Erster Auftritt des Präsidenten: Heimspiel für Gauck

Von , Leipzig

Die Premiere des ersten Staatsoberhaupts aus den neuen Ländern? Natürlich, in Ostdeutschland. Den Festakt zu 800 Jahren Thomanerchor in Leipzig ließ sich Bundespräsident Joachim Gauck nicht nehmen - schließlich hatte er noch als Privatmann zugesagt. Die Sachsen dankten ihm mit Ovationen.

DPA

Nein, er werde heute nicht singen, sagt Sebastian Krumbiegel und lacht. "Ich bin diesmal nur Gast." Der Gründer der Band "Die Prinzen" war als Junge selbst ein Mitglied des Leipziger Knabenchors, nun ist er unter den Glücklichen, die Karten für den Festakt zum 800. Geburtstag der Thomaner bekommen haben. Krumbiegel steht an diesem sonnigen Märzmorgen in der langen Schlange, die sich bis zum Einlass der Thomaskirche zieht. Ein großes Ereignis in Leipzig wäre das ohnehin gewesen - aber nun ist auch noch der neue Bundespräsident dabei. "Das ist der Hammer", sagt Krumbiegel. "Und ich habe schon im Sommer 2010 als Wahlmann für ihn gestimmt."

Präsident ist Joachim Gauck allerdings erst seit zwei Tagen. Nach dem vergeblichen Anlauf vor 20 Monaten wurde er diesmal mit einer Mehrheit von über 80 Prozent ins Amt gewählt. Gauck ist nun das elfte Staatsoberhaupt der Republik - und der erste aus Ostdeutschland.

Dass Gauck den Leipziger Festakt für seinen ersten Auftritt als Bundespräsident wählt, ist eine schöne Geschichte. Dabei gibt es formal gleich doppelt Grund dafür: Amtsvorgänger Christian Wulff hatte bei den Thomanern zugesagt - genau wie der Privatmann Joachim Gauck, schon vor Wochen. Nur für den Fall, dass ihm jemand nachsagen würde, die Ossis zu bevorzugen.

Gaucks Sympathiewerte im Osten sind ausbaufähig

Tatsächlich muss der neue Bundespräsident wohl schauen, dass er in den neuen Ländern ein bisschen Boden gut macht. Denn anders als im Westen der Republik sind seine Sympathiewerte dort stark ausbaufähig. Das liegt zum einen an seiner Vergangenheit als Chef der Stasiunterlagen-Behörde. Zudem nervt viele zwischen Thüringer Wald und Rügen, dass Gauck immer von der Freiheit schwärmt, während sie sich im vereinten Deutschland immer noch als Bürger zweiter Klasse fühlen. Als Karrieristen sehen sie ihn, auch ein bisschen als Verräter.

Doch in Leipzig ist davon nichts zu spüren, als Joachim Gauck und seine Partnerin Daniela Schadt um kurz vor elf aus der schweren Limousine mit der Bundespräsidenten-Standarte klettern. "Bravo" rufen die Leipziger, klatschen wie wild, feiern das neue Staatsoberhaupt. Vielleicht überwiegt bei manchem ostdeutschen Gauck-Kritiker inzwischen doch der Stolz, dass es einer von ihnen nun ins Schloss Bellevue geschafft hat. Der Präsident jedenfalls strahlt. Er winkt und ruft: "Guten Tag, Leipzig". Und dann in die andere Richtung, wo einige Sängerknaben auf ihn warten: "Guten Tag, Thomaner."

Es ist ein echtes Heimspiel, das ihm die Leipziger bereiten. Geschenkt, dass er aus Mecklenburg kommt.

In der Thomaskirche geht das dann gerade so weiter. Sie können sich gar nicht einkriegen vor Stolz, dass Joachim Gauck wirklich da ist, die Pfarrerin, der Oberbürgermeister, der Ministerpräsident. In jeder Rede wird sein Kommen aufs Neue gewürdigt.

Joachim Gauck, der inzwischen einen weißen Thomaner-Schal auf den Schultern trägt - eine Art Fan-Utensil, das gut die Hälfte der Gäste angelegt hat - genießt es.

Bei den Thomanern fühlt sich Gauck zu Hause

Auch, weil dies seine Welt ist. Der Protestant und ehemalige Pastor Gauck fühlt sich in der Thomaskirche zu Hause, das sieht man ihm an. Luther hat hier gepredigt, draußen steht ein bronzener Johann Sebastian Bach von zweieinhalb Metern, drinnen flirren jetzt die Melodien des berühmtesten Thomaner-Kantors unter dem rot bemalten Kreuzrippengewölbe. "Singet dem Herrn ein neues Lied", die Parade-Motette der Thomaner im Zusammenspiel mit dem Gewandhausorchester, ein bisschen himmlisch kann einem da schon werden.

Aber Leipzig ist für den Freiheits-Prediger Gauck auch aus einem weiteren Grund ein besonderer Ort: Hier gab es die ersten großen Montagsdemonstrationen in der Wende-Zeit, die Leipziger waren außerordentlich mutig in ihrem Aufbegehren gegen das SED-Regime.

Zum Abschluss wird "Dona nobis pacem" gespielt, aus Bachs Messe in h-Moll. Ein hübscher Zufall: Dieses Lied stimmte Gauck bei seiner privaten Feier am Sonntagabend an - wenige Stunden war seine Wahl zum Bundespräsidenten erst her - nachdem seine Tochter Gesine ihn aufgefordert hatte: "Nun sing doch mal was."

Beim Thomaner-Festakt ist kein Ton von Joachim Gauck zu hören. So sah es das Protokoll vor, "Stille Teilnahme" heißt das im Bundespräsidial-Sprech, dabei bleibt's.

Vor der Kirche wartet schon die Staatskarosse. Schnell noch ein paar Hände geschüttelt, "es war schön, dass ich hier dabei sein konnte", sagt Gauck, dann setzt sich die Präsidenten-Kolonne wieder in Bewegung.

"Viel Glück", ruft ein älterer Herr hinterher.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. kein Wunder..
matz-bam 20.03.2012
Zitat von sysopDie Premiere des ersten Staatsoberhaupts aus den neuen Ländern? Natürlich, in Ostdeutschland. Den Festakt zu 800 Jahren Thomanerchor in Leipzig ließ sich Bundespräsident Joachim Gauck nicht nehmen - schließlich hatte er noch als Privatmann zugesagt. Die Sachsen dankten ihm mit Ovationen. Erster Auftritt des Präsidenten: Heimspiel für Gauck - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822569,00.html)
..dass die jubeln.Jetzt hat der Osten die BRD komplett übernommen.
2. Eitle Gestik
biobayer 20.03.2012
Bescheidenheit ist Gauck's Stärke nicht. Fehlte nur noch, den Boden zu küssen, wie es der selige Papst Johannes Paul II. zu tun pflegte. Bei letzterem wirkte dies aber nicht anmaßend.
3.
thueringer_wald 20.03.2012
Ich finde es traurig, dass 2012 immer noch eine Trennung zwischen Ost- und West stattfindet. Als Jahrgang 1987 habe ich keinen Bezug zu "Ostdeutschland". Laut Personalausweis habe ich die Deutsche Staatsangehörigkeit, keine Ostdeutsche. Herr Gathmann erwähnt in seinem Artikel, dass sich mancher als Bürger 2. Klasse empfindet. Die Antwort auf das Warum ist recht einfach: Er tituliert sie selbst als "Ostdeutsche". Welchen Zweck verfolgen die Medien, immernoch solch eine geistig-politische Trennung aufrecht erhalten zu wollen? Gerade Gauck sollte der Beweis sein, dass Herkunft keine Rolle spielt. Eine multikulturelle und friedliche Gesellschaft soll richtigerweise das Ziel für alle Deutschen sein. Aber wie soll dies funktionieren, wenn das eigene Volk in Deutsche und Ostdeutsche geteilt wird? Mit einem Blick auf die Geschichte möchte meinen polemischen Eintrag beenden: Man sollte bedenken, dass die Ost/Westproblematik nur aufgrund der Kriegsschuld eines gemeinsamen Deutschen Reiches resultiert. Nicht jeder Landesteil hatte dann das Glück, die richtige Besatzungsmacht als Schutzparte zu bekommen. Herrn Gauck für die Zukunft alles Gute, vielleicht schafft er es ja Brücken zu schlagen. Es verbleibt mit freundlichen Grüßen ein Ostdeutscher, welcher sich selbst nur als Deutscher betrachtet
4. na
matz-bam 20.03.2012
Zitat von biobayerBescheidenheit ist Gauck's Stärke nicht. Fehlte nur noch, den Boden zu küssen, wie es der selige Papst Johannes Paul II. zu tun pflegte. Bei letzterem wirkte dies aber nicht anmaßend.
Was erwarten Sie von jemandem, der seine Biographie schönt, so dass aus einem Mitläufer ein Widerstandskämpfer wird? Kirchentag 1988: Pastor der Unfreiheit — Der Freitag (http://www.freitag.de/politik/1210-der-staatsdiener)
5. Und glaubt wirklich eine Revolution..
Baikal 20.03.2012
Zitat von matz-bam..dass die jubeln.Jetzt hat der Osten die BRD komplett übernommen.
.. veranstaltet zu haben und nicht von den Russen schlicht an den Westen verkauft worden zu sein.
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Vom Kandidaten zum Präsidenten
Wer wählt den Bundespräsidenten?
Die Bundesversammlung, die sich aus den Abgeordneten des Bundestages und einer gleichen Zahl von Wahlmännern beziehungsweise -frauen aus den Ländern zusammensetzt. Letztere werden von den Länderparlamenten entsprechend den jeweiligen politischen Stärkeverhältnissen gewählt. Derzeit gehören dem Parlament 620 Abgeordnete an. Die Bundesversammlung umfasst somit 1240 Wahlleute.
Wie wird gewählt?
Das Staatsoberhaupt wird geheim und ohne vorherige Aussprache gewählt. Gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Die Wiederwahl ist einmal möglich. Wählbar ist jeder Deutsche, sofern er das 40. Lebensjahr vollendet hat. Sollte kein Bewerber im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit. Drei Mal waren bislang drei Wahlgänge erforderlich: 1969 bei Gustav Heinemann, 1994 bei Roman Herzog und 2010 bei Christian Wulff.
Wann wird gewählt?
Laut Gesetz muss die Bundesversammlung spätestens 30 Tage vor dem Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten zusammentreten. Sollte eine Amtszeit verfrüht enden muss die Bundesversammlung spätestens dreißig Tage später den Nachfolger wählen. Als spätester Termin für die Neuwahl kommt somit der 18. März in Frage. Einberufen wird die Versammlung vom Bundestagspräsidenten.
Wer hat die Mehrheit?
Die parteipolitische Mehrheit der Bundesversammlung muss nicht identisch sein mit den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Nach Berechnungen des Portals wahlrecht.de hätte Schwarz-Gelb derzeit nur eine Mehrheit von zwei bis vier Stimmen in der Bundesversammlung. Da SPD und Grüne mit im Boot sind, gilt die Wahl von Joachim Gauck als sicher.

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