Entführungsdrama Verhandler in der Osthoff-Falle

Die im Irak entführten deutschen Monteure schweben in höchster Gefahr – nicht zuletzt wegen des Falls Osthoff und der Diskussion um die Rolle des BND im Irak-Krieg. Deutschlands guter Ruf in der Region schwindet.

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Berlin - Oberflächlich betrachtet ähnelt der aktuelle Geiselfall im Irak der Entführung von Susanne Osthoff: Wie nach der Verschleppung der Archäologin am 25. November ist zunächst vieles unklar: Wer steckt hinter der Entführung? Was fordern die Geiselnehmer? Wieder bemüht sich die Bundesregierung fieberhaft um die Freilassung. Wieder wurde im Keller des Auswärtigen Amts ein Krisenstab eingerichtet. Wieder bangen die Angehörigen um das Leben der Gekidnappten und wieder hoffen sie auf das Verhandlungsgeschick der Diplomaten und Sicherheitsbeamten.

Außenminister Steinmeier: Bitte um Zurückhaltung
AP

Außenminister Steinmeier: Bitte um Zurückhaltung

Auch für den neuen Krisenstab im Auswärtigen Amt spielt der Fall Osthoff derzeit eine wichtige Rolle - allerdings weniger wegen möglicher Parallelen als vielmehr wegen der Nachwehen des Dramas um Susanne Osthoff.
Die Bundesregierung befürchtet, dass die detaillierten Berichte über die Osthoff-Entführung, über von Deutschland gezahltes Lösegeld und die Diskussion um die Rolle des BND im Irak-Krieg für die Geiseln eine gefährliche Mischung erzeugt haben könnten.

Besonders brisant: Der gute Ruf, den Deutsche zuvor in der Region hatten, schwindet. Für die beiden Ingenieure könnte das ernste Folgen haben. Erst heute tauchte ein Videoband der Entführer auf.

Noch ist der Hintergrund der Kidnapper unklar. Zum einen könnten es einfache Kriminelle sein, die davon erfahren haben, dass die Bundesregierung im Fall Osthoff ein ansehnliches Lösegeld bezahlt hat. Auch könnten politische Gruppen die beiden Männer für Agenten halten, nachdem sie die Berichte über die BND-Mission im Irak-Krieg mitbekommen haben.

Die Berichte über die BND-Affäre könnten nach Meinung von Experten in der arabischen Welt eine sehr viel brisantere Wirkung entfaltet haben als hierzulande. "Allein der Verdacht einer Kooperation mit den US-Streitkräften ist im Irak ein Todes-Urteil", glaubt der Irak-Kenner und ehemalige DDR-Diplomat Rolfeckhard Giermann. Besonders in der Region, wo die beiden Männer entführt worden seien, habe der irakische Widerstand starken Rückhalt. "Es wäre naiv zu glauben, dass diese Männer interessiert, ob es sich nur um einen Verdacht handelt oder nicht", so Giermann. "Gerüchte sind im Irak genauso gut wie Fakten", meint er.

Die bisherige Strategie der Bundesregierung ist deshalb eisernes Schweigen. Noch enger als im Fall Osthoff versuchen die Beteiligten, alle Fakten unter Verschluss zu halten und im Verborgenen zu agieren. Umso ärgerlicher war es für die Beamten, dass schon am Tag der Entführung die Namen der Opfer, diverse Schilderungen der irakischen Polizei und vor allem Berichte über die Beteiligung der US-Armee an den Ermittlungen öffentlich im Umlauf waren.

Wenigstens die beginnende Kontaktaufnahme mit den Entführern soll deshalb strenge Verschlusssache bleiben. Im Auswärtigen Amt wandelte sich bittere Medienschelte inzwischen in eine eindringliche Bitte um Verständnis. Anfang der Woche kommentierte Außenminister Steinmeier, nicht das Lösegeld sei problematisch im neuen Entführungsfall, sondern die Berichterstattung darüber. Am Mittwoch dann bat er mit leiser Stimme um eine "zurückhaltende Berichterstattung".

Auf der Arbeitsebene im Auswärtigen Amt (AA) ärgert man sich eher über die Indiskretion in den eigenen Reihen. "In solchen Fällen muss man den Ball sehr eng am Körper spielen", so ein erfahrener Beamter, "wenn das nicht gelingt, sollte man sicherlich nicht den Überbringer der schlechten Nachrichten zur Verantwortung ziehen." Dass die Details einer Entführung für Medien interessant sind, ist den Krisen-Managern klar. "Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben, es liegt in der Natur der Medien", so der Beamte. Ihren Job sehen Männer wie er deshalb darin, solche Informationen so gut es geht zu schützen.

Schon jetzt sprechen die Beteiligten im Fall Osthoff in der Nachschau vom "worst case". Einzig erfreulich an dem Vorgang sei, dass die Archäologin am Ende unversehrt frei kam. Ansonsten jedoch lief für die diskreten Verhandler in Berlin und Bagdad eigentlich alles schief. Von Beginn an wussten sie, dass sie es bei Osthoff mit einer unkonventionellen und vor allem unkontrollierbaren Geisel zu tun hatten. Dass sie aber nach der Freilassung im "Stern" die Zahlung von Lösegeld bestätigte und Details der Freilassung ausplauderte, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen.

Noch etwas ärgerlicher wurde es, als kurz darauf die ersten Berichte über die konkrete Höhe des Lösegelds aus Berlin bekannt wurden. Auch wenn niemand aus der Bundesregierung die Berichte kommentierte, waren sie in der Welt - nicht nur in Deutschland. Zusätzlich wurden sie mehr oder minder offiziell bestätigt, als der "Focus" berichtete, bei Osthoff seien Teile des Lösegelds gefunden worden. Spätestens jetzt war die Diskretion in solch heiklen Entführungsfällen vorbei. In internationalen Blättern, auch im arabischen Raum, stand Deutschland öffentlich als Zahlmeister da.

Die schwierige Balance in der Geisel-Affäre ist für die Bundesregierung zurzeit schwer zu halten. Neben dem aktuellen Fall aber fürchten die Diplomaten vor allem die Langzeitwirkung der letzten Wochen. So könnten Deutsche im Ausland mehr als je bevor zu regelrechten Zielscheiben von kriminellen Gruppen werden, die auf die deutsche Zahlbereitschaft setzen. Im schlimmsten Fall würde dann der Krisenstab im Auswärtigen Amt langsam zur Dauereinrichtung.



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