Peter Altmaier und die Energiewende Der Bundesumarmungsminister

Er wandert durchs Watt, füttert Seehunde, inspiziert Windräder im Meer: Seit Peter Altmaier Umweltminister ist, tourt er durchs Land, auf der Suche nach dem richtigen Rezept für die Energiewende. Mancher beäugt ihn misstrauisch - auch in der eigenen Koalition.

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Von , Friedrichskoog und Bremerhaven


Der Schlick schmatzt unter Peter Altmaiers nackten Füßen. Bis zu den Knöcheln sackt er ein, die hochgekrempelte Hose ist verdreckt, das blaukarierte Hemd klitschnass. Dem Mann rinnt der Schweiß von der Stirn, er blinzelt in die tief stehende Sonne. Der Weg zur Energiewende ist beschwerlich. Vor allem wenn der Bundesumweltminister ausgerechnet am heißesten Tag des Jahres zur Wattwanderung aufbricht.

Peter Altmaier, 54, ist auf Sommerreise. So nennen Politiker ihre Trips durchs Land, die sie im Juli und August abseits des Tagesgeschäfts unternehmen. Um schöne Bilder geht es dabei. Warum Altmaier noch eine Sommerreise macht, ist nicht ganz klar - der CDU-Politiker ist eigentlich dauernd unterwegs, seit er das Amt vor bald hundert Tagen übernommen hat. Kreuz und quer tourt er durch die Republik, um im Auftrag von Kanzlerin Angela Merkel das einzige Prestigeprojekt dieser schwarz-gelben Regierung voranzutreiben: die Energiewende.

Dass sich etwas tut, ist am deutlichsten im Norden zu sehen: endlose Maisfelder für den Biosprit, Scheunendächer zugepflastert mit Solarpaneelen und Windräder, wohin das Auge reicht: auf dem Land, aber auch weit draußen vor der Küste. Altmaier hat sich an diesem glühend heißen Augusttag an die Nordsee aufgemacht, um sich die Fortschritte anzusehen - aber auch die Probleme. Etwa, welche Folgen der Bau von Offshore-Windparks für die Tierwelt hat.

141 Kilo? "Die Waage ist nicht geeicht"

Also ab ins Weltnaturerbe Wattenmeer. Vor Friedrichskoog lauscht der Minister der jungen Führerin, was es mit Wattschnecke, Wattwurm und Strandkrabbe auf sich hat, lässt sich geduldig von den Fotografen für das Foto mit der schönsten Sonnenspiegelung in Szene setzen. Doch ganz geheuer ist dem Minister der Ausflug nicht. Vorsichtig tastet er sich durchs rutschige Gelände. Auf keinen Fall will er den Reportern ein Bild bieten, das irgendwann einmal symbolhaft gegen ihn verwendet werden könnte: wie er der Länge nach ins schmierige Watt stürzt.

Mit Eitelkeit hat das wenig zu tun. Optisch ist der schwergewichtige Saarländer so ziemlich das Gegenteil seines telegen daherkommenden Vorgängers Norbert Röttgen. Ein Problem hat Altmaier damit nicht, gern kokettiert er mit seiner Vorliebe für gutes Essen und seiner "barocken Erscheinung", wie er seine Leibesfülle selbst umschreibt.

Natürlich hat er bei mehr als 30 Grad zu kämpfen, aber seine gute Laune verliert er nie. Als die Reisegruppe beim Rundgang durch die Seehundstation vor der Robbenfütterung an einer Waage vorbeikommt, auf der Besucher ihr Gewicht mit dem eines Seehunds messen können, steigt Altmaier hinauf. Die Anzeige schnellt auf 141 Kilo. Bevor sich das Gewicht einpendelt, verlässt er die Plattform lieber wieder. "Die Waage ist nicht geeicht", sagt er und lacht.

Bei den meisten kommt die selbstironische und offene Art an. Hunderte Gespräche hat der ehemalige Fraktionsmanager der Union seit Amtsantritt geführt - vom Umweltaktivisten bis zum Atomlobbyisten. Auch das ist ein Unterschied zum kontaktscheuen Röttgen. Manche aber finden Altmaiers Umarmungsstrategie verdächtig, auch in den Reihen der Koalition. Zu grün, sagen die einen, zu wirtschaftsfreundlich die anderen. Altmaier ficht das nicht an: "Ich will Ökologie und Ökonomie aussöhnen", sagt er.

Als Erster zum Offshore-Windpark

Dass Altmaier längst zum Gesicht der Energiewende geworden ist, beäugt man gerade im Bundeswirtschaftsministerium misstrauisch. Altmaier sagt dazu nichts, er genießt lieber still, dass sich der ebenfalls zuständige Philipp Rösler (FDP) über seine Omnipräsenz aufregt. Gleichzeitig versäumt er es nicht, sich vom Kollegen abzusetzen, ohne ihn offen anzugreifen. Wenn der FDP-Chef den Naturschutz zugunsten des Netzausbaus in Frage stellt, betont Altmaier, wie wichtig Rücksicht auf Flora und Fauna ist. Wenn Rösler eine schnelle Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) fordert, warnt Altmaier vor "Schnellschüssen".

Den Umweltminister dürfte es auch gefreut haben, dass sein Besuch des Offshore-Windparks "Alpha Ventus" in der Nordsee auf Anhieb klappt, während Rösler es wegen schlechten Wetters nicht im ersten Versuch geschafft hatte. Am Tag nach der Wattwanderung schwebt der CDU-Politiker auf einer Plattform 45 Kilometer nordwestlich von Borkum ein. "Was Sie hier leisten, ist ein tolles Beispiel für deutsche Ingenieurskunst", lobt er die Betreiber - um gleich im nächsten Atemzug den schleppenden Netzausbau zu rügen. Der fällt in Röslers Zuständigkeit. Tags darauf, beim Besuch des niedersächsischen Umspannwerks Dörpen, legt Altmaier bei der Verlegung eines 320-Kilovolt-Erdkabels symbolisch selbst Hand an.

Doch die Probleme bei der Energiewende sind nicht nur die Probleme der anderen. Allein die Summe der Windräder und Solaranlagen macht es nun mal nicht. Der Minister muss den Bau neuer Anlagen besser koordinieren, zwischen Nord und Süd, zwischen Land und Wasser. "Wir müssen die Energiewende zu 100 Prozent umsetzen", sagt Altmaier, "aber nicht an einem Tag." Es ergibt nun mal keinen Sinn, immer neue Windräder zu bauen, die sich dann wegen fehlender Anschlüsse nicht drehen.

Sorge um den Strompreis

Und dann ist da noch die Sache mit den Kosten: Mit Sorge blickt der Minister auf die Einspeisevergütung für Ökostrom, die die Strompreise in die Höhe treibt - was gerade im Wahljahr 2013 gefährlich für die Regierung werden könnte. Trotzdem hält Altmaier nichts von Feuerwehrmaßnahmen, wie einer Absenkung der Stromsteuer oder einem niedrigeren Mehrwertsteuersatz. Er setzt lieber auf landesweite Absprachen, die den Windradwildwuchs bremsen sollen. Dazu sollen die Verbraucher das Stromsparen bei einer kostenlosen Energieberatung lernen. Nicht wenige zweifeln, dass das wirklich funktioniert.

Zweifler aber mag Altmaier nicht. Begeistert schwärmt er von visionären Ideen, Windräder per Helikopter im Wald abzusetzen oder Elektrobusse an den Haltstellen aufzuladen, wann immer der Strom gerade billig ist. Vielleicht seien das "Schnapsideen", sagt Altmaier. Vielleicht aber auch nicht. Sein Credo: Lasst es uns wenigstens versuchen!

Mit Euphorie allein aber ist die Energiewende nicht zu schaffen. Irgendwann muss sich Altmaier nicht mehr an Worten, sondern an harten Fakten messen lassen. Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht, im nahenden Wahlkampf könnte sein "konsensorientierter Politikstil" schnell an Grenzen stoßen. Wann wäre er gescheitert? Sein Arbeitsprogramm bis zur Wahl hat er im Punkt Energiewende vage gehalten. Doch mit seinen offensiven Auftritten weckt er Erwartungen. Erwartungen, die enttäuscht werden können.

Aber daran will Altmaier, für den es in seiner Karriere bisher nur nach oben ging, vorerst nicht denken, zumindest nicht öffentlich. Die Energiewende, das weiß auch der Minister, ist ein Balanceakt. So wie die Wanderung im Watt. Als er die sturzfrei überstanden hat, sagt Altmaier: "Es war viel angenehmer, als ich mir vorgestellt habe."

Mit Material von dpa

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Seite 1
mexi42 21.08.2012
1. Politik ...
als Theater. Schaumschlägerei.
derweise 21.08.2012
2. Merkel muss
Zitat von sysopDPAEr wandert durchs Watt, füttert Seehunde, inspiziert Windräder im Meer: Seit Peter Altmaier Umweltminister ist, tourt er durchs Land, auf der Suche nach dem richtigen Rezept für die Energiewende. Mancher beäugt ihn misstrauisch - auch in der eigenen Regierung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851144,00.html
Merkel muss das EEG abwickeln, ebenso wie den Euro. Dann wird sie 2013 gewählt!
capitain_future 21.08.2012
3. Mr.Holiday Minister
Es ist schon romantisch mit unseren Minister durch die Weiten der Nordsee Stränden zu laufen,während sich in den Ghetto seiner Großstädte der Plastik Müll tonnenweise per Gelber Sack stapelt. Die Windkraft als Deutschlands Vorzeige Projekt zu präsentieren,während tausende LKWs jeden Tag fette Plastikverpackungen für einige hundert Gramm Fleisch,Gurkengläser oder 40 Tonner mit 500 gramm Bierflaschen bepackt sind. Aber Recycling wohl ein Fremdwort für die Industrie samt Hersteller ist. Wir haben 2012 und haben gleichzeitig alle Möglichkeiten überflüssige Verpackung und Energieverschwender endlich aus den Verkehr zuziehen,ohne das dabei irgendein Qualitätsverlust eintritt außer das Müllverbrennungsanlagen nicht mehr viel zu verbrennen haben.
_gimli_ 21.08.2012
4.
Zitat von sysopDPAEr wandert durchs Watt, füttert Seehunde, inspiziert Windräder im Meer: Seit Peter Altmaier Umweltminister ist, tourt er durchs Land, auf der Suche nach dem richtigen Rezept für die Energiewende. Mancher beäugt ihn misstrauisch - auch in der eigenen Regierung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851144,00.html
Um tragbare Konzepte für die Energiewende zu finden, muss man erst mal zumindest die Grundlagen der Energieversorgung verstehen. Letzte Woche habe ich einen Beitrag gelesen, in dem jemand schrieb, der Verbrauch von in Bayern erzeugtem Strom in Berlin sei schon eine Bezuschussung bayerischer PV-Anlagen durch berliner Bürger. Dass kein einziges Elektron in Bayern erzeugtem Stroms in Berlin ankommt ist dem Normalbürger halt nicht klar. Wer versteht in der Bevölkerung schon die Auswirkungen und Voraussetzungen von EE wie für Netzausbau, Schaffung von Speicherkapazität etc. Meine Eltern schauen mich auch immer groß an, wenn ich ihnen erkläre, dass sich der Strompreis bei weiträumigem Einsatz vom EE locker verdoppeln wird. So ist es nun mal, wenn man die Sache fundiert betrachtet.
no-panic 21.08.2012
5.
Tolle Bilder. Toller Urlaub. Wann kommen Ergebnisse, Entscheidungen?
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