Erster Auftritt als Bundespräsident: Seehofer spielt Staatsmann

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In der schwarz-gelben Koalition gibt CSU-Chef Horst Seehofer gern den Querkopf und Chef-Polterer. Für ein paar Wochen muss er sich nun zusammenreißen - bis Mitte März springt er als Ersatz-Bundespräsident ein. Seine erste Amtshandlung geriet unfreiwillig komisch. 

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Berlin - Für den einen war es die höchste Auszeichnung, die ein Spitzensportler in Deutschland bekommen kann. Für den anderen war es die Premiere im höchsten Amt, das ein Politiker in Deutschland ausüben darf. Formel-1-Champion Sebastian Vettel bekam am Freitag das Silberne Lorbeerblatt verliehen, aus der Hand von Horst Seehofer (CSU), dieser Tage Ersatz-Hausherr in Schloss Bellevue.

Eigentlich sollte der junge Rennfahrer Christian Wulff gegenüberstehen, doch dessen Rücktritt kam dazwischen. Weil Seehofer zufällig gerade dem Bundesrat vorsitzt, erledigt er bis zur Wahl des designierten Wulff-Nachfolgers Joachim Gauck den Job des Staatsoberhaupts. Seit einer Woche ist Seehofer nun Interims-Bundespräsident, bis Mitte März nimmt er kommissarisch einige Termine des Staatsoberhaupts wahr.

Dauerlächeln für die Kameras, gestelztes Vokabular vor kargem Setting (Wand, Flagge, Flügeltür): Veranstaltungen in Bellevue muten bei allem guten Willen oft etwas künstlich an. Und Seehofer, in Bayern und Berlin Spezialist für polternde Auftritte, fügte sich gar trefflich in seine neue Umgebung ein.

Bedächtig schritt er Seit an Seit mit Vettel in den Saal, der Hüne schaute väterlich auf den 24-Jährigen hinab, der schüchtern von schräg unten zurücklächelte. Ein hübsches Bild. Leider machte die Laudatio, die sämtliche Motorsport-Metaphern der deutschen Sprache in eine zehnminütige Ansprache zu pressen versuchte, den Auftritt unfreiwillig komisch.

"Heute stoppen wir die Zeit nicht, heute genießen wir sie einfach", kalauerte Seehofer mit Hilfe seines Manuskripts. In diesem Stil ging es dann weiter:

  • "Eine Feierstunde für das Silberne Lorbeerblatt dauert erfahrungsgemäß etwa so lange wie ein Formel-1-Rennen im japanischen Suzuka", verkündete Seehofer zum Beispiel. "Allerdings steht der Sieger bei uns schon vorher fest."

  • "Ich glaube, ein innerer Antrieb ist mindestens genauso viel wert wie ein guter Fahrzeugmotor" philosophierte Seehofer und erklärte: "Denn eine innere Überzeugung hält uns auch dann noch in Bewegung, wenn es einmal brenzlig wird oder wenn ein unfreiwilliger Boxenstopp droht."

Selbst das Product-Placement für den Sponsor durfte nicht fehlen, als er über Vettels soziales Engagement sprach:

  • "Diese Art der Zuwendung und Bestärkung, die man nur von Mensch zu Mensch geben kann, verleiht tatsächlich Flügel."

Fairerweise muss man sagen: Die Rede war schon lange vorbereitet, noch vor Wulffs Rücktritt wurden die Sätze im Haus auf Wulff zugeschnitten, und nach dessen Abgang "leicht umgearbeitet", hieß es aus dem Bundespräsidialamt. Aus Zeitgründen sei eine eigene Rede für Seehofer kaum mehr möglich gewesen.

Und auch nicht notwendig, denn für einen Ausgezeichneten ist es wohl unerheblich, wer ihm die Anstecknadel ans Revers pinnt. Und so wirkte Vettel ("Sie wissen vielleicht, dass ich gern Pokale und Trophäen sammle") am Freitag denn auch ernsthaft gerührt.

Zapfenstreich für Wulff

Dass Seehofer jetzt von internationalen Medien als "Germany's acting President" betitelt wird, dürfte für ihn ein schönes Schmankerl sein. Der Bundespolitiker, der seit 2008 an der Spitze der CSU steht, gilt als wankelmütig, zuweilen unberechenbar und selten um einen sarkastischen Kommentar verlegen. In der Bundesregierung schießt er gerne mal quer, etwa mit Vorstößen gegen die Rente mit 67.

Seine neue Aufgabe schien ihm in den vergangenen Tagen durchaus Freude zu machen. Am Donnerstag, als Seehofer an der Gedenkveranstaltung für die Opfer der NSU-Terrorzelle teilnahm, lud er den designierten Wulff-Nachfolger Gauck großzügig ins Schloss Bellevue ein. Und beim Politischen Aschermittwoch in Passau konnte er es sich bei aller Zurückhaltung nicht verkneifen, mit den 30 Tagen seines Ruhms zu kokettieren.

Weitere Termine mit Seehofer als Bundespräsident standen am Freitag noch nicht fest. Der bayerische Ministerpräsident, so heißt es aus Staatskanzlei und Bundespräsidialamt, werde nicht alle geplanten Veranstaltungen und Reisen von Christian Wulff übernehmen können, "aber alles, was mit seinem Terminplan vereinbar" sei. Am Freitag empfing Seehofer unter anderem auch die Botschafterin von Burkina Faso - und dürfte versöhnende Worte für die Diplomatin gefunden haben. Denn das Land muss nach dem Rücktritt Wulffs die zweite kurzfristige Absage eines deutschen Staatsoberhaupts hinnehmen.

Die Abschiedszeremonie für Wulff steht derweil fest: Laut Berliner "Tagesspiegel" soll er in der übernächsten Woche mit einem Zapfenstreich verabschiedet werden. Für Rennfahrer Vettel ist am 18. März in Melbourne Saisonauftakt - am gleichen Tag geht Seehofers Intermezzo als Bundespräsident zu Ende. Dann tritt die Bundesversammlung zusammen, um das neue Staatsoberhaupt zu wählen.

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1. Unfreiwillig?
WertPacket 24.02.2012
Naja, unfreiwillig komisch ist die Rede doch nun wirklich nicht. Wie witzig diese wirklich ust, muss natürlich jeder selbst entscheiden.
2. Auszeichnung für Steuerflüchtling?
palafea 24.02.2012
Da zieht ein schwerreicher Formel 1 Fahrer in die Schweiz, da er dort weniger von seinen zahlreichen Millionen abgeben muss und trotzdem ehrt ihn sein Ursprungsland mit einer Auszeichnung... finde ich persönlich das falsche Zeichen, auch wenn er sie sportlich verdient. Er könnte sich die Steuern in Deutschland leisten, aber er scheint auf den Fussspuren von seinem grossen Vorbild Schumacher zu wandeln.
3. Seehofer = Valium
Kirk70 24.02.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn1.spiegel.de/images/image-320368-thumb-ejmd.jpg" /><span class="spCredit">REUTERS</span></span><span id="sysopText">In der schwarz-gelben Koalition gibt CSU-Chef Horst Seehofer gern den Querkopf und Chef-Polterer. Für ein paar Wochen muss er sich nun zusammenreißen - bis Mitte März springt er als Ersatz-Bundespräsident ein. Seine erste Amtshandlung geriet unfreiwillig komisch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,817317,00.html</span></div>
Ich habe die Rede beim Zappen ca 1 Minute gesehen und vor allem gehört. Mein Sprach-Synthesizer am Handy hat mehr Melodie und Akzentuierungen in der Stimme als Commander Narcotica. Der Mann ist seit Jesus Geburt Politiker und kann noch nicht mal etwas lebendiger Ablesen.
4. Was war daran ..
stuhlsen 24.02.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn1.spiegel.de/images/image-320368-thumb-ejmd.jpg" /><span class="spCredit">REUTERS</span></span><span id="sysopText">In der schwarz-gelben Koalition gibt CSU-Chef Horst Seehofer gern den Querkopf und Chef-Polterer. Für ein paar Wochen muss er sich nun zusammenreißen - bis Mitte März springt er als Ersatz-Bundespräsident ein. Seine erste Amtshandlung geriet unfreiwillig komisch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,817317,00.html</span></div>
...unfreiwillig komisch ? Kann ich nicht nachvollziehen. Offensichtlich nimmt das BP-Bashing keine Ende, nicht mal vor dem Kandidaten und auch nicht vor dem rein Amtierenden.
5. Auszeichnung
haemoride 24.02.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn1.spiegel.de/images/image-320368-thumb-ejmd.jpg" /><span class="spCredit">REUTERS</span></span><span id="sysopText">In der schwarz-gelben Koalition gibt CSU-Chef Horst Seehofer gern den Querkopf und Chef-Polterer. Für ein paar Wochen muss er sich nun zusammenreißen - bis Mitte März springt er als Ersatz-Bundespräsident ein. Seine erste Amtshandlung geriet unfreiwillig komisch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,817317,00.html</span></div>
Und ich dachte das "Silberne Lorbeerblatt" gibt es nur für Fernsehköche !
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Vom Kandidaten zum Präsidenten
Wer wählt den Bundespräsidenten?
Die Bundesversammlung, die sich aus den Abgeordneten des Bundestages und einer gleichen Zahl von Wahlmännern beziehungsweise -frauen aus den Ländern zusammensetzt. Letztere werden von den Länderparlamenten entsprechend den jeweiligen politischen Stärkeverhältnissen gewählt. Derzeit gehören dem Parlament 620 Abgeordnete an. Die Bundesversammlung umfasst somit 1240 Wahlleute.
Wie wird gewählt?
Das Staatsoberhaupt wird geheim und ohne vorherige Aussprache gewählt. Gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Die Wiederwahl ist einmal möglich. Wählbar ist jeder Deutsche, sofern er das 40. Lebensjahr vollendet hat. Sollte kein Bewerber im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit. Drei Mal waren bislang drei Wahlgänge erforderlich: 1969 bei Gustav Heinemann, 1994 bei Roman Herzog und 2010 bei Christian Wulff.
Wann wird gewählt?
Laut Gesetz muss die Bundesversammlung spätestens 30 Tage vor dem Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten zusammentreten. Sollte eine Amtszeit verfrüht enden muss die Bundesversammlung spätestens dreißig Tage später den Nachfolger wählen. Als spätester Termin für die Neuwahl kommt somit der 18. März in Frage. Einberufen wird die Versammlung vom Bundestagspräsidenten.
Wer hat die Mehrheit?
Die parteipolitische Mehrheit der Bundesversammlung muss nicht identisch sein mit den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Nach Berechnungen des Portals wahlrecht.de hätte Schwarz-Gelb derzeit nur eine Mehrheit von zwei bis vier Stimmen in der Bundesversammlung. Da SPD und Grüne mit im Boot sind, gilt die Wahl von Joachim Gauck als sicher.
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