Entwicklungshilfe-Posten: Minister Niebel blitzt mit frauenfeindlicher Personalpolitik ab

Von Petra Bornhöft

Sieben Vorstandsposten - und alle gehen an Männer: Mit seiner Personalpolitik bei der neuen Super-Entwicklungsorganisation GIZ entfesselte der zuständige Minister Dirk Niebel einen Proteststurm. Sowohl Mitarbeiter der bisherigen GTZ wie auch die Leute im eigenen Hauses gehen auf die Barrikaden.

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Entwicklungsminister Dirk Niebel: "Affront in vielerlei Hinsicht"

Berlin - Hans-Jürgen Beerfeltz, Staatssekretär im Bundesentwicklungsministerium, wollte die schöne Nachricht nicht für sich behalten. Wieder mal sei man einen Schritt weiter gekommen bei der "epochalen Reform", wie er die Zusammenlegung der bisher drei großen deutschen Entwicklungsorganisationen zur neuen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) nennt.

Deshalb verkündete Beerfeltz am vorigen Mittwoch bei der Herbstsoiree der GTZ die Namen der künftigen sieben Vorstandsmitglieder der neuen GIZ, die ab 1. Januar ihre Arbeit aufnehmen soll. Einen Tag später wurde das Ministerium informiert.

Kaum hatte die Nachricht sich über die Behördenflure verbreitet, brach ein unerwartet heftiger Proteststurm los. In einer an Dirk Niebel und seine Staatssekretäre gerichteten Unterschriftenliste ("For men only?") kritisieren bis heute Nachmittag rund 120 Unterzeichner, darunter auch viele Männer, "einen neuen Tiefpunkt eines dramatisch sinkenden Anteils von Frauen in Führungspositionen" in Niebels Verantwortungsbereich. Dieses Vorgehen widerspreche "allen bisherigen Bemühungen um die Gleichstellung der Geschlechter".

"Affront in vielerlei Hinsicht"

Auch innerhalb der GTZ regt sich heftiger Widerspruch. Es kursiert ein Musterbrief an die zuständigen Bundestagsabgeordneten und Aufsichtsräte, in dem es heißt, Niebels "Affront in vielerlei Hinsicht" mache die GIZ auch "zum Gespött in der internationalen Diskussion", sie verliere "zum Start gleich jede Glaubwürdigkeit hinsichtlich Gleichberechtigung und Transparenz bei der Besetzung von Führungspositionen".

Bislang zählte die Gleichberechtigung der Geschlechter zu einem der wichtigsten Projekte der deutschen Entwicklungspolitik.

Auch sei die Bestellung von sieben Geschäftsführern "nicht vermittelbar". Auch die Haushälter des Bundestages wollten statt der sieben nur fünf Geschäftsführer für die neue Organisation. "Unter Maßgabe einer Effizienzsteigerung mit dem Ziel einer Kostenreduzierung durch Stellenabbau", schreiben GTZler, "ist eine derartige Aufstockung - ein Geschäftsführer kostet ca. 500.000 Euro und mehr pro Jahr - nicht tragbar".

Unmut auch bei der GTZ

Die Spitze des Ministeriums kontert intern die Kritik, zwei der Geschäftsführer schieden in den nächsten zwei Jahren ohnehin aus. Über solche Ausflüchte schmunzeln sie im Ministerium. Ärgerlich reagieren viele Mitarbeiter allerdings auf Niebels offenbar parteipolitisch sortierte Namensliste. Hatte er zunächst den früheren FDP-Abgeordneten Karl Addicks, der es nicht mehr in Bundestag geschafft hatte, versorgen wollen, musste der FDP-Politiker nach parteiinternen Protesten diesen Plan aufgeben. Er konnte dem Bonner FDP-Mann Tom Pätz, der die Organisationsreform leitet, wenigstens einen Platz im GIZ-Vorstand sichern.

Allerdings könnte Niebel sich verrechnet haben: Nicht nur die Mitarbeiter seines Ressorts und der GTZ fordern, geeignete Kandidatinnen in die Auswahl zu nehmen. Am 3. Dezember tagt der Aufsichtsrat der GTZ, der den neuen Vorstand bestellen soll.

Mitglieder dieses Gremiums finden es nicht witzig, dass Niebels Staatssekretär ihnen mit der Bekanntgabe der Namen zuvorgekommen ist.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Sieben
dr_gisela_v._kerf-binsing 24.11.2010
Zitat von sysopSieben Vorstandsposten - und alle gehen an Männer: Mit seiner Personalpolitik bei der neuen Super-Entwicklungsorganisation GIZ entfesselte der zuständige Minister Dirk Niebel einen Proteststurm. Sowohl Mitarbeiter der bisherigen GTZ wie auch die Leute im eigenen Hauses gehen auf die Barrikaden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,730950,00.html
Gleich so viele? Soviele Freunde hat Herr Niebel doch gar nicht. Da will einer angeben, Geld spielt keine Rolle. Oder mag er nur keine Frauen beim Militär?
2. Was geht denn hier ab?
Sysiphos110 24.11.2010
Müssen die Themen jetzt so schnell eingestellt werden, daß es zum Ausschreiben ganzer Überschriften nicht mehr reicht? Was soll man schon von einem Macho-FDP'isten erwarten...
3. Warum auch nicht
Nonvaio01 24.11.2010
Hallo, scheint wohl als wenn keine Frau gut genug war, sowas soll ja vorkommen. Ich bin dagegen Frauen einzustellen nur damit man die quote erreicht. Wenn die 7 besten nun einmal Maenner sind dann ist das eben so.
4. wahre Freundschaft darf was kosten
peter1000 24.11.2010
Zitat von dr_gisela_v._kerf-binsingGleich so viele? Soviele Freunde hat Herr Niebel doch gar nicht. Da will einer angeben, Geld spielt keine Rolle. Oder mag er nur keine Frauen beim Militär?
Ja, da schau her, der ehemalige Sachbearbeiter Niebel herrscht wie weiland der Mufti von Einehandwäschtdieandereistan ... wenn man keine Freunde mehr hat, dann kauft man sich halt welche ... wo doch Weihnachten vor der Tür steht, da möchte auch das gute Niebelchen mal was Gutes aus dem Sack holen ...
5. Die 7 Besten?
Gegengleich 24.11.2010
Zitat von Nonvaio01Hallo, scheint wohl als wenn keine Frau gut genug war, sowas soll ja vorkommen. Ich bin dagegen Frauen einzustellen nur damit man die quote erreicht. Wenn die 7 besten nun einmal Maenner sind dann ist das eben so.
Genau, und wenn Hr. Niebel tun und lassen dürfte, wie er wollte, wären alle Geschäftsführer FDP-Mitglieder. Würden Sie dann auch schreiben: Wenn die 7 Besten nun mal FDP-Mitglieder sind, dann ist das eben so?
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Uno-Millenniumsziele

Im Jahr 2000 haben sich 189 Staaten auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen auf acht "Millenniumsziele" geeinigt. Ihre Umsetzung erweist sich allerdings als schwierig:

Armut

DPA
Der Anteil der unter Hunger und Armut leidenden Menschen in der Welt soll - ausgehend vom Niveau von 1990 - bis 2015 halbiert werden. 1990 mussten 1,25 Milliarden Menschen mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen, 14 Jahre später waren es noch 980 Millionen Menschen. Laut Weltbank hat immer noch mehr als eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen.

Grundbildung

REUTERS
Bis 2015 sollen alle Kinder eine Grundschulbildung vollständig abschließen können. 2007 konnten nach einem Bericht des Kinderhilfswerks Unicef 93 Millionen Kinder keine Schule besuchen. Das sind 20 Prozent weniger als fünf Jahre zuvor. Besonders Mädchen sind noch immer benachteiligt.

Gleichberechtigung

AFP
Die Diskriminierung der Frauen soll weltweit überwunden werden. Bisher änderte sich in vielen Ländern aber nur wenig. Das Ziel, geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Grundschulbildung bis 2005 zu beseitigen, wurde verfehlt. Laut Bildungsorganisation Unesco hatten 2007 von den 171 Ländern, für die Daten vorlagen, nur 53 die Geschlechterparität erreicht.

Kindersterblichkeit

DPA
Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren soll bis 2015 um zwei Drittel sinken. Weltweit erleben laut Unicef 9,2 Millionen Kinder ihren fünften Geburtstag nicht. Vor acht Jahren waren es 12,7 Millionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisiert die Fortschritte als unzureichend und fordert, dass den mehr als hundert Millionen Kindern dringend geholfen wird, die an den Folgen von Unterernährung leiden.

Müttergesundheit

DPA
Die Müttersterblichkeit soll bis 2015 um drei Viertel sinken. Eine halbe Million Frauen stirbt jährlich nach Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt, 99 Prozent von ihnen in Entwicklungsländern. Seit 1995 hat die Zahl medizinischer Helfer bei Entbindungen zugenommen, aber nur leicht. 1990 wurden 53 Prozent der Geburten von Fachpersonal betreut, bis 2007 stieg die Zahl auf 63 Prozent.

Gesundheit

AFP
Die Ausbreitung von Aids, Malaria und anderen schweren Krankheiten soll bis 2015 zum Stillstand gebracht und allmählich umgekehrt werden. Die Zahl der HIV-Ansteckungen ging laut WHO zwischen 2001 und 2008 um 16 Prozent zurück. Aber nur ein Drittel der 33,2 Millionen bedürftigen Aidskranken könne derzeit behandelt werden, sagte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) 2008. Die Behandlung von Malaria und Tuberkulose ist heute laut WHO sehr wirksam, die Ergebnisse in einzelnen Regionen seien aber sehr unterschiedlich.

Ökologische Nachhaltigkeit

AP
Ziel ist es, weltweit ökologisch effizient zu wirtschaften und Naturressourcen und Energie umweltschonend zu nutzen. Die Zahl derer, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, soll halbiert werden. Nach WHO-Angaben haben 2010 weltweit 87 Prozent Zugang zu Trinkwasser. Damit könnte ein Millenniumsziel erreicht werden. Allerdings sagen Experten voraus, dass bis 2015 noch immer 2,1 Milliarden Menschen ohne sanitäre Grundversorgung sein werden.

Entwicklungspartnerschaft

Corbis
Durch allgemeine Allianzen von Staat, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft sollen wirksame Beiträge zur Erreichung der Millenniumsziele geleistet und das hohe Kooperationspotential optimal genutzt werden. Die Uno registrierte 2009 vor dem Hintergrund der weltweiten Wirtschaftskrise, dass die von reichen Staaten für Entwicklungsziele versprochenen Gelder weit zurückhaltender eingehen als zuvor.