Erdogan in Köln Geteilte Stadt, gespaltenes Land

Der türkische Premier Erdogan spricht in Köln, seine Fans jubeln, seine Gegner demonstrieren, die Polizei ist in Alarmbereitschaft. Der Auftritt zeigt, wie tief gespalten die türkische Gesellschaft ist - in der Türkei und in Deutschland.

Von , und , Köln

REUTERS

An diesem Samstag ist Köln geteilt, der Rhein trennt Anhänger und Gegner des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan. Seine Gegner tragen gelbe Schutzhelme und wollen an die verunglückten Bergleute aus der Türkei erinnern. Sie haben sich "Soma" mit schwarzer Kohle auf die Stirn geschrieben und Streifen über die Wangen gezogen.

Ömer, 23, ist einer von ihnen. "Erdogan soll nicht denken, dass er hier willkommen ist, er soll nicht denken, dass wir vergessen, dass er ein Mörder ist", sagt er. Sie werden die linke Rheinseite nicht verlassen, sagt er. Ein selbst ernannter Ordner sagt: "Wir wollen keine Konfrontation, wir werden nicht zur Arena laufen."

Die Lanxess-Arena: Dort soll Erdogan am Abend sprechen, seine Anhänger feiern ihn bereits vor seiner Ankunft, immer wieder brandet Jubel auf. "Selbst wenn die Welt unser Feind ist, Gott ist auf unserer Seite", steht auf einem Transparent.

Erdogan spaltet an diesem Nachmittag nicht nur sein Land. Bei seinem Deutschland-Besuch spiegeln sich die Verhältnisse in der Türkei: wachsende Wut, Verzweiflung, Empörung auf der einen Seite; Bewunderung, Kult, Gefolgschaft auf der anderen. Der Ebertplatz erinnert in diesen Stunden an den Taksim in Istanbul, an dem im vergangen Sommer Tausende Menschen zusammengekommen waren, um gegen Erdogan und seinen autoritären Führungsstil zu demonstrieren.

"Deine Zeit ist abgelaufen"

Jetzt stehen Demonstranten in Bergmannskluft am Rand eines Parks in Köln und halten ihre Plakate in die Luft: "Erdogan, du Mörder", steht darauf. Sie haben Erdogan mit roter Farbe Vampirzähne gemalt und rufen: "Du Blutsauger, deine Zeit ist abgelaufen". Sie singen "Bella Ciao" auf Türkisch, sie singen alte Sozialisten-Lieder, halten Schilder hoch, auf denen die Namen der bei den Gezi-Protesten gestorbenen Demonstranten stehen.

Sie rufen: "Taksim ist überall!"

Sie drohen: "Der Tag wird kommen, an dem die Menschen Rechenschaft ablegen müssen."

Sie skandieren: "Hoch die internationale Solidarität."

Sie fordern: "Regierung, tritt zurück!"

Sie steigern sich: "Wir brauchen keinen Diktator, verschwinde!"

Aus ganz Deutschland sind sie angereist, in Bussen, um gegen den Besuch zu demonstrieren. Gehüllt in türkische Flaggen halten sie das Bild von Staatsgründer Atatürk hoch, daneben ist der PKK-Chef Öcalan zu sehen - Kemalisten und Kurden, geeint in ihrer Ablehnung des türkischen Premiersr.

Auch auf der anderen Seite des Rheins wehen türkische Flaggen, mitgebracht von Erdogans Anhängern. Keine Wut hier, keine Empörung, sondern Verehrung: Sie streuen Rosenblätter auf die Straßen vor der Arena. Eine Wagenkolonne fährt vor, sie schreien: "Erdogan, wir lieben dich." Hosgeldiniz. Willkommen.

Doch bei allen Emotionen ist es bislang weitgehend friedlich geblieben. Die Polizei meldet keinen Zusammenstoß zwischen Erdogan-Fans und Gegendemonstranten. "Wir wollten gar nicht so nah an Erdogan ran wie möglich. Wir wollten vor allem keine Gewalt", sagt Ufuk Cakir, der Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde in Nordrhein-Westfalen.

Nur einen Zwischenfall hat es offenbar gegeben: Auf dem Weg zum Stadion wurde Erdogans Konvoi kurz angehalten, zwei Menschen wurden festgenommen. Weitere Details fehlen der Polizei bisher. Dennoch loben die Beamten die insgesamt gelöste Stimmung bei der Demonstration: "Die Atmosphäre war völlig entspannt", sagt eine Sprecherin. Auf der Aachener Wiese, wo der Protestzug endete, werde nun gefeiert, gesungen und getanzt.

Mitarbeit: Oliver Trenkamp

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
derandersdenkende 24.05.2014
1. Auch am Vorabend der EU-Wahlen kräftig beim Zensieren?
Zitat von sysopREUTERSDer türkische Premier Erdogan spricht in Köln, seine Fans jubeln, seine Gegner Demonstrieren, die Polizei ist in Alarmbereitschaft. Der Auftritt zeigt, wie tief gespalten die türkische Gesellschaft ist - in der Türkei und in Deutschland. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/erdogan-in-koeln-demonstrationen-vor-auftritt-des-tuerkischen-premiers-a-971503.html
Was anderes durfte man auch nicht erwarten!
hors-ansgar 24.05.2014
2. Aufklärung vs. Reaktion
Der Riss der die türkische Gesellschaft durchzieht, ist der zwischen Aufkläung und Reaktion. Das beobachtet man in vielen Ländern. Auch in Arabien und sogar in den USA. Zweitens halte ich es für angemessen, dass man Herrn Erdogan bzw. der einladenden Organisation die Kosten in Rechnung zahlt. Wenn es unbedingt sein muss, soll er hier reden. Allerdings nicht auf Kosten der hiesigen (Deutschen, Türkischen,...) Steuerzahler!
mmo2 24.05.2014
3. Sehr neutral geschrieben
5/6 anti Erdogan 1/6 neutral. Und sowas nennt sich Journalismus.
fazil57guenes 24.05.2014
4. optional
Es wird Zeit, das allen Türken die Augen geöffnet werden. Erdogan hat im grossen Stil die Grundsätze von Mustafa Kemal Pascha verraten, geändert und verkauft. Allem voran der Laizismus. Die "undemokratischen Vorgaben" wie das Kopftuch verbot, in Hochschulen oder im öffentlichen Dienst, hatte schon seine Begründung. Atatürk hatte die Gefahr der Religion erkannt. Es stimmt mich Hoffnungsvoll, dass die türkische Jugend nicht nur noch vor "Facebook" oder "What's App" sitzt. Weiter so, Türk gencleri (junge Türken). Lasset uns an Atatürk's Grundsätze erinnern.
spon-facebook-1321056097 24.05.2014
5.
Zitat von hors-ansgarDer Riss der die türkische Gesellschaft durchzieht, ist der zwischen Aufkläung und Reaktion. Das beobachtet man in vielen Ländern. Auch in Arabien und sogar in den USA. Zweitens halte ich es für angemessen, dass man Herrn Erdogan bzw. der einladenden Organisation die Kosten in Rechnung zahlt. Wenn es unbedingt sein muss, soll er hier reden. Allerdings nicht auf Kosten der hiesigen (Deutschen, Türkischen,...) Steuerzahler!
bin zwar auch kein fan dieser kosten, aber das ist nichts im vergleich zu jenen die entstehen, wenn mal der us-präsident vorbeikommt. ich sage nur "gullideckel".
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