Seehofer und die Energiewende Bayerns Angst vor der Monstertrasse

Die Bürger in Bayern fürchten Strommasten im Vorgarten - da eilt ihnen der Landesvater zur Hilfe. Horst Seehofer verspricht den Aktivisten in Oberbayern Widerstand. Dabei ist unklar, ob er bei dem Projekt überhaupt etwas zu sagen hat.

Von , Neuburg

CSU-Politiker Seehofer bei Stromtrassengegnern: "Alle Register ziehen"
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CSU-Politiker Seehofer bei Stromtrassengegnern: "Alle Register ziehen"


Dem oberbayerischen Neuburg-Bergen droht offenbar Fürchterliches. Von der "Monstertrasse" ist im Ort die Rede, wahlweise auch von der "Mördertrasse".

Gemeint ist die umstrittene Gleichstrompassage des Dortmunder Netzbetreibers Amprion, die schon bald durch das Gemeindegebiet führen könnte. Sie soll Strom in den Süden bringen. Seitdem grobe Planungen für den Verlauf der Trasse von Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt nach Meitingen im Landkreis Augsburg bekannt sind, machen sich die Bürger große Sorgen.

So auch Hunderte Stromtrassengegner, die sich am Freitag im Ortskern von Neuburg-Bergen versammelt haben. Fast jeder hält ein Plakat in den Händen, auf manchen wird vor dem "Tod unserer Region" gewarnt. So begrüßen sie Horst Seehofer.

Man werde sich notfalls mit einer Klage als letzter Möglichkeit gegen die Trasse wehren, donnert Oberbürgermeister Bernhard Gmehling ins Mikrofon, schließlich lebe man "in Deutschland und nicht in Timbuktu". Dann begrüßt er den bayerischen Ministerpräsidenten. Auch für den gibt es viel Applaus, aber auch Pfiffe sind zu hören.

Seehofers Urteil zur Trasse: "Nicht notwendig"

Das liegt wohl daran, dass Seehofers Einspruch gegen die Amprion-Trasse nicht jedermann schlüssig erscheint. Schließlich ist es so: Noch Mitte 2013 hatten Bundestag und Bundesrat mit Zustimmung Bayerns für das Bundesbedarfsplangesetz gestimmt. Darin sind Vorhaben genannt, "für die die energiewirtschaftliche Notwendigkeit und der vordringliche Bedarf bestehen". 36 Leitungen sind in dem Gesetz aufgelistet, darunter eben auch die Trasse von Bad Lauchstädt nach Meitingen - wenn planmäßig 2022 im Rahmen der Energiewende in Deutschland das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet wird, ist ein sicheres Netz nötig.

Seit Tagen klingt Seehofer aber so, als habe er das Amprion-Projekt bereits quasi im Alleingang beerdigt. Zunächst hatte er sich für eine Überprüfung der Ausbaupläne ausgesprochen. Dann sagte er, dass er "kaum noch Realisierungschancen" für die Trasse sehe. Seehofers Bedenken wuchsen gewissermaßen mit dem Protest in vielen bayerischen Orten.

Auch in Neuburg-Bergen lässt er keine Zweifel: "Ich persönlich und die bayerische Staatsregierung halten die Stromtrasse nicht für notwendig." Seehofer weckt Hoffnungen: Er wage die Prognose, "dass sie nicht kommen wird", sagt der CSU-Politiker über die Stromtrasse. Für dieses Ziel werde er "alle Register ziehen".

Nur liegt die Sache nicht unbedingt in den Händen des bayerischen Regierungschefs. Die Trasse nach Meitingen wird länderübergreifend geplant, für das Genehmigungsverfahren ist der Bund zuständig. Ob man nicht alles rückgängig machen könne, fragt ein Bürger den Ministerpräsidenten, als Seehofer Trassengegner per Handschlag begrüßt. Seehofer nickt ihm zu.

Klare Botschaft an Amprion

Geht es nach dem Willen des Ministerpräsidenten, dann werden nach dem Abschalten der Atommeiler in Bayern unter anderem weiter die vorhandenen Leitungen genutzt, die derzeit für den Atomstrom zur Verfügung stehen. Sie hätten eine Kapazität von 6000 Megawatt und seien "ja nach wie vor vorhanden", sagt Seehofer. Bayern strebe eine "dezentrale Energieversorgung" an.

Es ist derzeit nur völlig unklar, ob es dem Freistaat gelingen wird, die alten Atomkraftwerke selbst zu ersetzen. Klappt dies nicht, würde wohl kein Weg an der umstrittenen Gleichstromtrasse vorbeiführen. Und dann kämen auch die bis zu 70 Meter hohen Masten, die viele Bürger nicht wollen. "Wir wären von allen guten Geistern verlassen, wenn wir diese wunderschöne Landschaft beschädigen oder zerstören würden", sagt Seehofer in Neuburg. Gleichwohl stehe er "zu 100 Prozent hinter der Energiewende".

Der 64-Jährige ermuntert die örtliche Bürgerinitiative, weiter zu kämpfen. "An Ihnen vorbei sind solche Sachen nicht zu machen", sagt der Ministerpräsident. Und natürlich bringt er auch wieder den Satz, dass es für ihn "keine Schande" sei, Politik nach dem Willen der Bevölkerung zu machen. Damit begegnet Seehofer immer wieder den Kritikern, die dem CSU-Politiker vorwerfen, seine Positionen schnell zu wechseln, wenn sich Unmut in der Bevölkerung bemerkbar macht.

Zum Abschluss gibt es noch ein Foto: Seehofer mit Aktivisten vor einem Transparent, auf dem gegen die "Monstertrasse" protestiert wird. Die Botschaft dürfte auch bei Amprion angekommen sein.



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samoa32 04.04.2014
1. Es gibt Altenativen
Früher sind Unternehmen dort hingezogen wo sie an Ihre Rohstoffe kamen, so die Eisenindute, die Kohle unsw. Dadurch kam das Rurgebiet zustande. Warum zieht die Industrie, die billigen Strom will nicht in den Norden wo jetzt bereits Strom (Windkraft) ausreichend zu haben ist. Das wird allerdings Herrn Seehofer auch nicht gefallen. Die Industrie droht doch immer mit einem Wegzug wenn die Steuern oder die Kosten zu hoch sind. Dabei zieht das Ausland mit den Kosten auch hoch. Was wäre denn das geringere Übel?
pelikan10 04.04.2014
2. Wie üblich!
Ich will alles, aber nicht in meinem Garten. Leider ein ganz normales Verhalten, was uns aber nicht wirklich weiter bringt. Kein Strom, kein gar nichts. Naja jedenfalls fast. Keine Infrastruktur, kein Strom.... Und Infrastruktur kostet immer...... auch Landschaft, leider.
Malshandir 04.04.2014
3. Standortfrage
Also, da nun politisch der Strom im Norden erzeugt wird, ist es notwendig, dass die Industrien umziehen, da die Leute zu sehr protestieren Nun dann muessen auch die Arbeitnehmer umziehen oder sind arbeitslos. Dann wird Bayern zum Problemfall und der Nordern freut sich. Und der mobile Arbeitnehmer wird ja verlangt.
wardawer? 04.04.2014
4. Alternativen
Finde ich komplett in Ordnung! Wenn die Bayern das nicht in ihrem Vorgarten sehen wollen, ist das absolut verständlich. Alternativ sollte man ihnen hier einfach das nächste Atommüllendlager hinsetzen.
Privatier 04.04.2014
5. SPIEGELs Mahnung zu Wald, Land & Flur zerstückeln- & zerschneidenden Monstertrassen..
Zitat von sysopDPADie Bürger in Bayern fürchten Strommasten im Vorgarten - da eilt ihnen der Landesvater zur Hilfe. Horst Seehofer verspricht den Aktivisten in Oberbayern Widerstand. Dabei ist unklar, ob er bei dem Projekt überhaupt etwas zu sagen hat. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/energiewende-seehofer-kuendigt-kampf-gegen-gleichstromtrasse-an-a-962682.html
...klang in guter alter Zeit noch unvergleichbar naturschützender und -verträglicher. Ja wie eine Stimme aus völlig anderen Köpfen in einer anderen Welt: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14354828.html Die Eindeutigkeit des Artikels läßt nahezu keine Frage offen, was ökologisch vertretbar und vernüftig ist, und belegt im Vergleich zu der heute als alternativlos heilversprechended maingestreamten Position allerbestens, wie die moderne Wahnvorstellung einer Wind und Sonne ausgelieferten "Schönwetterstromversogung" den Vollbesitz von den unsere Zukunft per EEG verzockenden und verbauenden Geistern ergriffen, und jedes früheres Verantwortungsbewußtsein ersatzlos verdrängt hat. Bis auf die eine, letzte Frage, ob für diese schlagenmenschartige Flexibilität tatsächlich nur eine Wende ausreichte oder vielmehr eine vollständige Häutung erforderlich war. MfG
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