Entscheidende Minuten 2011: Revoluzzerle im Schwabenkessel

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12. Mai 2011, 11.47 Uhr: In Stuttgart wird Geschichte geschrieben. Nach dem monatelangen Bahnhofs-Zoff wird Winfried Kretschmann zum ersten grünen Ministerpräsident Deutschlands gewählt - ausgerechnet im konservativen Baden-Württemberg. Hält er dem enormen Druck stand?

DPA

Es ist 11.47 Uhr an diesem 12. Mai, als Winfried Kretschmann Geschichte schreibt. Gerade eben hat er seinen Amtseid geschworen, natürlich mit Gottesbezug - denn der 62-Jährige ist Katholik. Nun nimmt Kretschmann zum ersten Mal Platz auf dem Ministerpräsidentensessel im Stuttgarter Landtag. Er sitzt hier ab jetzt als der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands.

Die Landtagswahl am 27. März hat Grünen und SPD eine Mehrheit beschert, nun ist Kretschmann offiziell im Amt.

Der neue Ministerpräsident, das weiße Bürstenhaar gestutzt, trägt einen dunklen Anzug, die Krawatte mischt gesetzte Farben mit ein bisschen Grün. "Danke für das große Vertrauen des hohen Hauses", hat er gesagt, nachdem 72 Ja-Stimmen bei seiner Wahl gezählt wurden. Zwei mehr, als Grüne und SPD Parlamentarier stellen. Manche der Koalitionsabgeordneten tanzten daraufhin vor Glück.

Schräg gegenüber von der Regierungsbank, in der ersten Reihe der CDU-Fraktion, sitzt in diesen Minuten Stefan Mappus. Er hat seit der Landtagswahl ein paar Kilo abgenommen. Mappus ist bis auf weiteres der Letzte in einer langen Riege von CDU-Ministerpräsidenten im Südwesten, beinahe sechs Jahrzehnte haben die Schwarzen hier regiert. Mappus war ihr Hoffnungsträger, seit der Landtagswahl am 27. März behandeln ihn manche Parteifreunde wie einen Ausgestoßenen. Ein CDU-Abgeordneter legt ihm nach der Kretschmann-Wahl immerhin eine Hand auf die Schulter, ein zweiter umarmt ihn sogar.

Mappus ist in diesen Minuten ganz unten, Kretschmann auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

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Winfried Kretschmann: Erster grüner Landeschef
Dass die Grünen ausgerechnet in Baden-Württemberg zum ersten Mal eine Regierungszentrale erobern, gibt dem neuen Ministerpräsidenten eine besondere Verantwortung. Der Südwesten ist das wirtschaftliche Kraftzentrum der Republik, das Land von Daimler, Porsche, Bosch.

Doch Kretschmann ist keiner, der den Südwesten umpflügen wird, wie es manche Wirtschafts-Vertreter in den Tagen nach der Landtagswahl befürchteten. Ja, der neue Regierungschef setzt auf die Energiewende im Ländle. Er wünscht sich in den Automobilunternehmen mehr Umweltbewusstsein und entsprechende Fahrzeuge. Aber Kretschmann ist alles andere als ein Öko-Diktator. Er macht lange genug Politik, um zu wissen, dass er die Wirtschaft als erfolgreicher Ministerpräsident nicht zum Gegner haben darf.

Das eigentliche Thema der ersten grün-roten Monate ist aber sowieso ein anderes: Stuttgart 21. Unter anderem dem langjährigen Widerstand gegen S21 verdankt Kretschmann sein Amt, doch als Ministerpräsident wird es zur schweren Bürde. Weil sich die Koalitionspartner uneinig sind - die SPD ist für S21 - einigen sich die Parteien auf eine Volksabstimmung. Bis dahin steht man sich zunehmend feindselig im Lande gegenüber, Gegner und Befürworter des Projekts.

Das Votum bei der Volksabstimmung am 27. November fällt dann erstaunlich deutlich für den Weiterbau aus. Aber ob es die erhoffte Befriedung bringt? Das wird nun auch am Ministerpräsidenten liegen. Er muss es schaffen, die S21-Gegner von den Bäumen zu holen, selbst die radikalen Parkschützer in Stuttgart. "Einen großen Tag für die Demokratie" nannte Kretschmann die Volksabstimmung wegen der hohen Wahlbeteiligung von nahezu 50 Prozent. Aber das Votum der Bürger setzt erstmal den Ministerpräsidenten unter großen Druck.

Wie er damit umgeht, dürfte auch darüber entscheiden, ob sich seine Partei dauerhaft als echte Alternative zu Union und SPD etabliert. 2011 war nicht nur wegen Kretschmanns Erfolg das erfolgreichste Jahr der Grünen, sie arbeiten in vier weiteren Regierungen mit und sitzen nun in allen deutschen Landesparlamenten. Aber alle Augen sind fürs Erste auf Winfried Kretschmann gerichtet.

Noch sind seine Popularitätswerte in Baden-Württemberg sensationell, selbst deutschlandweit darf er sich inzwischen "Politiker des Jahres" nennen. Mit diesem Titel wurde Kretschmann ausgerechnet am Tag nach der Volksabstimmung in Berlin ausgezeichnet. Er ließ es sich nicht nehmen, den Preis persönlich in Empfang zu nehmen.

Mehr geht für Winfried Kretschmann nicht. Er wird nicht abheben deshalb, aber er wird eine Menge liefern müssen, um die Erwartungen nicht zu enttäuschen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
aramcoy 21.12.2011
Zitat von sysopHält er dem enormen Druck stand?
Bisher macht er seine Sache brilliant. Und er ist erfrischend bodenständig im Vergleich zu den meisten anderen Politikern, die einfach nur schmierig sind.
2.
calvin und hobbes 21.12.2011
Zitat von aramcoyBisher macht er seine Sache brilliant. Und er ist erfrischend bodenständig im Vergleich zu den meisten anderen Politikern, die einfach nur schmierig sind.
...dem kann man nur zustimmen, angesichts von Guttenberg, Wulff etc... Und alle schwarzen Untergangsphantasien haben bisher sich leider auch nicht bewahrheitet. Köömich nur, dass jede Spiegel-Artikel-Headline zum schwäbischen Südwesten mit dem '-LE' witzelt.
3. Auswirkungen - eine Befürchtung
dewo 17.01.2012
Ja, warum sollte man einen Kretschmann auch über Gebühr beobachten? Der tut doch nichts Verbotenes! Gewiss, die Roten und Grünen haben ja im Wahlprogramm angekündigt, dass sie endlich das Baden-Württembergische Schulsystem reformieren wollen, das ja angeblich so verkrustet sei und dringend der kuscheligen Gemeinschaftsschule bedürfe ... Doch da war doch noch was – ach ja, das Ländle hat bisher bei internationalen Vergleichen immer hervorragend abgeschnitten, was die Qualität schulischer Bildung betrifft, hervorragend g u t muss man sagen, denn man kann ja auch durch s c h l e c h t e Ergebnisse hervorragen, wie zum Beispiel Bremen mit seinen miesen Bildungsergebnissen! Und ähnlich schlecht nun auch Berlin! Machen wir’s kurz: Überall da, wo Rot oder Rot-Grün in unserer Republik lange genug regiert haben oder regieren, ist die Bildungsqualität deutlich schlechter als in all jenen Bundesländern, die unter der Federführung der „Schwarzen“ verwaltet wurden und/oder werden: Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen und Sachsen: deutlich spitze! Hessen hat sich in den letzten Jahren um mehrere Plätze nach vorne geschoben … wer da wohl regiert? Und jetzt Rot-Grün im „Ländle“ – da müssten doch eigentlich die Alarmglocken läuten bei allen Bürgern dort, die Interesse daran haben, dass Baden-Württemberg nicht auch unter die „Gemeinschaftsschul-Räder“ kommt! Wo bleibt das wachsame Auge der Medien in Sachen Bildungsqualität? Ja doch – ab und zu kocht mal was hoch, bis hin ins öffentlich-rechtliche Fernsehen schwappt es über: Die Hannelore Kraft ist nicht überall in NRW mit der Kuschelschule so weit gekommen, wie sie eigentlich wollte, da gab es doch einige Gerichtsurteile … Doch wen juckt’s? Gemeinschaftsschule ist eben das angesagte Modell, und so lässt man es in Frieden vor sich hin gären. Da mal hinzugucken, wie es tatsächlich läuft, was da wirklich bei herauskommt: Viel zu mühsam, und außerdem verstehen wir Medien ja eigentlich nichts davon; da dürfen wir uns halt einfach auf wissenschaftliche Veröffentlichungen berufen, die das Modell „Gemeinsamkeit“ propagieren, auch wenn es Gegen-Erkenntnisse gibt. Solche jedoch dürfen uns nicht über die Maßen interessieren, denn sie widerlegen das, was wir bisher immer gesendet und geschrieben haben – und das können wir doch jetzt nicht auf einmal verleugnen, wo bliebe denn da unsere Ideologie, auf der es sich so entspannt ruhen lässt … Wieder kurz gesagt: Was der Grundanschauung nicht in den Kram passt, wird nicht angerührt, damit nichts aufgerührt wird, was die Getrübtheit des eigenen Blickes dokumentieren könnte! So also funktioniert das Beweisen der Unfehlbarkeit der ideologisch einseitig belasteten Medien! Die irren sich nicht, selbst nicht wider besseres Wissen – das braucht man ja nur geheim zu halten … Dafür deckt man halt wieder etwas auf, was eine hochgestellte Persönlichkeit vielleicht falsch gemacht hat – das plumpst dann so schön, wenn so jemand vom Sockel rutscht! Und man kann stolz drauf sein, dass man mit dran geruckelt hat – solche Gelegenheiten darf man auf gar keinen Fall versäumen, sonst hat man in der Medienlandschaft keine volks-„bildende“ Rolle mehr! Würde doch auch den Einschaltquoten schaden …
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