klingt reichlich vage - aber der Minister gibt sich kämpferisch: "Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Energiewende richtig ist". Dabei mutiert die Energiewende, die nach der Katastrophe von Fukushima eilig konzipiert wurde, immer mehr zur Dauerbaustelle mit ungewissem Ausgang.
Als großer Hoffnungsträger startete Altmaier ins Amt. Doch große Fortschritte kann er bislang kaum vorweisen, zuletzt platzte eine Gesprächsrunde mit Parteien und Ländern zur Suche eines Atommüllendlagers. Mehr als aufgehübschte Punktepläne hat er bislang nicht vorzuweisen. Wann ein fertiger Gesetzentwurf zur Änderung des EEG im Bundestag verabschiedet werden soll, lässt Altmaier offen. Es soll erst einmal weiter geredet werden. Die konkreten Gesetzestexte sollen nach Abschluss "einer Diskussionsreihe", die für Ende Mai 2013 geplant ist, ausgearbeitet werden. "Qualität geht für mich vor Schnelligkeit", begründete Altmaier seinen Zeitplan. Mit einer Reform noch vor der Bundestagswahl ist kaum zu rechnen. Das Projekt dürfte im allgemeinen Wahlkampftrubel untergehen.
Die Verbraucher werden derweil zur Kasse gebeten. Denn eine Sache steht fest. Für die Deutschen wird Strom teurer - und zwar schon ab nächstem Jahr. Die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien wird nach dem geltenden Gesetz von derzeit rund 3,6 auf mehr als fünf Cent je Kilowattstunde wachsen. Das entspricht einer Steigerung um 47 Prozent. Kletternde Strompreise dürften auch im Bundestagswahlkampf für Zündstoff sorgen.
Doch sie sind nicht das einzige Problem für Merkels Ankündigungsminister:
Es hagelt Kritik: Die Energiewende spaltet die schwarz-gelbe Regierung, der Koalitionspartner FDP lässt derzeit keine Gelegenheit aus, um mit eigenen Ideen voranzupreschen. Um die Belastung der Bürger im Rahmen zu halten, wollen die Liberalen eine schrittweise Senkung der Stromsteuer durchsetzen. Die CSU zeigte sich offen, Unterstützung kommt von der Industrie. Aber Altmaier und Kanzlerin wollen von dem Vorstoß nichts wissen - der Umweltminister ruft stattdessen zum Stromsparen auf. Dazu bietet er allen Bürgern bis 2020 eine kostenlose Beratung an. Ein Vorstoß, der die aufgeheizte Stimmung kaum beruhigen dürfte.
Altmaier kann nicht allein entscheiden: Die Konkurrenz zwischen Umweltministerium und Philipp Röslers (FDP) Wirtschaftsministerium macht die Umsetzung der Reform noch schwerfälliger. Rösler sieht sich verantwortlich für den Netzausbau, Altmaier will Chef bei der Erweiterung erneuerbarer Energien sein. Aber beides ist nicht voneinander zu trennen. Lange schien Altmaier obenauf. Jetzt, wo er sich mit dem komplizierten EEG und Strompreisen rumschlagen muss, ist die Position des Umweltministers geschwächt. Am Donnerstag stellte Altmaier vorsorglich klar: "Der Reformfahrplan fällt in meine Zuständigkeit."
Die Länder stellen sich quer: Im Streit um die Kosten brechen alte Animositäten zwischen Nord und Süd auf. Die energiehungrige Industrie in Bayern und Baden-Württemberg spürt bei der steigenden EEG-Umlage jeden Cent - und lädt ihren Frust bei der Politik ab. Die Windindustrie in den Küstenländern verdient dagegen prächtig am Ökostrom-Boom, drängt auf einen Ausbau der Windräder. Die Binnen-Länder müssen sich auf gewaltige Hochspannungsleitungen einstellen, die Windenergie vom Norden in den Süden Deutschlands schaffen. Alles in allem ein Clash der Interessen.
Die Bürger sind verärgert: Die Ungerechtigkeiten, die die Energiewende mit sich bringt, sind immer schwerer zu erklären. Große Unternehmen mit hohem Energieverbrauch müssen zum Teil gar keine EEG-Zulage zahlen, Firmen nutzen zahlreiche Schlupflöcher der Ökostrom-Förderung. Sozialverbände klagen, dass Kosten und Risiken vor allem auf die Bürger abgewälzt würden. Am Donnerstag erklärte Altmaier, mögliche "Fehlentwicklungen" im Prozess müssten überprüft werden. Die Verantwortung für die Grundlagen aber schob er ab, der Großteil der Ausnahmen sei von Rot-Grün eingeführt worden. "Es ärgert mich maßlos, mit welcher Unsachlichkeit darüber diskutiert wird", sagt Altmaier - und schaltete auf Angriff: "Die Energiewende gibt es nicht zum Nulltarif."
Viele Probleme - für ihn im Grunde aber keine Hindernisse. Das scheint Altmaier demonstrieren zu wollen. Er fordert, dass das Ergebnis "nicht nur parlamentarisch, sondern auch gesellschaftlich getragen" werde. Will heißen - es wird dauern.
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- Donnerstag, 11.10.2012 – 17:57 Uhr
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Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.
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