Zum Tod von Ernst Albrecht Niedersachsens letzter Rechtskonservativer

Ernst Albrecht wollte "Gutes tun im Sinne Gottes" und rechtfertigte zu RAF-Zeiten doch in Ausnahmefällen die Folter. Am Samstag ist der frühere niedersächsische Ministerpräsident und Vater von Ursula von der Leyen gestorben. Ein Nachruf.

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Von Karl-Ludwig Günsche


Ein Mann für Feuerwehrfeste und Hinterzimmerstammtische ist Ernst Albrecht nie gewesen. Der Herr, der die vergangenen Jahre auf dem niedersächsischen Familiengut Beinhorn residierte, war ein strenger Protestant, ein Rechtskonservativer von der Art, wie sie in der heutigen CDU rar geworden sind.

Gleichzeitig ist Albrecht der erste namhafte deutsche Politiker, dessen Familie die Öffentlichkeit schon lange vor seinem Tod darüber informiert hatte, dass dieser einst so aktive und selbstbestimmte Mann an Alzheimer erkrankt war und langsam die Kontrolle über Körper und Geist verlor. Am Samstag ist Albrecht in Beinhorn gestorben.

Albrecht war der erste Christdemokrat auf dem Chefsessel in der Staatskanzlei in Hannover. Von 1976 bis 1990 prägte er die einstige SPD-Hochburg Niedersachsen. "Ich wollte Gutes tun im Sinne Gottes", sagte er einmal, als er nach den Zielen in seinem Leben gefragt wurde. "Macht in den Händen eines Mannes von hohem sittlichem Niveau vermag unendlichen Segen zu stiften", sagte Albrecht ein anderes Mal. In der Zeit des RAF-Terrorismus rechtfertigte er Folter in Ausnahmefällen als "sittlich geboten".

Der am 29. Juni 1930 in Heidelberg geborene und bei Bremen aufgewachsene Albrecht wurde stark durch die deutsche Jugendbewegung der Nachkriegsjahre beeinflusst: Er hatte sich 1946 für zwei Jahre einer zur Bündischen Jugend zählenden Gruppe in Bremen angeschlossen. Der junge Ernst Albrecht wurde Gruppenführer in dieser von Lagerfeuerromantik beseelten und nach innerer Disziplin strebenden Jungsgemeinschaft.

Wie Albrecht überraschend schnell in der CDU aufstieg

Albrecht war eine zwiespältige Persönlichkeit. Das zeigte sich vor allem bei seiner Studienwahl: Erst studierte er - unter anderem bei Karl Jaspers - Theologie und Philosophie, dann Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Seine Karriere startete er in der Brüsseler Europa-Bürokratie. Mit 37 Jahren hatte er bereits die höchste Stufe in der Beamtenhierarchie erreicht: Er war als Generaldirektor der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zuständig für Wettbewerbsfragen.

Drei Jahre hielt es ihn auf diesem Posten, dann sagte er Brüssel ade, zog in den niedersächsischen Landtag ein und wurde zudem stellvertretender Geschäftsführer beim Gebäckhersteller Bahlsen.

Albrechts große Stunde schlug 1976: Völlig überraschend wurde er zum Nachfolger des aus Altersgründen zurückgetretenen Ministerpräsidenten Alfred Kubel gewählt. Die SPD, die bis dahin den Ministerpräsidenten gestellt hatte, war durch Grabenkämpfe zersplittert, und mehrere Abgeordnete aus dem sozial-liberalen Regierungslager stimmten im Januar bei der geheimen Wahl des neuen Regierungschefs in zwei Wahlgängen für Albrecht statt für den Kandidaten der eigenen Partei, Helmut Kasimier.

Für die Regierungsbildung reichte es jedoch nicht. Die Bundes-SPD versuchte zu retten, was zu retten war, und schickte für den dritten Wahlgang Bundesbauminister Karl Ravens ins Rennen. Vergeblich: Mit 79 gegen 75 Stimmen wurde Albrecht am 6. Februar zum Ministerpräsidenten gewählt. Ein Jahr lang lenkte er das Land mit einer Minderheitsregierung, dann schloss er ein Bündnis mit der FDP. Zwei Jahre später errang er bei der Landtagswahl die absolute Mehrheit.

In Helmut Kohls Bundes-CDU galt Albrecht nach der "Sensation von Hannover" als Hoffnungsträger. Albrecht stieg rasch in der Parteihierarchie auf. Ende 1978 nahm er unbürokratisch rund tausend vietnamesische Boatpeople in Niedersachsen auf, die ausgehungert und verzweifelt durch das südchinesische Meer geirrt waren. Albrecht war der erste deutsche Politiker, der sich spontan zu dieser humanitären Geste entschloss.

Schachfigur aufs Kohls Spielbrett um die Macht

Zweimal war Albrecht höchsten politischen Ämtern nahe. Ende der Siebzigerjahre versuchte der damalige CDU-Vorsitzende Helmut Kohl, Albrecht zum Kanzlerkandidaten der Union aufzubauen, um Franz Josef Strauß zu stoppen. Doch bei einer geheimen Wahl in der CDU/CSU-Fraktion im Juli 1979 unterlag der Niedersachse dem CSU-Chef mit 102 zu 135 Stimmen. Kohl selbst wollte gegen Strauß nicht antreten. Er hielt die Bundestagswahl ohnehin für verloren. "Ehrlicherweise muss man sagen, dass zu diesem Zeitpunkt vermutlich kein Kandidat der Union, wie immer er auch hieße, eine gute Chance hatte, Helmut Schmidt aus dem Kanzleramt zu drängen", gab Kohl später zu.

1983 wollte Kohl, inzwischen Kanzler, seinen Kompagnon Albrecht dafür belohnen, dass er sich bereitwillig in das verlorene Rennen gegen Strauß begeben hatte. Er bot ihm das Amt des Bundespräsidenten an. Doch wieder war Albrecht nur eine Schachfigur aufs Kohls Spielbrett im Kampf um die Macht. Er sollte die Kandidatur des bei Kohl in Ungnade gefallenen Richard von Weizsäcker verhindern. Als Weizsäcker Kohl im CDU-Präsidium offen zur Rede stellte, ließ der Kanzler Albrecht fallen. Kohl leugnete, dass er Albrecht irgendetwas versprochen hatte. Albrecht registrierte dies mit versteinerter Miene.

Zeitweise wurde Albrecht seinerseits mit Ränkespielen gegen Helmut Kohl in Verbindung gebracht. Im Sommer 1982 etwa wurde er zu einem Kreis um Walther Leisler Kiep, Gerhard Stoltenberg und Richard von Weizsäcker gezählt, die Kohl bei dem sich abzeichnenden Ende der sozial-liberalen Koalition unter Helmut Schmidt als künftigen Kanzler verhindern wollten.

Im Spätsommer 1989 plante eine Gruppe führender CDU-Politiker um den ehemaligen Generalsekretär Heiner Geißler einen Putsch gegen Helmut Kohl. Der von Kohl enttäuschte Albrecht sollte den Patriarchen ablösen - er wagte aus Parteiräson jedoch nicht, auf dem Bremer Parteitag gegen den Parteichef anzutreten. Kohl blieb unangefochten, Albrecht in Niedersachsen.

1990 verlor er dort sein Amt. Albrecht hatte noch versucht, den Niedergang der Niedersachsen-CDU durch die Nominierung von Rita Süssmuth zur Nachfolgerin in spe zu stoppen. Dennoch musste er bei der Landtagswahl 1990 eine herbe Niederlage einstecken. Sein Gegenkandidat: der spätere Kanzler Gerhard Schröder. Nach der verlorenen Wahl zog sich Albrecht aus der Politik zurück.

Seine letzten Jahre verbrachte Albrecht, Vater von sieben Kindern, auf dem Familiengut Beinhorn, umsorgt von seiner Tochter Ursula von der Leyen, Ministerin im Kabinett Merkel, Mutter von ebenfalls sieben Kindern. Ihr Vater habe "ein sehr erfülltes, langes Leben gehabt", sagte von der Leyen nun diesen Samstag. Er habe nicht leiden müssen und sei "ganz schnell und ganz friedlich" gestorben.

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boguspomp 13.12.2014
1. Ernst Albrecht war der erste in der CDU, der mir
sympathisch war. Vor ihm war die CDU ein Sammelbecken von Altnazis. Er war ein Herr, geradlinig und niemand, der seine Gegner herabstufte. Er sollte Kanzler werden, wurde es aber nicht. Nun wird wohl seine Tochter die nächste Kanzlerin. RIP Ernst Albrecht
thelma&louise 14.12.2014
2. Umgang mit Krankheit
Mir hat gefallen, wie offen die Familie mit der Krankheit des Vaters umgegangen ist. Frau von der Leyen hat vor ein paar Jahren dem Deutschen Ärzteblatt dazu ein Interview gegeben. Wenn wir alle offen und authentisch mit dem Alter und überhaupt den familiären. Dingen umgehen, wird die Gesellschaft nicht Auseinanderdriften, sondern enger zusammen wachsen. Alle haben die gleichen Sorgen.
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