Umweltminister Altmaier zu Energiewende: Zehn Punkte, Späßchen und ein Fauxpas

Die Energiewende stockt, Peter Altmaier will ihr neuen Schwung verleihen: Bei der Vorstellung seines politischen Programms legt der neue Umweltminister ein Bekenntnis zum Atomausstieg ab und schildert seine Pläne für die kommenden Monate. Mit einer kleinen Peinlichkeit sorgt er kurzzeitig für Irritationen.

Umweltminister Altmaier (CDU): "Der Abschied von der Kernenergie ist endgültig" Zur Großansicht
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Umweltminister Altmaier (CDU): "Der Abschied von der Kernenergie ist endgültig"

Berlin - Ausgerechnet Norbert Röttgen. Als der neue Umweltminister Peter Altmaier sich am Morgen in die Tradition seiner Vorgänger stellte und fünf von ihnen namentlich erwähnte, fehlte nur der letzte. Prompt hieß es bei Twitter: "Der @peteraltmaier hat grad den Röttgen verschwiegen bei der Aufzählung der ehemaligen Umweltminister. So schnell kann's gehen."

Twitter-Fan Altmaier sah die Nachricht auf seinem Handy - und korrigierte sich umgehend. Natürlich habe auch der Name Röttgen auf seinem Sprechzettel gestanden, dieser habe sich große Verdienste erworben und sei ein langjähriger politischer Weggefährte von ihm. "Das ist geschehen in der Hitze des Gefechts", entschuldigte sich Altmaier vor dem leicht irritierten Publikum.

Ob Absicht oder nicht - die Szene hat eine gewisse Symbolik. Altmaier will sich abgrenzen vom Stil und der Herangehensweise seines Vorgängers. Er will transparenter vorgehen, kommunikativer, er will die Energiewende endlich in Schwung bringen. Ob der 53-Jährige das schafft, ist ungewiss. Zu unterschiedlich scheinen die Interessen von Bund und Ländern, von Parteien und Bürgern.

Aber CDU-Mann Altmaier will sich davon nicht beeindrucken lassen. Die Energiewende könne gelingen, betonte der Bundesumweltminister am Donnerstag bei der Vorstellung seines politischen Programms mit Blick auf Zweifler in den eigenen Reihen. "Wir dürfen keinen Zweifel daran lassen, dass wir diesen Weg gehen. Der Abschied von der Kernenergie ist definitiv und endgültig." Allerdings müssten der Netzausbau und der Ausbau von Solar- und Windkraft Hand in Hand gehen. Zudem müsse man den Strompreis im Auge behalten, sagte der Saarländer. "Wir haben immer gewusst, dass die Energiewende nicht zum Nulltarif zu haben ist."

"Das Thema Klimaschutz ist für mich ein Herzensanliegen"

Er wolle auch den Klimaschutz wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken, sagte Altmaier: "Das Thema Klimaschutz ist für mich ein Herzensanliegen." Daher werde er sich Mitte Juni auch beim Uno-Umweltgipfel in Rio de Janeiro und auf EU-Ebene für ehrgeizige Ziele einsetzen. Deutschland würde gerne die Ziele bei der Minderung klimaschädlicher Treibhausgase von 20 auf 30 Prozent bis 2020 (im Vergleich zu 1990) hochschrauben. Das Kohleland Polen sperrt sich aber dagegen.

Bis zum Sommer will Altmaier ein Zehn-Punkte-Programm vorlegen mit Vorhaben, die er noch bis zur Bundestagswahl 2013 umsetzen will. Altmaier gab ein klares Bekenntnis zur Photovoltaik ab, die für ihn ein Erfolgsgarant für das Gelingen der Energiewende ist. Ein mögliches Preisdumping chinesischer Firmen müsse untersucht werden. Ziel sei es, "einen wettbewerbsfähigen Kern" in Deutschland zu erhalten.

Über die umstrittene Kürzung der Solarförderung wollen Bund und Länder erstmals am 12. Juni im Vermittlungsausschuss reden - Altmaier will eine Einigung bis zur Sommerpause. Die Länder dringen auf weniger starke Kürzungen. Auch bei einem weiteren Vermittlungsverfahren, dem Streit um einen Steuerbonus von 1,5 Milliarden Euro für energetische Gebäudesanierungen, sieht Altmaier Chancen für eine Einigung bis zum Sommer.

Für ein wenig Heiterkeit sorgte Altmaier ebenfalls. Auf die Frage, ob er Angst habe, von unterschiedlichen Interessen im Energiebereich zerrieben zu werden oder als Minister abzuheben, antwortete der stämmige Altmaier: "Beide Befürchtungen scheinen mir aufgrund meiner gegenwärtigen Konstitution unberechtigt." Den Anwesenden gefiel das Späßchen.

Altmaier läuft Töpfer über den Weg

Mit Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) wolle er einen intensiven, ständigen Gedankenaustausch pflegen. In der Vergangenheit war es immer wieder zu Reibereien zwischen beiden Häusern gekommen: "Ich möchten Ihnen und uns wochenlange Diskussionen ersparen, welcher Minister sich durchsetzt", sagte Altmaier.

Am Freitag wird der Minister bereits das marode Atommülllager Asse bei Wolfenbüttel besuchen, um sich über einen drohenden massiven Verzug bei der Bergung radioaktiver Abfälle zu erkundigen. "Wir dürfen solche offenen Wunden in der Natur nicht einfach hinnehmen, vor allem wenn sie von Menschen verursacht worden sind." Im neuen Amt wolle er auf ein Höchstmaß an Transparenz setzen. Es gehe nicht um große Revolutionen, sondern um Fortschritte "Schritt für Schritt".

Trotz sinkender Wahlbeteiligung glaube er, dass es ein enormes politisches Interesse an Umweltthemen gebe. Altmaiers Vorgänger Röttgen war von Kanzlerin Angela Merkel nach seiner Wahlschlappe als CDU-Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen entlassen worden. Röttgen hatte Atomausstieg und Energiewende maßgeblich mit angestoßen und wesentliche Projekte in diesem Bereich auf den Weg gebracht.

Einen anderen seiner Vorgänger traf er dann noch überraschend beim Verlassen der Bundespressekonferenz persönlich: Als Altmaiers gerade vom Hof brauste, spazierte Klaus Töpfer die Einfahrt hoch, der das 1986 gegründete Ministerium von 1987 bis 1994 führte. Prompt ließ Altmaier den Wagen anhalten, stieg aus, rief "Lieber Herr Töpfer" und eilte dem 73-Jährigen entgegen.

vme/dpa

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1. optional
uwhin 31.05.2012
Gevatter Freud läßt grüßen.
2. Die
crocodil 31.05.2012
brauchen sich keine Sorgen über steigende Strom oder anderen Energiepreise zu machen.Bekommen ihr Haus mit Videoüberwachung Dienstwagen Strom und Heizgeld.Evtl. sogar noch Haushalterinnen .Zahlt ja alles der Staat - also wir - Was soll das ganze mit dem Atomausstieg. Andere Länder denken da anders. Ich gehe davon aus, dass in ein paar Jahren wieder umgedacht wird. Aber man kann ja sein Fähnchen immer gegen den Wind drehen in der Politik. Was ist aus der SPD geworden, die in den 70er für einen raschen Atomstrom plädiert hat. - Nichts- Aber man will ja keine Wähler verlieren. Umdenken hat ja auch was für sich.
3. nicht meckern...
auweia 31.05.2012
Zitat von crocodilbrauchen sich keine Sorgen über steigende Strom oder anderen Energiepreise zu machen.Bekommen ihr Haus mit Videoüberwachung Dienstwagen Strom und Heizgeld.Evtl. sogar noch Haushalterinnen .Zahlt ja alles der Staat - also wir - Was soll das ganze mit dem Atomausstieg. Andere Länder denken da anders. Ich gehe davon aus, dass in ein paar Jahren wieder umgedacht wird. Aber man kann ja sein Fähnchen immer gegen den Wind drehen in der Politik. Was ist aus der SPD geworden, die in den 70er für einen raschen Atomstrom plädiert hat. - Nichts- Aber man will ja keine Wähler verlieren. Umdenken hat ja auch was für sich.
...selber Politiker werden. Dann klappt's auch mit der Haushälterein... ;-)
4.
liesalott 31.05.2012
Zitat von crocodilWas soll das ganze mit dem Atomausstieg. Andere Länder denken da anders. Ich gehe davon aus, dass in ein paar Jahren wieder umgedacht wird. Aber man kann ja sein Fähnchen immer gegen den Wind drehen in der Politik. Was ist aus der SPD geworden, die in den 70er für einen raschen Atomstrom plädiert hat. - Nichts- Aber man will ja keine Wähler verlieren. Umdenken hat ja auch was für sich.
Und, was ist Ihre Alternative? Ist Ihnen bekannt, was heute ein neues AKW kostet? Sie wissen schon, dass RWE und E.On in GB aus dem Neubau ausgestiegen sind, weil es unrentabel ist?
5.
nach.denker 31.05.2012
Zitat von liesalottUnd, was ist Ihre Alternative? Ist Ihnen bekannt, was heute ein neues AKW kostet? Sie wissen schon, dass RWE und E.On in GB aus dem Neubau ausgestiegen sind, weil es unrentabel ist?
Ihnen ist bekannt, was der Ausbau identischer Leistung in erneuerbarer Energie kostet? Sie wissen schon, dass Photovoltaik in absehbarer Zeit nicht rentabel sein wird und nur durch massive und unnütze Subventionen am Laufen gehalten wird? Windkraft kratzt grad mal so an der Wirtschaftlichkeit... ...und nebenbei: ---Zitat--- Bei der Entscheidung sei es nicht um die Frage gegangen, ob sich die Investitionen in neue Kernkraftwerke am Ende rechneten. Das dürfte weiterhin sogar der Fall sein. (Atomenergie: Eon und RWE geben britische AKW-Pläne auf - Finanz-News - FOCUS Online - Nachrichten (http://www.focus.de/finanzen/finanz-news/atomenergie-rwe-und-eon-geben-britische-akw-plaene-auf-_aid_730028.html)) ---Zitatende---
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Marodes Lager Asse: Atomfässer, wohin das Auge reicht
Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.