Erkenntnisse aus Stasi-Akten Das braune Erbe der DDR

Der Rechtsextremismus in den östlichen Bundesländern ist nicht nur ein Import aus der alten BRD. Eine neue Studie der Gauck-Behörde belegt eine große rechte Bewegung in der DDR.

Von Tobias Moorstedt




Rechtsradikalismus war auch in Ostdeutschland schon vor der Wende ein Problem
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Rechtsradikalismus war auch in Ostdeutschland schon vor der Wende ein Problem

Berlin - Sein Spitzname war "Sturmbannführer". Wie jeden Tag hing Ronnie B. mit seinen Kumpels auch am Abend des 17. Oktobers 1987 in der Ostberliner Gaststätte "Sputnik" ab und zechte. Fast alle der 80 Männer an den Tischen hatten kahlrasierte Köpfe.

Nur wenige hundert Meter weiter fand in der Zionskirche im Berliner Stadtbezirk Mitte ein Konzert der West-Berliner Band Element of Crime statt. Rund tausend Menschen waren gekommen. Die Zionskirche galt schon lange als Zentrum der oppositionellen Szene der DDR-Hauptstadt. Das Konzert war offiziell nicht genehmigt. Einheiten der Volkspolizei hatten das Gotteshaus umstellt.

Ungefähr um 21.30 Uhr verließ "Sturmbannführer" Ronnie B. mit 30 Gesinnungsgenossen die Gaststätte. Gemeinsam zogen sie zur Zionskirche. Wenig später fielen die Skinheads unter lauten "Sieg Heil" und "Judenschweine"-Rufen über das friedliche Konzertpublikum her. Fahrradketten und bloße Fäuste prasselten auf einzelne Besucher nieder. Die umstehenden Volkspolizisten griffen nicht ein. Dann verschwand der Rechtsradikalen-Trupp in der Nacht.

"Es wurde viel vertuscht"

Der Skinhead-Überfall aus dem Jahr 1987 war kein Einzelfall in der damaligen DDR. Tatsächlich hatte das Ministerium für Staatsicherheit (MfS) schon seit vielen Jahren Meldungen über rechtsextreme Straftaten wie "Hakenkreuz-Schmierereien" und "Schändungen jüdischer Friedhöfe" registriert. Zwischen 1965 und 1980 registrierte das MfS insgesamt rund 2300 Vergehen mit "faschistischen und antisozialistischem" Hintergrund. "Die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher gelegen haben", meint Bernd Eisenfeld, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gauck-Behörde, die sich um die Aufarbeitung der Stasi-Akten kümmert. Monatelang hat sich Eisenfeld durch alte Akten gearbeitet und Material für seine Studie "Rechtsextremismus in der DDR" gesammelt. Heute will er in Berlin eine Zwischenbilanz seiner Forschungen ziehen.

An die Öffentlichkeit gelangte zu DDR-Zeiten von den brisanten Zahlen allerdings nur wenig. Um den eigenen Nimbus vom antifaschistischen Musterstaat nicht zu zerstören, hielt die Stasi die rechtsextremistischen Umtriebe mehr oder weniger geheim. Eisenfeld: "Da wurde viel vertuscht."

Mit seiner Studie widerlegt Eisenfeld nun endgültig die Legende, die Seuche des Rechtsextremismus sei erst nach der Wende aus dem Westen in die neuen Bundesländer exportiert worden. "Dieser Rechtstrend geht nur in zweiter Linie auf den Westen zurück", sagte Eisenfeld im Vorfeld seiner Präsentation der "Süddeutschen Zeitung". "Er ist in erster Linie im Osten gewachsen", und sei somit auch ein Erbe der DDR.

Diese These ist umstritten: Noch im Sommer 2000 behauptete der stellvertretende Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Helmut Holter, der "Rechtsradikalismus im Osten ist die Folge der weggebrochenen Werte aus DDR-Zeiten". Gerade so, als habe der kalte Kapitalismus die antifaschistischen DDR-Schäfchen verdorben.

Zwar ist unbestritten, dass die "rechtsextremistische Entwicklung im Osten nach der Wende Hilfe aus dem Westen erfahren hat", wie der Duisburger Politologe Jochen Hippler meint. Sie sei allerdings "in der DDR entstanden und habe sich dort über Jahrzehnte entwickelt."

Die DDR-Administration legte erst nach dem Vorfall 1987 in der Berliner Zionskirche die ideologischen Scheuklappen ab. Denn der Skinhead-Überfall erregte beträchtliches Aufsehen. Über die Prozesse gegen die Haupttäter wurde selbst von den zentral gelenkten Medien ausführlich berichtet. Der Rechtsextremismus in der DDR war seitdem kein Tabuthema mehr.

Rechtsextremismus als Modererscheinung

Von nun an habe für das MfS gegolten "Skinheads vorrangig zu bearbeiten", schrieb der Historiker Walter Süß in einer von der Gauck-Behörde herausgegebenen Studie. Die rechte Szene rückte zunehmend in den Blickpunkt der Stasi-Männer. In einer Vielzahl von Studien wurde in den Monaten nach der Skinhead-Attacke an der Zionskirche das rechtsextremistische Potenzial der DDR zum ersten Mal ausgeleuchtet.

Dass Skinheads "eine Mode unter der Jugend" seien, stellte 1988 auch eine Studie des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung. Erst zwei Jahre nach der Wende durften die Forscher die Studie veröffentlichen. 64 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, stolz auf ihr "Deutschtum" zu sein. 67 Prozent hielten Deutsche für besser als Polen und 40 Prozent meinten es wäre am besten "wenn alle Ausländer das Land verlassen würden". Das Institut schätzte auf Grund empirischer Studien, dass 10-15 Prozent der DDR-Bevölkerung ein "festgefügtes rechtsradikales Denkmuster" hätten, insgesamt bis zu 50 Prozent der Jugendlichen besäßen "rechtsradikale Gefühlsstrukturen". Diese Zahlen unterscheiden sich kaum von den Erhebungen aus neuerer Zeit.

Drahtzieher im Westen?

Die DDR-Kriminalpolizei schrieb noch 1989 in einer "Studie über Erkenntnisse zu neofaschistischen Aktivitäten in der DDR": "Die Szene ist straff organisiert und besitzt Kommunikationsstrukturen und Zusammenarbeit auf Länderebene und darüber hinaus (BRD, Estland, Ungarn ....)."

Einzig und allein um die Interpretation der Ergebnisse gab es Differenzen. Walter Süß schreibt: "Das Politbüro sah die Drahtzieher im Westen, von wo aus neofaschistische Kräfte versuchten, junge DDR-Bürger zu rowdyhaften Handlungen gegen den sozialistischen Staat zu manipulieren."

Spätestens gegen Ende der achtziger Jahre war eben auch in der DDR vielen Fachleuten klar geworden, dass die ideologische These von den Fremdeinflüssen nicht mehr zu halten war. So kam eine Arbeitsgruppe des Innenministeriums zu dem Schluss, dass "die Ursache für die neofaschistischen Umtriebe in den gesellschaftlichen Problemen unseres Landes liegt".

Einen richtigen Lösungsansatz hatte allerdings auch das Mielke-Ministerium nicht zu bieten. Man beschränkte sich auf bloße Phrasen, die fast ein wenig an den viel beschworenen "Aufstand der Anständigen" im vergangenen Jahr erinnern. Der Rechtsextremismus sei eine "nicht zu unterschätzende Gefahr", die es im "Zusammenwirken aller gesellschaftlicher Kräfte zu bekämpfen" gelte. Geholfen hat es auch damals nichts.



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