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15. Dezember 2011, 17:03 Uhr

Ermittlungen gegen FDP-Mann Döring

Fehlstart für den Hoffnungsträger

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Konservativ, ausdauernd und von sich selbst schwer überzeugt: Der designierte FDP-Generalsekretär Döring hat schon immer den Eindruck erweckt, dass seine Partei an ihm gar nicht vorbeikommen kann. Jetzt belastet eine mögliche Unfallflucht seinen Start ins Amt - es gibt Zeugen.

Hamburg - Geschmeidig ist er, so viel steht fest. Patrick Döring, der designierte Generalsekretär der FDP, ist noch nicht einmal so richtig im Amt, da muss er bereits ein erstes Problem lösen - eine mögliche Fahrerflucht.

Offenherzig räumt Döring ein, dass er bei einem anderen Auto einen Außenspiegel abgefahren habe. Die Sache sei ein "Missgeschick" und ärgere ihn sehr, er habe den Schaden bereits reguliert, 200 Euro. Ansonsten gibt sich Döring unschuldig, er habe nichts von dem Unfall bemerkt, gibt er an.

Wirklich nicht?

"Wir haben Anhaltspunkte, dass er den Zusammenstoß bemerkt hat und dennoch die Unfallstelle verlassen hat", sagt Oberstaatsanwältin Irene Silinger aus Hannover SPIEGEL ONLINE. Zeugen hätten die Situation beobachtet und sich das Kennzeichen notiert. Daraufhin sei Döring als Halter und möglicher Fahrer ermittelt worden. Die Zeugenbeschreibung habe gepasst. Laut Zeugenaussagen habe Döring nach einem "Knall" zunächst gestoppt, seinen eigenen Außenspiegel wieder gerichtet und sei dann wieder losgefahren. Insgesamt habe die Polizei drei Zeugen befragt.

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen "unerlaubten Entfernens vom Unfallort" aufgenommen. Wie die Sache ausgeht, ist ungewiss. Sollte der neue Hoffnungsträger der Lüge überführt werden, wäre seine politische Karriere wohl schnell beendet.

In der FDP hofft man gleichwohl auf eine baldige Einstellung des Verfahrens. Döring sei ja reumütig, heißt es. Es sei zudem kein großer Schaden entstanden. Kurzum: Die ganze Sache sei kein Kapitalverbrechen, solle daher niedriger gehängt werden.

Trotzdem peinlich: Schon jetzt kratzt die Causa an Dörings Image - und belastet damit zugleich seine Partei. FDP-Chef Phillip Rösler hatte nach dem Rücktritt von Generalsekretär Christian Lindner bereits am Mittwoch Döring als Nachfolger präsentiert. Dieser soll dabei mithelfen, die FDP in bessere Zeiten zu führen. Und nun das: Ein Fehlstart. Ein gelungener Aufbruch in neue Zeiten sieht anders aus.

Ein Mann, der für die Politik lebt

Döring gilt in der FDP als zäh und ausdauernd, viele schätzen sein Redetalent und seine politische Rauflust. Das unterscheidet ihn von Vorgänger Lindner, der eher die leisen Töne anschlug.

Schon der Anfang von Dörings politischer Laufbahn verlief steil: Nur vier Wochen nach seinem Eintritt bei den Jungen Liberalen im Jahr 1991 wählten die Mitglieder Döring zu ihrem Ortsvorsitzenden im niedersächsischen Stade. Da war er gerade mal volljährig.

Danach war es zwar ein oft zäher Weg - aber es war zugleich ein Weg, von dem Döring offenkundig stets annahm, dass er ihn nach oben, in die Spitze der Partei und der deutschen Politik bringen würde. Jetzt ist die Vision des Bundestagsabgeordneten aus Hannover wahr geworden - er ist in eines der wichtigsten Parteiämter aufgestiegen.

Döring hatte es in der FDP nicht leicht. Man könnte auch sagen: Er machte es sich selbst schwerer als nötig. Wegen seines betont machtbewussten Auftretens schon als Kommunalpolitiker in Stade hatte er viele Kritiker. Ständig hing er selbst während verhältnismäßig unbedeutender Sitzungen am Telefon, machte Notizen mit einem dicken Montblanc-Füller und ließ den großen Politiker heraushängen. So erinnern sich Weggefährten von damals. "Das Telefon ist das wichtigste Instrument, um Politik zu machen", soll er nicht nur einmal gesagt haben.

1998 kandidierte er erstmals für den Bundestag, ohne Listenplatz und damit ohne Chancen, ins Parlament zu ziehen. Doch das Manöver war eine gute Möglichkeit für ihn, innerhalb der Partei auf sich aufmerksam zu machen. Er investierte mehrere tausend Mark in seinen Wahlkampf, manche seiner Parteifreunde wunderten sich über seinen Eifer. Döring, seinerzeit noch Student der Wirtschaftswissenschaften und nicht gerade betucht, sei verbissen und lebe schon in so jungen Jahren nur für die Politik, munkelten die Ersten.

"Meine Zeit wird noch kommen."

Wenn Leute ihn offen ansprachen, weil er wie ein erfahrener Berufspolitiker auftrat, verwies er auf die klapprigen Autos, die er fuhr. Seine alten Golfs sollten Bodenhaftung demonstrieren. In kleineren Zirkeln verriet er dennoch: "Meine Zeit wird noch kommen."

Aber selbst seine Kritiker kamen nicht umhin, Dörings Ehrgeiz zu bewundern, seine Informiertheit und seine Bereitschaft, hart zu arbeiten, Plakate zu kleben und stundenlang an Parteiständen auf Marktplätzen auszuharren und zu diskutieren. Döring besitzt außerdem die Fähigkeit, politische Niederlagen wegzustecken und einfach weiterzumachen, mithin klassische Stehaufmännchen-Qualitäten.

Der damalige Bundestagsabgeordnete Detlef Kleinert aus Hannover fand Gefallen an dem selbstbewussten Nachwuchs-Liberalen. Er lotste ihn nach Hannover, förderte ihn politisch und holte ihn auch in die von ihm gegründete "Agila Haustier-Krankenversicherung", in der Döring 2002 in den Vorstand aufstieg. Drei Jahre später trat er zudem in die Chefetage der Versicherung Wertgarantie ein - auch da von Vorstandsmitglied Kleinert geholt. In der FDP beobachtete man das Duo mit einer Mischung aus Respekt und Skepsis.

In Hannover zog Döring 2001 in den Stadtrat ein, 2002 kandidierte er zum zweiten Mal für den Bundestag, diesmal im von Kleinert geerbten Wahlkreis in Hannover. Wieder gab er viel Geld aus für den Wahlkampf und ließ keinen Zweifel daran, dass er den Erfolg unbedingt wollte - will -, doch wieder scheiterte er. Erst 2005 gelang ihm, bei einem erneuten Anlauf in Hannover, der Sprung ins Parlament.

Als die FDP bei der vergangenen Bundestagswahl sagenhafte 14,6 Prozent holte und an die Regierung kam, erhielten Dörings jungliberale Weggefährten allesamt wichtige Regierungsposten. Er selbst wurde mit dem stellvertretenden Fraktionsvorsitz abgespeist.

Konservative Positionen

Es heißt, dass der damalige Partei-Chef Guido Westerwelle höhere Weihen verhinderte, er habe ihn für zu ambitioniert gehalten. Als er einen neuen Generalsekretär suchte, war allerdings auch Döring im Gespräch. Die Abteilung Attacke traute man ihm zu. Doch schließlich gab Westerwelle dem jüngeren und geschmeidigeren Christian Lindner den Vorzug. Wieder einmal ließ Döring seine engsten Freunde wissen: "Mein politischer Höhepunkt kommt noch."

Politisch ist Döring innerhalb der FDP recht leicht zu verorten: als konservativer Liberaler. Nie ließ er Zweifel daran, dass er die Union für den besten Koalitionspartner der FDP hält. Bei den Liberalen vertritt er vor allem wirtschaftsliberale und konservative Positionen. Auch das ist ein Unterschied zu seinem Vorgänger.

Ach ja: Und er ist verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Das passt.

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