Entschädigung der Hinterbliebenen: Das traurige Erbe des Neonazi-Terrors

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Die Republik trauert in einer großen Gedenkfeier um die Opfer des rechtsradikalen Terrors. Neun Einwanderer und eine Polizistin ermordete das Neonazi-Trio der NSU. Doch wie geht es eigentlich den Hinterbliebenen? Welche Hilfe kam vom Staat? Der Überblick.

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Opfer des Neonazi-Trios: "Raus aus der belastenden Opferrolle"

Berlin - Es ist schon Jahre her, dass sie ihren Vater oder Bruder oder Ehemann verloren haben. Doch erst vor wenigen Monaten haben sie erfahren, wer ihren Vater oder Bruder oder Ehemann umgebracht hat. Der Schock sitzt tief.

Im September 2000 etwa wurde der Blumengroßhändler Enver Simsek an einer Straße in Nürnberg niedergeschossen. Seine Tochter war damals 14. Und im April 2006 verloren Elif K. und ihre drei Kinder ihren Mann und Vater. Mehmet K. wurde in seinem Kiosk in Dortmund ermordet.

Erst nach dem Tod der Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt fanden deutsche Ermittler heraus: Der Mord an neun türkischen und griechischen Einwanderern und einer Heilbronner Polizistin geht auf das Konto der rechtsradikalen Gruppe, die sich Nationalsozialistischer Untergrund nannte (NSU). Die NSU hat sich außerdem auf einer DVD zu einem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße im Jahr 2004 bekannt - mehr als 20 Menschen wurden damals verletzt.

Nach Bekanntwerden der Neonazi-Mordserie äußerten Politiker ihr Entsetzen. Es gab in mehreren Städten Menschenketten. Aber: Der große Aufstand, die große kollektive Trauer blieb aus. Dafür soll es am Donnerstag im Konzerthaus auf dem Berliner Gendarmenmarkt eine Trauerfeier geben. Nach dem Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident wird Kanzlerin Merkel reden. Es soll Bach gespielt werden und John Lennons "Imagine", gesungen von Mousse T. Mehr als tausend Menschen werden erwartet, auch viele Verwandte der Ermordeten und Opfer des Anschlags in der Kölner Keupstraße sollen kommen. Einige davon sind auch als Redner vorgesehen.

Was ist in den Monaten seit Bekanntwerden des Neonazi-Terrors mit den Opfern und Hinterbliebenen passiert? Was hat Deutschland für sie getan? SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick:

Wie viele Hinterbliebene gibt es eigentlich?

Die CDU-Politikerin Barbara John kümmert sich als Regierungsbeauftragte um die Opfer und Hinterbliebenen und steht in Kontakt mit ihnen - sie hat an 66 Verwandte und Überlebende Briefe und Fragebögen mit insgesamt 19 Fragen verschickt. "Ich habe nach vielen Dingen gefragt: Wer hat die Beerdigung bezahlt, was hat sie gekostet, wer ist der Anwalt, wer hat das Geld für ihn aufgebracht, welche besonderen Nöte gibt es?", sagt Ombudsfrau John SPIEGEL ONLINE. "Die meisten haben schon geantwortet."

Was sind die größten Probleme der Hinterbliebenen und Opfer?

"Es gibt in jeder Familie andere Probleme - von verlorenen Papieren bis hin zu Ausbildungen, die nach den Morden abgebrochen wurden, oder Bafög, das nicht mehr bezahlt werden kann", so John. Eines aber hätten fast alle Hinterbliebenen und Opfer gesagt. "Sie beklagen sich darüber, dass sie nicht regelmäßig über die Ermittlungen informiert würden. Als klar war, dass Neonazis ihre Verwandten ermordet haben, erfuhren alle es zuerst aus der Zeitung", sagt John. "Die Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern hat sich also im Grunde fortgesetzt." Außerdem hätten beinahe alle den Wunsch geäußert, dass sie stärker in die Ermittlungsergebnisse einbezogen werden - "sie möchten endlich aus der für sie sehr belastenden Opferrolle heraus. Ich habe den Generalbundesanwalt gebeten, dass er einen Weg findet, wie die Angehörigen stärker eingebunden werden können", sagt die Ombudsfrau.

Viele möchten außerdem, dass es einen Gedenkort für die Opfer gibt. "Es sind zum Teil herzzerreißende Geschichten, die in den Briefen stehen", so John. "Wir müssen die Taten im kollektiven Gedächtnis behalten, und das geht eben auch durch öffentliche Gedenktafeln an den jeweiligen Tatorten." Besondere Sorgen macht sich John um die Familie Turgut. "Die Eltern des Ermordeten leben in der Türkei, von ihnen habe ich noch gar keine Reaktion bekommen."

Vertrauen die Hinterbliebenen dem deutschen Staat überhaupt noch?

Die Taten liegen Jahre zurück, die Familien sind nach dem Mord durch die Hölle gegangen. Die deutschen Behörden haben das Leiden der Menschen noch verstärkt - dadurch, dass direkt nach der Tat in den Familien selbst ermittelt wurde. "Es sind unglaubliche Geschichten, es hieß etwa, die Ehefrau sollte hinter dem Verbrechen stecken", sagt John.

In dieser Zeit sei in einigen Familien selbst viel Misstrauen entstanden, soziale Netze seien zerrissen. "Bekannte und Freunde haben sich abgewandt. Es wird schon etwas dran sein an den Verdächtigungen, haben sie wohl gedacht. Die Familien wurden in die Isolation getrieben." Es gebe mehrere Fälle, in denen die Familien nicht mehr herausgefunden haben aus ihrem Leid und psychisch noch immer so stark belastet seien, dass eine Dauerbehandlung nötig sei. "Einige haben es deshalb auch nicht geschafft, eine Arbeit aufzunehmen oder einem normalen Alltag nachzukommen."

Was nützt die Gedenkfeier den Hinterbliebenen und Opfern?

"Die Trauerfeier spielt eine große Rolle für die Menschen", sagt John. "Es ist für sie die Möglichkeit, dass ihr Ansehen als Familie wiederhergestellt wird - durch einen offiziellen Vertreter Deutschlands. Ich rechne damit, dass viele Opfer des Nagelbombenattentats aus der Keupstraße nach Berlin kommen. Aber auch Hinterbliebene der Mordopfer." Doch einige würden noch immer die Öffentlichkeit scheuen. "In den Monaten und Jahren nach dem Mord wurden viele Familien durch Presseberichte in die Öffentlichkeit gezerrt, das war ein vollkommener Schock für sie", sagt John.

Welche Entschädigung bekommen die Opfer?

Im Januar hat die Bundesregierung mit der Auszahlung der Entschädigung an die Überlebenden des Kölner Anschlags und die Hinterbliebenen der Mordopfer begonnen. Das Geld kommt aus dem Fonds "zur Entschädigung für Opfer extremistischer Übergriffe" - jedes Jahr fließen eine Million Euro Bundesmittel in den Topf.

Die Hinterbliebenen und Überlebenden bekommen zunächst einmal eine Entschädigung von 5000 oder 10.000 Euro - den höheren Betrag bekommen Eltern, Ehe- oder Lebenspartner oder Kinder der Mordopfer. Hinterbliebene Geschwister bekommen 5000 Euro. Die Pauschalbeträge sollen gewährleisten, dass das Geld ohne bürokratischen Aufwand gezahlt werden kann und schnell ankommt. Laut Bundesamt für Justiz kann es aber Nachzahlungen geben - denn der Satz richtet sich nach Schmerzensgeldern, die Opfern auch nach einem Gerichtsverfahren zugute kommen. Ist eine Verletzung also schwerer, wird entsprechend nachgezahlt.

24 Überlebende des Anschlags aus der Keupstraße haben laut Bundesamt für Justiz bereits die Pauschale von 5000 Euro bekommen. In einem Fall wurde darüber hinaus eine weitere Härteleistung zuerkannt. Über die genauen Zahlungen an Hinterbliebene der Morde wollen die Behörden zum Schutz der Angehörigen keine genaueren Angaben machen.

Ombudsfrau Barbara John sagt: "Dass die Hinterbliebenen von den Kosten, die sie für Anwälte, Bestattungen und Überführungen aufbringen mussten, entlastet werden, ist das Mindeste, was die Gesellschaft leisten muss." Mittlerweile sei auch geklärt, dass Bestattungskosten zusätzlich zu den Entschädigungsleistungen übernommen würden, so John. Sie kritisiert die Zahlungen grundsätzlich als zu niedrig. "Das materielle Loch, das neben dem menschlichen Verlust entstanden ist, kann damit in keiner Weise gestopft werden", so John.

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