Erdogans Schulimport-Plan Intrigieren gegen die Integration

Türkische Schulen und Universitäten in Deutschland? Mit Integration hat das nichts zu tun. Die Vorschläge des Premierministers Erdogan würden die Parallelgesellschaft zementieren, kritisiert die Autorin Necla Kelek.


Berlin - Die Forderung des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan nach türkischen Schulen und Universitäten in Deutschland dient nicht der Integration - im Gegenteil. Er begreift die in der Bundesrepublik lebenden Türken offenbar zuerst als Anhängsel des türkischen Staatsvolks. Und das in einer Situation, in der auch die CDU schmerzlich begreift, dass Einwanderer keine Fremden, sondern neue Bürger sind.

Merkel, Erdogan: Zementierung der Parallelgesellschaft.
REUTERS

Merkel, Erdogan: Zementierung der Parallelgesellschaft.

Schon der gemeinsame Auftritt von Bundeskanzlerin Merkel und Erdogan lässt da tief blicken. Erdogan zeigt sich amüsiert darüber, dass die Kanzlerin mit den meist türkischstämmigen Schülerinnen und Schülern recht locker redet, ihnen Fragen stellt. Er selbst spricht die Jugendlichen nie direkt an, sondern redet immer im Pluralis Majestatis von "Wir", wobei er sowohl sich, die Türkei, seine Regierung und die Zuhörer zu meinen schien. Dass sich die Türken in der Türkei und die türkischstämmigen Deutschen in der Bundesrepublik voneinander unterscheiden, will Erdogan nicht zur Kenntnis nehmen. Sein "Wir" ist eine staatspolitische Fiktion.

Was Erdogan heute sagte, wird in den kommenden Tagen sicherlich für Aufregung unter den Integrationspolitikern sorgen. Denn wie der türkische Ministerpräsident Integration definierte, fiel weit hinter das zurück, was inzwischen bei uns als Common Sense gilt.

So erklärte der türkische Premier, was er auch bereits am Tag zuvor vor dem Brandhaus in Ludwigshafen formulierte, nämlich dass Türken und Deutsche eine unterschiedliche Religion, eine andere Sprache hätten und Mitglieder unterschiedlicher Nationen seien. Integration bedeute für ihn, dass die Türken in Deutschland das Recht hätten, ihre "eigene" Sprache zu lernen und ihre Kultur zu behalten. Tatsächlich bedeutet Integration etwas anderes: Ankommen in der Fremde - was nicht bedeutet, seine kulturellen Eigenheiten an der Grenze abzugeben. Aber einfach nur darauf zu beharren, dass man so bleiben kann, wie man ist, ist nicht Einwandern, sondern Stehenbleiben.

Erdogan sagte, dass Assimilation eine Schande für die Menschheit sei. Damit denunziert er jene türkischstämmigen Migranten, die sich in der Mitte des neuen Deutschland ganz wohl fühlen und sich in der deutschen Zivilgesellschaft ihren Platz erobert haben. Assimilation ist nur ein anderes Wort für Anpassung und beschreibt den Vorgang der Annäherung durch das gesellschaftliche Miteinander und die Übernahme etwa von Werten - und nicht den vorgeschriebenen Verzehr von Schweinefleisch. Erdogan verspürt offenbar eine Aufsichtspflicht für eingewanderte Türken. Doch die können und sollen für sich selbst sorgen.

Es wurde bei seinem Auftritt schnell klar: Erdogan scheint es auf alle Fälle vermeiden zu wollen, dass deutsche und türkische Jugendliche gemeinsame Werte entwickeln. Erdogan will diese Differenz vergrößern, er besteht auf der eigenen türkischen Sprache und Kultur und machte den Vorschlag, dafür könne er doch Lehrer und Sozialarbeiter nach Deutschland schicken. Als ob ein Lehrer aus Diyabakir oder Ankara etwas von den Sorgen und Nöten eines Jugendlichen aus Neukölln wissen kann.

Der türkische Premier nennt seine Landsleute "Botschafter einer Zivilisation des Friedens". Das bedeutet, dass er davon ausgeht, dass sich die Türken in Deutschland entweder nicht im Zustand des Friedens befinden oder die Türken den Islam als Botschafter nach Deutschland bringen sollen.

Für die türkische Politik scheint der Frieden mit Deutschland gestört, seit etwa das Zuwanderungsgesetz erstmals den türkischen Migranten etwas für die Integration abverlangt. Die "Importbräute" müssen Grundkenntnisse in Deutsch nachweisen. Seit dem Nationalen Integrationsplan wird ernsthaft an der Eingliederung der jungen Migranten in Deutschland gearbeitet.

Wer in Deutschland sein Glück machen will, der muss mindestens Deutsch können. Wenn Erdogan heute gefordert hätte, dass man sich hierzulande mehr Mühe geben sollte, damit mehr junge türkische Einwanderer ihren Weg in die Gymnasien und Universitäten machen - man hätte gerne applaudiert. Doch Erdogans Appell geht in eine ganz andere, fatale Richtung. Letztlich sind es Durchhalteparolen.

Wenn es Erdogan wirklich um die Menschen gehen würde, wären Ermunterungen zum Ankommen angebracht gewesen.



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