Entwicklungshilfe "Die Industrieländer müssen ihre Versprechungen wahr machen"

Kolonialer Blick, laxe Zahlungsmoral, korrupte Regierungen: Hamburgs Erzbischof Werner Thissen, Misereor-Beauftragter der deutschen Bischofskonferenz, geißelt im SPIEGEL-ONLINE-Interview westlichen Egoismus und groteske Auswüchse der Entwicklungshilfe.


SPIEGEL ONLINE: Herr Erzbischof Thissen, Sie haben zusammen mit einer Delegation katholischer Bischöfe aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa an die Regierungen der wichtigsten Industriestaaten appelliert, das Wachstum der Weltwirtschaft in den Dienst der Armutsbekämpfung zu stellen. Was müssen die Regierungen konkret tun?

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen: "Mir könnten die Tränen kommen"
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Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen: "Mir könnten die Tränen kommen"

Thissen: Wir müssen den Demokratisierungsprozess in den Ländern des Südens unterstützen. Zweitens müssen wir mithelfen, dass offene Handelsbeziehungen möglich werden. Noch immer schotten wir uns viel zu sehr zu unseren Gunsten ab - eine viel zu schwere Hypothek für die südlichen Länder. Drittens müssen wir den Staaten im Süden helfen, die Korruption zu bekämpfen. Dabei ist es nicht dienlich, dort Transparenz einzufordern und selbst Steuerparadiese zu schaffen. Wir in Deutschland schaffen es nicht einmal die Anti-Korruptions-Konvention der Uno zu unterzeichnen. Das ist beschämend.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht berechtigt, von den Entwicklungsländern sogenannte Good Governance (gute Regierungsführung) zu fordern?

Thissen: Durchaus. Doch wir dürfen nicht unglaubwürdig werden. Wir fordern Good Governance und schaffen es nicht, unsere Versprechungen in Zeitpläne und Gesetze zu gießen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von direkten Zahlungen an Entwicklungsländer?

Thissen: Ein wichtiger Punkt. Die Industrieländer müssen ihre Versprechungen wahr machen, 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts bis 2015 zu überweisen. Dieses Ziel sollte durch jährliche Steigerungen erreicht, in den Staatsetats festgeschrieben und nicht bis zum Schluss hinausgeschoben werden.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt die mangelnde Zahlungslust?

Thissen: Die reichen Länder haben ihre eigenen Probleme, und die stehen im Vordergrund. Wir sollten aber umdenken: Wir müssen begreifen, dass wir uns in Deutschland nicht zukunftswürdig entwickeln werden, wenn es nicht auch zu einer Verbesserung der Situation in den Ländern des Südens kommt. Der Einsatz für Afrika ist also keineswegs nur selbstlos, denn wir profitieren auch davon. Wir schaden uns selbst, wenn wir unseren kolonialen Blick nicht ablegen und endlich wach werden.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern profitieren wir von einer Unterstützung Afrikas?

Thissen: Je stärker die Entwicklungsländer prosperieren, desto besser können Menschen dort ein lebenswertes Leben führen. Das eröffnet auch uns neue Handelsmöglichkeiten und verringert den Flüchtlingsstrom in die reichen Länder.

SPIEGEL ONLINE: Warum tun die Industriestaaten dann nicht mehr?

Thissen: Die unmittelbaren Interessen der Finanzminister in den Regierungen der Industriestaaten sind zu stark. Es gibt etwa die verheerende Tendenz, den Schuldenerlass auf die Entwicklungshilfe anzurechnen. Das ist nicht fair.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch mit der deutschen Entwicklungspolitik unzufrieden?

Thissen: Ich habe den Eindruck, dass Kanzlerin Merkel und Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul willens sind, die Versprechungen vom Millenniumsgipfel zu erfüllen. Im Jahr 2000 hatten sich die Staats- und Regierungschefs von 189 Ländern verpflichtet, bis 2015 die Armut auf der Welt zu halbieren. Mir gegenüber haben beide mit Vehemenz vertreten, den Kampf gegen Korruption und für mehr Demokratie führen zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Bedarf es dazu neuer Ansätze? Was fordern Sie konkret vom Gipfel in Heiligendamm?

Thissen: Wir brauchen keine neuen Beschlüsse, sondern müssen das bisher Erkannte und Beschlossene umsetzen. Es sind ja Milliarden geflossen. Mir könnten die Tränen kommen, wenn mir meine Mitbischöfe aus Afrika sagen: "Das Geld habt ihr geschickt, doch es ist nicht angekommen, weil es bei einer korrupten Führungsschicht hängen geblieben ist. Von dort wandert es auf Konten in der Schweiz, und wenn wir nachfragen, halten sie uns die rote Karte hin und sagen: Bankgeheimnis." Das ist grotesk! Wir brauchen strikte und faire Richtlinien für die Kreditvergabe. Kredite dürfen nicht dazu dienen, dass die Kreditgeber auf Umwegen an Bodenschätze kommen.

SPIEGEL ONLINE: China bietet den afrikanischen Ländern zinsgünstigere Kredite als der Westen. Sollte sich der Westen daran nicht ein Beispiel nehmen?

Thissen: Dass China Afrika Kredite gibt, sollte uns aufrütteln: Jetzt muss auch der Letzte erkennen, dass Afrika ein entwicklungsfähiger Kontinent ist, sonst würde China nicht investieren. Diese Kredite werden leider nicht nach entwicklungshilfepolitischen Kriterien gegeben. Ich habe die Sorge, dass die hohe Anzahl an chinesischen Krediten in Afrika dazu führen wird, dass wir später wieder eine Entschuldungskampagne machen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie, der Gipfel in Heiligendamm wird seinen globalen Führungsanspruch einlösen?

Thissen: "Globale Führung" - dieses Wort höre ich nicht gern. Die G8 sind keine Weltregierung. Dafür haben sie kein Mandat. "Globale Führung" sollte man im Sinne der katholischen Soziallehre verstehen: Eigentum ist sozialpflichtig, das heißt, die reichen Länder haben die Pflicht, für die armen Länder mitzusorgen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie in dieser Hinsicht mit der führenden Wirtschaftsmacht der Welt, an deren Spitze ein wiedergeborener Christ steht, zufrieden?

Thissen: Mit Sicherheit nicht. Die Vorgehensweise "wir sind die Nummer eins in der Welt, und wir diktieren, was gemacht wird" geht nicht. Die USA haben eine große Verantwortung. Sie nehmen diese nicht in dem Ausmaß wahr, wie dies sein müsste, weder unter Friedens- noch unter Wirtschaftsaspekten.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie zu den angekündigten Protesten in Heiligendamm?

Thissen: Friedliche Proteste halte ich für sehr berechtigt, denn man kann den Konferenzteilnehmern durchaus vorwerfen: "Ihr habt eure bisherigen Versprechen - Halbierung der Armut - nicht erfüllt." Die Mittel der Entwicklungshilfe sind im letzten Jahr innerhalb der G-8-Staaten sogar um fünf Prozent gesunken.

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige Jesuitenschüler, Ex-CDU-Generalsekretär und bekennende Katholik Heiner Geissler ist Attac beigetreten. Steht die Katholische Kirche den Zielen der Globalisierungskritiker näher als denen der Regierungschefs?

Thissen: Ich habe mit Attac-Vertretern auf dem ökumenischen Kirchentag in Berlin diskutiert. Wenn sie den G-8-Regierungen vorwerfen, sie machten zu wenig, stimme ich ihnen voll zu. Die Vorgehensweisen und viele Äußerungen von Attac gefallen mir allerdings nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum geißelt die Katholische Kirche die destruktiven Auswirkungen des westlichen Agrarhandels nicht stärker, der die lokalen Märkte in der Dritten Welt kaputt macht?

Thissen: Wir geißeln das ständig - finden jedoch wenig Gehör. Was die reichen Länder an Handelsschranken aus reinem Egoismus aufbauen, das ist ein Skandal. Der Zugang der Menschen im Süden zum Weltmarkt ist einer der wichtigsten Motoren gegen die Armut. Beispiel: Auf zu Pulver verarbeiteten Kaffee schlagen wir so hohe Zölle drauf, dass wir die Kaffeebauern zu reinen Erntearbeitern degradieren. Wir lassen es nicht zu, dass sie auch an der Verarbeitung verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Die westlichen Konzerne wollen selbst verdienen. Kapitalismus zielt auf Gewinnmaximierung …

Thissen: … zum Geschäftemachen gehört allerdings auch ein gutes Geschäftsklima. Auf Dauer verderben wir das weltweite Geschäftsklima. Das schlägt uns irgendwann ins Gesicht.

Das Interview führte Alexander Schwabe



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