Energiewende im Bayerischen Wald Wutwelle am Berg

In ihren Programmen fordert die CSU Pumpspeicher für die Energiewende. Doch Bayerns Regierung bremst Investoren aus, die sie bauen wollen - wie zum Beispiel Amir Roughani.

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Unternehmer Roughani: "Ich bin ein Kämpfer"
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Unternehmer Roughani: "Ich bin ein Kämpfer"


Mit gerade mal elf Jahren wurde Amir Roughani aus dem iranischen Isfahan in ein Flugzeug nach Berlin gesetzt, zu seinem dort lebenden Bruder. "Mach was draus", gaben seine Eltern ihm mit auf den Weg, dazu umgerechnet rund 100 Euro Startkapital.

Amir enttäuschte seine Eltern nicht. Nach einem Studium zum Wirtschaftsingenieur und Stationen beim Pharmakonzern Schering und dem Medienimperium Kirch machte er sich vor gut zehn Jahren selbständig. Heute ist der einstige Flüchtling ein erfolgreicher Unternehmer. Wirtschaftsprüfer kürten ihn kürzlich sogar zum "Entrepreneur des Jahres".

Seine Firma Vispiron beliefert die Auto- und Solarindustrie und setzt mit 360 Mitarbeitern knapp 45 Millionen Euro um. Künftig sollen es noch mehr werden. Roughani möchte in Deutschland eine neue Generation von Pumpspeicherkraftwerken bauen, die das Landschaftsbild möglichst wenig stören sollen.

Solche Anlagen gelten als wichtiger Baustein der Energiewende, weil sie helfen, witterungsbedingte Schwankungen bei der Stromproduktion auszugleichen. Wird zu viel Elektrizität erzeugt, weil die Sonne vom Himmel strahlt oder der Wind kräftig bläst, befördern riesige Pumpen Wasser mehrere hundert Meter hoch in ein eigens angelegtes Bergbecken. Ist dagegen zu wenig Strom im Netz, rauschen die Wassermassen durch Rohre wieder zu Tal und treiben dabei eine Turbine zur Stromgewinnung an.

Bayerns Regierung hält das Vorhaben für überflüssig

Roughanis erstes derartiges Projekt soll im Bayerischen Wald entstehen, und zwar neben dem Berg Osser in der Gemeinde Lam. Investoren für das bis zu 100 Millionen Euro teure Vorhaben hat er schon gefunden. Doch ausgerechnet seinem Vorzeigeprojekt unweit der tschechischen Grenze droht nun das vorzeitige Aus.

Die bayerische Staatsregierung hält Roughanis Vorhaben für überflüssig und würde es am liebsten verhindern - ähnlich wie jene Stromtrassen, die vom windreichen Norden ins industriestarke Bayern führen. Dabei zählte Ministerpräsident Horst Seehofer zu den Antreibern beim Atomausstieg und den Verfechtern der Energiewende. Auch im Koalitionsvertrag und im Regierungsprogramm der CSU werden Speicheranlagen als wichtiges Instrument der Energiewende gelobt.

Doch Seehofer war schon immer wendig, wenn er das Gefühl hatte, das gesunde Volksempfinden gegen sich zu haben - wie derzeit im Bayerischen Wald. Ein Aktionsbündnis hat über 8000 Stimmen gegen das Klein-Pumpspeicherkraftwerk am Osser gesammelt. Dabei hat der Ort Lam selbst nur gut 2500 Einwohner.

Das Projekt gefährde die Umwelt, den Tourismus und die Anwohner, argumentieren die Gegner. Außerdem liege es viel zu nah an einigen Wohnhäusern, sodass den Eigentümern ein empfindlicher Wertverlust drohe. Derartige Eingriffe in die Natur, resümiert ein Sprecher der Initiative, seien "heutzutage unter keinen Umständen zu rechtfertigen". Im Übrigen sei der Ausstieg aus der Atomenergie auch ohne Pumpspeicherkraftwerke zu stemmen.

"Hilfe, der Osser ist in Gefahr"

Die Wutwelle gegen das Projekt am Osser zeigt einmal mehr, wie schwer es Investoren in Deutschland haben, ihre Pläne für die Energiewende durchzusetzen. In Lam wird der gebürtige Iraner nun abwechselnd als geldgieriger Kapitalist oder Umwelt- und Naturzerstörer geschmäht.

Dabei hat sich der Unternehmer durchaus bemüht, sein Vorhaben so umweltschonend wie möglich auszulegen. Volle zwei Jahre lang, von 2012 bis 2014, prüften seine Experten insgesamt mehr als 300 mögliche Varianten für die Kombination eines Ober- und Unterbeckens im bergigen Gelände.

Schließlich fanden sie einen Standort, der die natürliche Umgebung weitgehend intakt lässt. Für den oberen See wollen sie ein Gebiet im sogenannten Herrenwald unweit des Ossers nutzen. Es wurde einst vom Orkan Kyrill verwüstet, zudem führt bereits eine Forststraße dorthin.

Das untere Becken soll in einer Senke unweit des Ortsteils Buchetbühl angelegt werden. Bis in die Achtzigerjahre wurde dort Schluff abgebaut, ein körniger Sand. Auch dort kann, ähnlich wie oben am Berg, vorhandenes Erdreich genutzt werden, um Wall und Stützmauern aufzuschütten.

Selbst der Transport des Stroms würde keine Probleme bereiten. In der Region gibt es bereits eine fertige Hochspannungsleitung, die freie Kapazitäten hat.

Bürgerentscheid im Juli abgehalten werden

Die Bewohner des Bayerischen Waldes kann all das nicht milde stimmen. "Hilfe, der Osser ist in Gefahr", heißt es auf ihren Transparenten, in denen sich die Sorge widerspiegelt, am Gipfel könne womöglich gesprengt werden. "Das war und ist nicht geplant", beteuert Roughani. Er hofft noch immer, die Bevölkerung und die bayerische Staatsregierung umstimmen zu können.

Im Juli soll nun erst einmal ein Bürgerentscheid abgehalten werden. Das Ergebnis ist allerdings für das bevorstehende Raumordnungsverfahren rechtlich nicht bindend. In den nächsten Wochen will Roughani bei den Behörden zunächst einen sogenannten landschaftspflegerischen Begleitplan vorlegen, der Ausgleichs- und Bepflanzungsmaßnahmen rund um das Areal beschreibt. Danach sollen die restlichen Unterlagen für das Vorhaben eingereicht werden. Sollten Seehofer und Co. Druck machen, den Antrag abzulehnen, will Roughani möglicherweise klagen. Der Baubeginn würde sich dann allerdings um Jahre verzögern.

Seit seiner Ankunft in Deutschland wurde Roughani fast überall mit offenen Armen aufgenommen. Nun schlägt ihm auf einmal Skepsis, ja Feindseligkeit entgegen. Aufgeben will er trotzdem nicht. "Ich bin ein Kämpfer", versichert er.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Experten hätten insgesamt mehr als 30.000 mögliche Varianten für die Kombination eines Ober- und Unterbeckens im bergigen Gelände geprüft. Tatsächlich handelte es sich um 300 mögliche Varianten. Der Bürgerentscheid soll zudem im Juli und nicht im Juni stattfinden. Wir haben die entsprechenden Textstellen geändert.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
stefanbodensee 18.05.2015
1. Horst - das Fähnchen
Ja, mit Wendehals Seehofer war schon immer viel Freund und Leid verbunden - er dreht sich wie das Fähnchen im Wind. Zuerst Ausstieg aus der Atomenergie - und danach gegen eine Infrastruktur, welche die zukünftige Stromversorgung unterstützt. Erinnert mich an selige Anti-AKW Zeiten in den 80ern. Damals gabs einen Aufkleber mit einem bärtigen Sponti drauf und dem Spruch 'für mich kommt der Strom noch aus der Steckdose...'. Heute sind es eben die üblichen Wutbürger, die zwar gerne Strom nutzen, aber nicht bereit sind, sich in irgendeiner Form auch für dessen Infrastruktur einzusetzen. Getreu dem Motto - Energiewende ja - aber nicht in meiner Gegend. Diese Herrschaften sind für logische und nachvollziehbare Argumente meist nicht zu haben, sondern kreieren stattdessen wilde Szenarien, die angeblich darlegen, daß die halbe Welt untergeht, wenn irgendwas gebaut werden würde. Und Herr Seehofer wills ja seinen Bayern immer recht machen - ist also der schlechteste Partner für planungsssichere Zusagen. Man kann dem Investor nur viel Glück und einen langen (Klage)Atem wünschen, meinen Segen hat er ...
GrinderFX 18.05.2015
2.
Nur wird hier in keiner Silbe darüber geschrieben wie viel Nutzen dieses Projekt hat und wie viel Energie damit "gespeichert" werden kann. Denn laut den letzten realistischen Berechnungen kann das wirklich nicht viel sein und somit ist der Nutzen kaum gegeben und nein, für die Unwissenden, da kann nichts nachgebaut werden, denn wir bräuchten eine Fläche größer als Deutschland um damit genügend Energie zu speichern um uns damit lang genug zu versorgen, wenn eben mal kein Wind weht oder die Sonne scheint. Auch ist es unglaublich teurer, eher schon unbezahlbar. Ihm ist das ja egal, er kriegt ja das Geld dafür, zahlen müssen es ja die anderen!
elbgeistDD 18.05.2015
3. ...
Ich glaube nach CSU-Logik gehören Pumpspeicherkraftwerke nicht in den Bayrischen Wald oder andere bayerische Berge. Nein - nach Norddeutschland passen die doch viel besser und der dort erzeugte Strom wird per Bahn nach Bayern geliefert.
felisconcolor 18.05.2015
4. Das kommt davon
wenn sich Bürger ein X für ein U vormachen lassen und meinen sie wären damit umfassend informiert. Sie merken nicht wie sie sich wie Schafe nur von einem Protestort zum nächsten treiben lassen. Die "Politiker und vermeintlichen Experten" werden doch immer das Richtige tun und immer voll fach- und sachverständig den Bürger informieren. Nein tun sie nicht. Werden es auch nie tun. Machterhalt und volle Spendenkontos sind das was diese Menschen interessiert. Interessen des Bürgers sind da vollkommen irrelevant. Ich erlebe sowas immer wieder auf Informationsveranstaltungen. Was dort an Argumenten von Bürgern runter gebetet werden, ohne auch nur die geringste Reflexion oder Abklopfen der Argumente auf logische Schlüssigkeit. Grausam. Aber genau so bekommen sie es von den Viehtreibern vorgebetet. Hier zeigt sich nirgendwo der "Willen der Bürger" sondern nur der Willen einiger weniger die die Dummheit der Massen geschickt auszunutzen wissen.
schocolongne 18.05.2015
5. der Bayrische Sonderweg wird kosten...
und diese Kosten sollten allein den Bayern auferlegt und im Strompreis deutlich sichtbar werden. Für die CSU gilt seit jeher Solidarität nur dann, wenn Bayern profitiert. Das Bayern den Auf-und Umstieg vom Agrarland zu einer modernen Wirtschaft seinerzeit nur durch die solidarische Unterstützung der übrigen Bundesländer schaffen konnte, ignorieren die feisten Strategen in München souverän.
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